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Samstag, 16. Dezember 2017 10

Brauchtum

Herausgeputzt fürs Dating-Portal Kirwa

In Sulzbach-Rosenberg sind die Oberpfälzer Kirwabräuche noch heute lebendig. Auch die Tracht gehört dazu.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Ein Dirndl mit Schürze in Blautönen ist ein klassisches Outfit für ein Kirwamoidl in der Region. Foto: Gabi Schönberger

Sulzbach-Rosenberg.Als „kirchweihreichste Region Deutschlands“ bezeichnete unsere Zeitung vor fünf Jahren den Landkreis Amberg-Sulzbach. Tatsächlich gibt es hier in nahezu jeder noch so kleinen Ortschaft eine Kirwa. Zentrum der alljährlichen Kirwa-Saison ist die Stadt Sulzbach-Rosenberg mit insgesamt acht Kirchweih-Festen im Stadtgebiet, darunter zwei sehr traditionsreiche Veranstaltungen: zum einen die Woizkirwa am Luitpoldplatz in Sulzbach und zum anderen die Rosenberger Kirwa in der Ortsmitte von Rosenberg.

Nicht nur die Kirwaleit der ausrichtenden Vereine tragen dabei Tracht. Auch die Besucher erscheinen im Zuge des anhaltenden Trachten-Booms in Dirndl und Lederhosen. „Oh kirwa lou net nou“ heißt dementsprechend auch der Titel zur hiesigen Ausstellung der Reihe „Tracht im Blick“ im Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg.

Geschichte der Oberpfälzer Kirwa

Die aktuelle Tracht des Heimat- und Trachtenvereins „Stamm“ Foto: Gabi Schönberger

„Jetzt kann man hier jedes Wochenende auf drei bis vier Kirwan gehen“, sagt Museumsleiterin Edith Zimmermann. Sie hat in der Scheune des Stadtmuseums einen kleinen Rundgang zusammengestellt, der die Geschichte der traditionellen Oberpfälzer Kirwa aufzeigt – und deutlich macht, dass die Kleidung, die man zu diesem Fest trug, schon immer eine wichtige Rolle gespielt hat. „Von jeher war die Kirwa ein Treffpunkt für die jungen Leute, sozusagen ein Dating-Portal“, sagt Edith Zimmermann. Deshalb putzten sich die Mädchen zu diesem Anlass besonders schön heraus: Einen lila-geblümten Spenzer mit Schinkenärmeln und Schultertuch konnte sich im 19. Jahrhundert freilich nicht jede leisten. Deshalb trug man zur Kirchweih allgemein sein Sonntagsgewand – eben die beste Kleidung, die man hatte.

Manfred Listl, Vorsitzender des Volkstrachtenvereins „D’Laabertaler“, setzt sich für die Pflege von Heimat und Brauchtum ein. Lesen Sie mehr.

Das dürfte seit Anbeginn der Woizkirwa, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, so gewesen sein; für die Rosenberger Kirwa, die erst mit dem Zuzug der Arbeiter des Stahlwerks Maxhütte zu einer bekannten Veranstaltung wurde, gilt das sowieso. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs war Rosenberg die größte Industriegemeinde Bayerns – dementsprechend viel los war auf der „großen Rousnbercha Kirwa“.

Doch das große Fest veränderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und geriet zu einer reinen Wirtshaus-Kirwa. Das Ursprüngliche, Traditionelle war dahin – bis man sich 1979 mit Hilfe von Stadtheimatpfleger Hanns Binder, der rund 20 Jahre zuvor auch die Woizkirwa wiederbelebt hatte, auf seine Wurzeln zurückbesann.

Wieder in einheitlicher Tracht

In die schicken Trachtengewänder schlüpft in Sulzbach-Rosenberg seit jeher die ganze Familie. Foto: Gabi Schönberger

Seither erscheinen die „Kirwaboum und Moidln“ wieder in einer einheitlichen Tracht: die Burschen mit breitkrempigem schwarzen Hut, ärmelloser Weste mit Talerknopf-Doppelreihe über dem weißen Hemd und knielanger Lederhose. Die jungen Frauen tragen ein Dirndl mit Schürze in Blautönen. Dieses Aussehen war angelehnt an überlieferte Trachtenbestandteile aus der Region.

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Und auch der Ablauf der Kirwa folgt althergebrachten Ritualen. Die Woizkirwa, die heuer vom 20. bis 22. August stattfindet, läuft immer gleich ab: Der erste Tag, Samstag, beginnt bereits um 7 Uhr mit dem Holen des Kirwabaums aus dem Wald. Der rund 30 Meter lange Stamm wird dann um 14 Uhr zum Luitpoldplatz gezogen und in schweißtreibender Arbeit mit Hilfe von langen Holzstangen, sogenannten Schwalben, aufgerichtet. Etliche Schlucke aus der Kirwaliesl, einem eigens für die Kirwa gefertigten, drei Liter fassenden Krug, verstehen sich dabei von selbst.

Kirwaboum holen Moidla ab

Am Sonntagmorgen findet um neun Uhr der Kirwagottesdienst statt. Wiederum um 14 Uhr holen die Kirwaboum ihre Moidla ab, um dann auf dem Festplatz den Baum „auszutanzen“. Dazu wird ein Wecker gestellt, und welches Paar den bis dahin herumgereichten Kirwa-Strauß bei dessen Klingeln in der Hand hält, wird zum Oberkirwa-Paar ernannt. Montags findet dann das Austanzen der Alten statt – hier dürfen, anders als am Sonntag, auch verheiratete Paare das Tanzbein schwingen.

Im Vorfeld der Woizkirwa findet heuer im Stadtmuseum eine offene Kirwa-Tanzprobe statt, bei der Besucher zum Mitmachen eingeladen sind. Vom 3. bis 5. September steigt dann die Rosenberger Kirwa. Und das ist das eigentlich Spannende an der Schau in Sulzbach-Rosenberg: dass hier die Ausstellung und das, was war, direkt in die Gegenwart und das, was heute ist, ineinandergreifen.

Die Ausstellung im Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg läuft bis 16. Oktober. Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Freitag von 9 bis 12 Uhr und 13.30 bis 16.30 Uhr sowie Samstag, Sonntag und feiertags von 13.30 bis 16.30 Uhr und nach Vereinbarung. Info: www.suro.city/freizeit-und-gaeste.

„Tracht im Blick – die Oberpfalz packt aus“ heißt es in diesem Jahr in diesen neun Museen in der Region:

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