mz_logo

MZ-Kantine
Mittwoch, 21. Februar 2018 5

MZ-Serie

Gebrüder Grimm 2.0 von der Isar

Die Schauspieler Stefan Murr und Heinz-Josef Braun erzählen auf ganz besondere Weise alte Geschichten nach.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Heinz-Josef Braun (l.) und Stefan Murr sind erfolgreiche Schauspieler. 2009 fingen sie an, alte Märchen zeitgemäß nachzuerzählen. Mit großem Erfolg. Foto: rec star

München.Darf ich mich vorstellen? Gockelotti, Eros Gockelotti. Ein Schmusesänger, ein Opernsänger, ein Modedesigner? Nein, so heißt der Hahn aus dem Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“! Nicht, dass die Gebrüder Grimm sich so etwas Lustiges ausgedacht hätten. Bei denen ging es ja eher furchterregend zu. Die Schauspieler Stefan Murr und Heinz-Josef Braun verlegen seit einigen Jahren historischen Erzählungen an die Isar und lassen angestaubte Märchen mit liebenswürdigen Charakteren, viel Situationskomik und fetzigen Liedern in neuem – bayerischen – Glanz erscheinen. Da tummeln sich zwischen Schneewittchen und Aschenputtel, den Stadtmusikanten und dem Tapferen Schneiderlein Show-Ratzen, kauzige Erfinder, der fiese Prinz Jean-Jaques de Papperlapapp oder die bösen Stiefschwestern Marylin und Chantal Obermeier. Dialekte, Stimmfärbungen, Mimik und Gestik – die beiden Autoren, Komponisten und Darsteller zünden ohne jegliche Requisiten ein schauspielerisches Feuerwerk im Tonstudio ebenso wie auf der Bühne.

„Märchen jagen Kindern Angst ein“

Die Idee dazu kam Stefan Murr, den man aus Fernsehfilmen wie „Marie fängt Feuer“, Markus H. Rosenmüllers „Beste Gegend“ und Serien wie „Die Bergretter“ kennt, im Jahr 2009. Sein Sohn Jonathan war noch sehr klein und er erinnerte sich an die Geschichten, die man ihm selbst als Kind erzählt hatte. „Die Märchen der Gebrüder Grimm jagen Kinder in der Originalfassung ja richtig Angst ein. Ich wollte, dass die Geschichten lustig und spannend sind“, erzählt er im Gespräch mit der Mittelbayerischen Zeitung. Und auch Erwachsene sollten Gefallen daran finden. „Sie müssen sich das ja auch oft stundenlang mit anhören.“

Lesen Sie hier unser Porträt über Stefan Murr in der MZ-Kulturkantine:

Den 18 Jahre älteren Schauspielerkollegen Heinz-Josef Braun („Wer früher stirbt, ist länger tot“) kannte Murr zu dieser Zeit nur vom Sehen. Die beiden waren bei derselben Agentur unter Vertrag. „Dann sprach mich Stefan an, dass er etwas qualitativ Hochwertiges für Kinder machen möchte und sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte“, erzählt Braun. Wenige Tage später traf man sich im Tonstudio. „Dscharlie“, wie Braun genannt wird, konnte für das Projekt nicht nur seine schauspielerischen Fähigkeiten in den Ring werfen, sondern auch 15 Jahre Musikerfahrung als Bassist der Band „Haindling“. Zudem hat er an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert und entwirft die Bilder zu den Erzählungen.

Mit den „Bayerischen Bremer Stadtmusikanten“ wollten sie ausprobieren, ob das vogelwilde Durcheinander rund um eine uralte Geschichte bei den Kindern zündet. „Mit Tieren kannst du ja nicht viel falsch machen“, sagt Murr auf die Frage, warum die Wahl auf dieses Märchen fiel. Sechs Treffen waren nötig, dann hatten sie die Produktion abgeschlossen. Denn Murr und Braun merkten schnell, dass sie sich in der Arbeit gegenseitig beflügeln. „Der eine fasst einen Gedanken, der andere spinnt ihn weiter – wir sind zusammen ein sehr kreatives Team und auch menschlich auf einer Wellenlänge“, sagt Murr. Inzwischen nehmen sich die beiden rund ein halbes Jahr Zeit, um eine Geschichte und deren Figuren zu entwickeln. „Das Schöne daran ist, dass wir alles so schreiben können, wie es uns gefällt. Wir sind sozusagen Erfinder und Zensur gleichzeitig.“

Für die inzwischen vier bayerischen Grimm-Märchen sowie die beiden Insektenkrimis um Käfer Mary komponierten und texteten die beiden auch die Lieder. Wenn etwa der Esel unter der Last der fetten Müllerin einen Cowboysong singt, dann stimmen kleine und große Zuhörer sofort in den melancholischen Refrain ein: „So lang i denk, so lang i denk – wünsch i mir nur ein einziges Geschenk. Ihr wisst’s alle, was i moan: Trag mi hoam.“

Rund eine Stunde dauert jede Erzählung. Auf der Bühne erfordert das höchste Konzentration, sagt Murr. Denn die Figuren wechseln oft schnell. Der Hund jault, dazwischen quasseln die französischen Wanderratten und der Hahn kräht sich die Seele aus dem Leib. Bei Schneewittchen muss sich der bayerische König Fescher Max der Erste mit seiner schnackenden Gattin Jüttemerle aus Hamburg auseinandersetzen. Es geht hin und her – auch musikalisch. Braun hat auf der Gitarre nicht nur Blues, Country und Rock’n Roll drauf. Er kann auch Couplet und Volksmusik. Für das Weihnachtsprogramm hat das Bayerische Fernsehen zwei der Erzählungen aufgezeichnet. Die Bayerischen Bremer Stadtmusikanten werden am 25. Dezember um 9 Uhr und Käfer Mary und Graf Bremsula (mit Gast Johanna Bittenbinder) am 26. Dezember um 11 Uhr ausgestrahlt.

Der BR zeigt zwei Geschichten

Auch rund 50 Auftritt mit den Bayerischen Märchen und Insektenkrimis packen Murr und Braun jedes Jahr in ihre vollen Terminkalender. Murr spielt neben seinen zahlreichen Fernsehrollen noch im „Brandner Kasper“ am Münchner Volkstheater und ist auch beim nächsten Singspiel auf dem Nockherberg wieder dabei. „Es wird mein zehnter Auftritt dort sein.“ In welche Politikerrolle er nach Karl Theodor zu Guttenberg, Hubert Aiwanger, Florian Pronold und Alexander Dobrinth schlüpfen wird, weiß er noch nicht. „Der Christian Lindner würde mich reizen, vielleicht wird es aber auch der Andi Scheuer?“, sagt er. Braun ist mit seiner Frau Johanna Bittenbinder mit dem Live-Hörspiel „Tannöd“ unterwegs, ebenso mit der Kabarett-Gruppe „Um a Fünferl a Durchanand“ und übernimmt jedes Jahr Rollen in Film- und Fernsehproduktionen.

Im kommenden Jahr wollen die Gebrüder Grimm 2.0 von der Isar ein Märchen für Erwachsene produzieren. Die Ideen dafür gehen ihnen scheinbar noch längst nicht aus. „Wir machen einfach das, was uns auch Spaß macht“, sagt Murr. „Dass wir damit auch noch Erfolg haben, ist ein schöner Nebeneffekt.“

Lesen Sie hier weitere Teil aus unserer MZ-Serie Kulturkantine:

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht