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Claus von Wagner hat grandiose Theorien

Der Kabarettist galt lange als großes Nachwuchstalent. Seit er „Die Anstalt“ macht, ist er auf Augenhöhe mit den Großen.
von Christine Straßer, MZ

Claus von Wagner zählt zu den Großen in der deutschen Kabarettszene. Foto: Marcus Gruber

München.St. Ingberter Pfanne, Kabarett Kaktus, Passauer Scharfrichterbeil, Obernburger Mühlstein, Fohlen von Niedersachsen, Deutscher Kabarettpreis, Mindener Stichling, Bayerischer Kabarettpreis, Salzburger Stier, Lachmesse-Preis Leipziger Löwenzahn, Deutscher Kleinkunstpreis, Deutscher Comedypreis, Deutscher Fernsehpreis, Grimme-Preis und Dieter-Hildebrandt-Preis – All diese Auszeichnungen hat Claus von Wagner schon bekommen. Und eigentlich ist die Liste sogar noch viel länger. Claus von Wagner wurde geradezu überschüttet mit Preisen. Dabei kommt er eigentlich erst noch ins beste Kabarettistenalter. Am 28. November wird der gebürtige Münchner 40.

Kabarettlegende Dieter Hildebrandt wurde in der Süddeutschen Zeitung einmal mit dem Satz zitiert: „Wir haben ja hervorragende Nachwuchskabarettisten wie Claus von Wagner – wenn die mal 40 werden, haben sie was zu sagen.“ Viele haben von Wagner aber schon jetzt zugehört. Insbesondere wenn der geborene Münchner in der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ treffsicher hochpolitische Themen analysiert.

Mit Uthoff macht er, was er will

Gemeinsam mit Max Uthoff übernahm von Wagner 2014 „Die Anstalt“. Sie lösten damals die Kabarett-Schwergewichte Urban Priol und Frank-Markus Barwasser ab und machen seitdem, was sie wollen. Sie bringen einen syrischen Flüchtlingschor auf die Bühne. Sie widmen sich einer komplizierten Aufgabe, die andere wochenlang vor sich herschieben: der Steuererklärung. Dabei erklären sie, wie Unternehmen wie Starbucks, Apple, Amazon und viele andere Unternehmen ihre Gewinne am Fiskus vorbeischleusen. Oder sie machen eine ganze Sendung dem Thema Frauenrechte.

„Die Anstalt“ zum Thema Steueroasen:

Das zeichnet „Die Anstalt“ aus: Es wird nicht von einer Nummer zu anderen gehüpft. Vielmehr kreieren von Wagner, Uthoff und Redakteur Dietrich Krauss fast ein Theaterstück. Dieses Kabarett ist hintergründiger und informativer. Da heißt es: viel lesen. Von Wagner tut das gerne in Schwabinger Cafés. Er hört aber auch im Großraumabteil im ICE einfach mal zu, wenn Manager am Mobiltelefon ihre Geschäfte besprechen. Mitunter kann er das eins zu eins in seinem Programm verwenden.

Aktuell stellt von Wagner, wenn er solo auf er Bühne steht, eine „Theorie der feinen Menschen“ auf. Er beschäftigt sich mit der Finanzkrise. Das ist auf den ersten Blick ähnlich lustig wie ein abgelehnter Kreditantrag. Aber von Wagner schafft es, das Publikum mit seiner Kapitalismuskritik zu unterhalten. Als Klaus Neumann muss er die Nacht eingeschlossen in einem Tresorraum einer Filiale der Deutschen Bank verbringen. Dort versucht er eine Rede über seinen verstorbenen Vater zu schreiben, der als Wirtschaftsprüfer Angehöriger eines Systems war, das auf Undurchschaubarkeit angelegt ist. Der Zuhörer weiß am Ende nicht mehr über Derivate, Leerverkäufe oder Wertpapiere. Aber von Wagners irre Gedankenspiele sind wahnsinnig lustig. Die Geschichte vom blinden Bettler vor dem Bio-Supermarkt, dem er 50 Euro gibt und nimmt, gehört zu den Höhepunkten.

Damit wird von Wagner überall verstanden. Egal, ob er in Hamburg, Landshut oder Heidelberg auftritt. In der Ankündigung des Münchner Lustspielhauses heißt es, von Wagner sei so, wie sich Bertolt Brecht und Loriot in einer durchzechten Nacht ihren Schwiegersohn vorgestellt hätten. Manche sagen, er sähe aus wie Roland Kaiser – hätte aber bessere Texte. Verstanden wird sein Humor in ganz Deutschland. Ein norddeutscher Bayer wird er genannt. Angeblich steigt er auch nicht aus Oli Welkes „heute-show“ aus, weil einer dort ja schließlich die bayerische Sicht auf die Welt erklären müsse. Von Wagner ist in einem preußischen Elternhaus groß geworden, aber eben gleichzeitig auch in Miesbach aufgewachsen. Heimat sei für ihn deshalb nur ein diffuses Gefühl, schriebt der Kabarettist auf seiner Webseite. Vom Vater, der Rechtsanwalt ist, schaute sich von Wagner ab, wie man schlüssig argumentiert. Bis heute greift von Wagner zu Legal Pads, wenn er seine Gedanken ordnen will. Jene gelben Schreibblöcke, die oft im amerikanischen Anwaltsfilmen herumliegen, brachte der Vater aus der US-Kanzlei mit. In seiner Jugend notierte von Wagner beim Daddeln akribisch die Lösungswege von Computerspielen. Heute vermerkt er am Seitenrand, wie gut ein Gag ist. Drei Ausrufezeichen bedeuten: Muss rein!

Die MZ-Kulturkantine

  • In einer Serie

    stellt die MZ bayerische Künstler vor.

  • Einige der Künstler

    treten live im Verlagsgebäude des Mittelbayerischen Medienhauses auf. Das nächste Konzert ist bereits in Planung. Freuen Sie sich im Herbst auf Musikkabarett aus Bayern!

  • Die MZ-Kantine

    ist ein besonderes Dankeschön an treue Leser, die im Besitz einer MZ-Clubcard sind.

  • Eingeladen werden

    jeweils 30 Leser, die in Begleitung einen besonderen Musikabend erleben dürfen. Die Karten werden ausgelost.

  • Mehr Infos

    zum Mittelbayerische Club finden Sie hier: www.mittelbayerische.de/club

Er ist gerne ein Provokateur

1995 verfasste von Wagner – wohl auf diesen Blöcken – seine ersten eigenen Texte mit satirischem Anspruch. Weil der Erfolg aber noch nicht durchschlagend war, stand ein Studium an. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München schrieb er sich für die Fächer Kommunikationswisschen, Neuere Neueste Geschichte und Medienrecht ein. In seiner Magisterarbeit beschäftigte er sich mit „Politischem Kabarett im deutschen Fernsehen. Zwischen Gesellschaftskritik und Eigenwerbung. Eine Expertenbefragung“. Aber eigentlich sei das nur ein Vorwand gewesen, um mit seinen Helden Gerhard Polt oder Dieter Hildebrandt Interviews führen zu können, hat von Wagner einmal erläutert.

Inzwischen ist von Wagner drauf und dran seine Helden auf Augenhöhe zu treffen. In einem Interview mit der Mittelbayerischen hat er im vergangenen Jahr beschrieben, dass er gerne provoziert. Damit meint er, dass er sein Publikum auch herausfordern will. Und genau das wird er schon bald wieder tun. Am 19. September (ZDF/22.15 Uhr) wird von Wagner in der „Anstalt“ die politische Lage der Nation am Ende und Beginn einer neuen Legislaturperiode analysieren.

Mehr Teile aus unserer Serie „MZ-Kulturkantine“ lesen Sie hier!

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