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Heimatkalender
Dienstag, 12. Dezember 2017 10

Geschichte

Von geplatzten Träumen und Heilung

Die Häuser in der Hohenburger Straße erzählen viele Geschichten über das Leben früher und die Menschen in Schmidmühlen.
Von Josef Popp

Eine Ansicht der Hohenburger Straße aus den 1940er Jahren mit dem Haus der Familie Meyer (Kouftner) ganz rechts Foto: Heimatkundlicher Arbeitskreis

Schmidmühlen.Straßen haben seit jeher eine wichtige Bedeutung für Ortschaften. Und teilweise lässt sich nur anhand von alten Fotos eben dieser Straßenzüge die Heimatgeschichte recherchieren. So ist es auch mit der Hohenburger Straße in Schmidmühlen, mittlerweile eine breit ausgebaute Staatsstraße mit viel Durchgangsverkehr. Nichts lässt heute auf das Leben und die Bedeutung anno dazumal schließen. Dennoch: Die Geschichte dieser Straße ist höchst interessant – und so wird ihr im Schmidmühlener Heimatkalender auch ein Monatsfoto gewidmet.

Bereits zu Beginn der Hohenburger Straße steht ein einst traditionsreiches Wirtshaus, das Bräustüberl, dessen Tage wohl mittlerweile auch gezählt sind. Viele Erinnerungen gibt es zu dem gern frequentierten Treffpunkt. Er diente lange Jahre den Diana-Schützen als Heim. Drei Schießstände standen in einem Kellergewölbe zur Verfügung. Legendär und unvergessen sind die Kappenabende der Diana-Schützen am letzten Faschingswochenende.

Zum Gasthaus gehörte auch die „Hiasl-Halle“ im hinteren Teil. Woher der Name kommt, kann nicht mehr schlüssig nachvollzogen werden. Vermutlich gehörte es jemanden, der mit Vornamen Mathias hieß. Und auch eine Kegelbahn durfte nicht fehlen. Zusammen mit Wirtschaft, Kegelbahn und der Halle, die für Feste und Tanzveranstaltungen genutzt wurde, war dieses Gasthaus ein kleines Zentrum.

Abriss war einst ein Politikum

Am Haus erinnert noch ein Zeichen an den Beruf der einstigen Bewohner: Fassmacher, auch Kouftner genannt. Damals schrieb sich die Familie noch „Mayer“, dann änderte sich das auf „Meyer“. Foto: ajp

Danach kommt das große Wohnhaus der Familie Meyer. Auf diesem Anwesen ist heute noch ein Hausname bekannt: Kouftner. Der letzte Kouftner, also Fassmacher, war Roman Meyer, der diesen Beruf jedoch nur noch bis 1941 ausübte. Er war zu dieser Zeit bereits bei der Reichsbahn beschäftigt.

Das Gebäude neben dem Wohnhaus steht nicht mehr: Es wurde in den 1970er Jahren abgerissen. Und das sorgte für einige Aufmerksamkeit. Bemühungen, den Abriss aus Denkmalschutzgründen zu verhindern, da man aufgrund des Fachwerks eine wertvolle historisch-bauliche Bedeutung vermutete, verliefen nach gründlicher Untersuchung der Denkmalschutzbehörde im Sand. Es war in jedem Fall zur damaligen Zeit ein Politikum.

Der alte Stadl gehörte zum damaligen Reischl-Anwesen (heute Sozialwerk Häuser, bekannt auch als „Doktorhaus“) und diente als Rossstall. Er wurde erst später von der Familie Meyer dazugekauft. Das Reischl-Anwesen war ein großes landwirtschaftliches Gebäude mit einem Wirtshaus samt Kegelbahn (ehemaliges Schmidschneider-Anwesen). Das Gebäude hat Ende des Ersten Weltkriegs die Familie Schmidschneider gekauft. Im Reischl-Anwesen wurde übrigens auch Theater gespielt.

Nachdem die Landwirtsleute Reischl kinderlos blieben, erwarb Dr. Deglmann nach dem Ersten Weltkrieg das Haus und eröffnete dort seine Praxis. Daher kommt der heute teilweise noch gebräuchliche Name „Doktor-Haus“. Auch er hatte keine Kinder und so ging das Gebäude in den Besitz der Ärztin Dr. Stark über, die aus Hohenburg nach Schmidmühlen kam.

Erinnerungen einer jungen Ärztin

So präsentiert sich die Hohenburger Straße in Schmidmühlen heute dem Betrachter. Foto: ajp

Einer Vertretung ist es zu verdanken, dass es einen Einblick in die 1920er Jahre gibt. Am 27. September 1927 übernimmt die junge Allgemeinärztin Dr. Marie Auguste Preuß die Vertretung in Schmidmühlen. Als sie in Schmidmühlen am Bahnhof abgeholt wird, ist großes Hochwasser. Sie schreibt in ihrem Tagebuch: „Wir gehen auf Umwegen durch das ganze Dorf. Die Lauterachbrücke ist überschwemmt, nur einige klobige Steine dienen als Sprungblöcke.“ Doch mit trockenen Füßen kommen sie und ihre Begleiter am Doktorhaus an, an dem links und rechts große Kastanienbäume stehen, wie sie berichtet. Die erste Patientin ist am nächsten Tag eine Bürgerin aus Schmidmühlen, sie leidet unter einem Nackenfurunkel.

Wer die Aufzeichnungen durchblättert, muss feststellen, dass das Einzugsgebiet der Arztpraxis sehr groß war: Hohenburg, Mendorferbuch und sogar nach Ensdorf muss die Ärztin fahren, sei es mit dem Fahrrad oder einem Mietauto. 1927 zählt Schmidmühlen 1100 Einwohner, hat 21 Gasthäuser sowie zwei Mietautos. Eintrag im Tagebuch: „Die beiden Mietauto leben hauptsächlich vom Verdienst an Samstag und Sonntag Abenden, wo die betrunkenen Bauern sich heimfahren und übervorteilen lassen.“

„Die Lehrerin Friedl ist dick, lieblos und übertrieben streng. Die Kinder sind teilweise unsäglich dreckig.“

Aus dem Tagebuch von Dr. Marie Auguste Preuß

Lang ist die Liste der Erkrankungen, die die Ärztin dokumentiert: Leibschmerzen, Furunkel, Verletzungen, oft durch Vieh verursacht, Dickdarmkoliken, Zahnschmerzen, aber auch intensiver Mundgeruch wegen klappernder künstlicher Gebisse. Wenig positiv ist der Eindruck, den die Schmidmühlener in den ersten Wochen bei Dr. Preuß hinterlassen haben: „Schuluntersuchung des 1. und 2. Jahrgangs. Die Lehrerin Friedl ist dick, lieblos und übertrieben streng. Die Kinder sind teilweise unsäglich dreckig.“ Dr. Marie Auguste Preuß verstarb 1979. Der Ärztin folgte Dr. Beltz, der später im oberen Geschoss der Raiffeisenbank praktizierte.

Wer sich mit der Hohenburger Straße beschäftigt, kommt um den Sportverein nicht herum. Er hatte dort bis zum Bau der Sportanlage außerhalb der Ortschaft (auch Hohenburger Straße, jetzt heißt die Zufahrt „Am Sportplatz“) sein Gelände samt Trainingsplatz, der im Bereich des Spielplatzes begann. Legendäre Pfingstpokalturniere, bittere Niederlagen, aber auch tolle Erfolge wurden dort gefeiert.

Hier lesen Sie mehr über die Schmidmühlener Poststraße und ihre Bewohner!

Ein gemauerter Turm steht noch

Der gemauerte Turm des alten Kalkofens Foto: ajp

Es soll noch an eine Episode der Hohenburger Straße erinnert werden: An ihrem Ende in Schmidmühlen steht ein Turm, aus Ziegelsteinen gemauert, umrahmt von verschiedenen „wilden“ Obstbäumen und Sträuchern, inmitten eines kleinen Steinbruchs, der ebenfalls seit Jahrzehnten zuwuchert. Bei dem Turm handelt es sich um einen Kalkofen; einen zweiten gibt es noch in Reisach bei Vilseck. Er ist eines der wenigen Industriedenkmäler im Landkreis und selbst in Schmidmühlen wissen nur noch wenige, was es mit dem Turm auf sich hat.

Die Geschichte des Kalkofens in Schmidmühlen beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Lange stand nicht fest, ob der Truppenübungsplatz Hohenfels aufgelöst würde. Die Anfänge einer Wiederbesiedlung des Übungsplatzes gab es bereits unmittelbar nach Kriegsende, obwohl die politischen bzw. militärischen Verhältnisse überaus unklar waren. Der damals sich abzeichnende bzw. erhoffte Bauboom bzw. der Bedarf an Brandkalk in den zerstörten Großstädten gaben Ludwig Sir den Impuls, diesen Kalkofen zu bauen. Der Familie gehörte ein Großteil des dahinter liegenden Weinbergs, und so waren auch die Voraussetzungen gegeben, den Abbau des Kalksteins langfristig zu betreiben.

Wohl Anfang oder Mitte der 1950er Jahre begann der Bau des Kalkofens und einiger Nebengebäude. Der Steinbruch bestand schon zum Teil vorher. Das Gestein eignete sich nach Begutachtung von Fachleuten besonders für das Vorhaben. Eigentlich waren die Voraussetzungen gut, die Familie wurde zudem noch durch einen Ingenieur des Kalksteinwerkes in Vilshofen beraten und zum Bau ermuntert.

Hintergrund

  • Bauen

    Der Bau von Gebäuden war früher eine langwierige Sache. Es gab nicht wie heute den Mörtel fertig in Säcken oder in Silos. Zum Mauern und Verputzen verwendete man früher ausschließlich reinen Kalkmörtel. Der Bedarf für einen Kalkofen in Schmidmühlen war wohl tatsächlich gegeben.

  • Brennen

    Zum Brennen eigneten sich besonders die oberen Lagen des Werkkalks mit glasharten, sehr reinen Kalksteinen. Der Ofen wurde in Schichten mit einem Kalk-Koks-Gemisch beschickt. Beim Brennen mit einer Temperatur von 1100 Grad Celsius zerfiel der Kalkstein in Branntkalk (Kalziumoxid) und Kohlendioxid, das über den Schornstein entwich. Dabei verlor das Gestein knapp die Hälfte seines Gewichts.

  • Verarbeitung

    Der fertige Branntkalk wurde auf der Baustelle in der Mörtelgrube mit Wasser gelöscht. Daraus entstand Löschkalk, der mit Sand zu Kalkmörtel angemacht wurde. Beim Abbinden im Mauerwerk nahm der Löschkalk unter Wasserabgabe Kohlendioxid aus der Luft auf und wurde wieder zu Kalk. (ajp)

Die Hoffnungen starben schnell

Doch bereits bei der Inbetriebnahme bekam der Ofen einen Riss. Es wird vermutet, dass er falsch befeuert wurde. Reparaturen schlugen fehl, eine Grundsanierung war zu teuer. Als die US-Truppen 1951 den Übungsplatz wieder in Betrieb nahmen, kam eh das Aus für den Kalkofen. Von diesem Schlag hat sich die Familie Sir wirtschaftlich nicht mehr erholt. Ludwig Sir verstarb Anfang der 1960er Jahre.

Teilweise verfielen die Nebengebäude und wurden abgerissen. Das Gelände um den Ofen herum wurde durch den Aushub eines Bauplatzes noch aufgeschüttet. Damals bestand das Angebot, den Ofen durch Pioniere der Bundeswehr sprengen zu lassen, was jedoch nicht verwirklicht wurde.

Bei der Recherche wirkten mit: Anneliese Meyer, Josef Luschmann, Michael Koller, Günther Schmid, Georg Schmidschneider und Heimatpfleger Mathias Conrad.

Alle Geschichten zu den historischen Fotos in den Schmidmühlener Heimatkalendern finden Sie hier in unserem MZ-Spezial!

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