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Samstag, 16. Dezember 2017 10

Musik

Von der Ringermatte auf die Bühne

Townes Van Zandt riet ihm einst, weiterzuspielen, wenn es sich richtig anfühlt. Markus Rill hat den Rat seines Idols befolgt.
von Alois C. Braun, MZ

„Keep playing“ ist bis heute das Motto des Singer-Songwriters Markus Rill. Foto: Alois C. Braun

Grafenwöhr.„If you feel it, keep playing“, ermunterte ihn einst der große Townes Van Zandt. Frei übersetzt: Wenn es sich richtig anfühlt, spiel’ weiter. Damals ging es um die Frage, wie lange Markus Rill im Vorprogramm des US-Songwriters spielen könne. Natürlich hielt er sich als Profi an seine vorgegebene Auftrittszeit. Weitergespielt, seine Karriere vorangetrieben, hat er trotzdem. Bis heute mit steigendem Erfolg.

Geografisch führte ihn sein Weg immer Richtung Süden. Der Kindheit mit Schulausbildung in Aschaffenburg folgte das Lehramtsstudium in Würzburg. Zur Geburt seiner Tochter 2009 zog er dann nach München. Das vorläufige Ende seiner Süddrift. Den MZ-Autor trifft er jedoch vor einem Konzert in Grafenwöhr. Trotz staubedingter Verspätung ist er entspannt und erzählt bis wenige Minuten vor dem Konzert über sein Leben.

„Mein Opa soll Akkordeon gespielt haben, selbst gehört habe ich ihn aber nie“, erzählt Rill auf die Frage nach einer etwaigen Vererbung seines Talents. „Ich kann mich aber daran erinnern, dass meine Mutter ein Musikfan war. Eine Freundin aus Frankfurt brachte ihr ausgemusterte Singles aus Jukeboxen. Die hörten wir dann an.“ Darüber hinaus spielte die Musik aber keine größere Rolle in seiner Kindheit.

Tiefer war da schon der Einfluss des Vaters. Der nahm ihn bereits mit vier Jahren zum Gewichtheber-Training mit. „Ich bin dann immer auf der Ringermatte nebenan rumgekugelt“, erinnert er sich. So kam er zu diesem Sport, und bald war das Ringen sein Lebensinhalt: „Ich habe zusammen mit Weltmeister Alexander Leipold für den AC Bavaria Goldbach in der Bundesliga gerungen und hatte wirklich viel Spaß an dem Sport.“ Problematisch wurde es jedoch während des Studiums, als er zwei Mal wöchentlich zum Training nach Aschaffenburg musste. Das kostete viel Zeit. Ein Jahr Auslandsstudium in Austin brachten dann den Bruch: „Ich war in dieser Zeit weg vom Sport und musste nach der Rückkehr erkennen, dass ich zwar ein ordentlicher Ringer war, aber in meiner Leistung stagnierte.“

Traum von Olympia ist geplatzt

Sein großes Ziel, eine Olympiateilnahme, musste Rill abschreiben: „So was gelingt nur, wenn man die volle Konzentration auf dieses Ziel legt. 80 Prozent sind nicht genug für einen Weltklassesportler.“ Die hohen Ziele gab er auf, sportlich ist der 46-Jährige aber immer noch: „Ich kicke zwei bis dreimal in der Woche. Gewinnen und verlieren macht Sport interessant für mich. Joggen ist eher langweilig.“

Bereits der 13-jährige Markus Rill entwickelt einen eigenen Musikgeschmack und Kreativität: „Als Klassenkameraden Madonna gut fanden, stand ich auf John Mellencamp. Und schon damals hatte ich großes Interesse daran, wie Songs geschrieben werden.“ Trotzdem lernte er erst mit 18 Jahren das Gitarrespielen. „An der VHS bei Frau Meier“, wie er sich erinnert. Ein Freund lernte mit. „Er übte Soli und ich fing gleich an, Songs zu schreiben“, sagt Rill. Erste Songs entstanden, zunächst geprägt vom Rock ’n’ Roll, aber auch beeinflusst von Folk und Blues. „Mellencamps Album ‚Lonesome Jubilee‘ hat dann aber meinen Geist auch für Country geöffnet. Bis dahin dachte ich, das wäre Musik für alte Leute.“ Wie sehr der Songwriter in dieser Musikrichtung zuhause ist, zeigt der Gewinn des German Country Music Awards in zwei Kategorien: Album und Sänger des Jahres 2016.

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  • Serie

    In der Serie „Bayerns Künstler“ stellt die MZ regelmäßig bayerische Künstler vor. Hier geht’s zu den bisher erschienenen Serienteilen.

  • Auftritt

    Einige der Künstler treten live im Verlagsgebäude des Mittelbayerischen Medienhauses auf. Das nächste Konzert bestreitet der Würzburger Country-Sänger Markus Rill am Mittwoch, 19. Juli.

  • Teilnahme

    Die MZ-Kantine ist ein besonderes Dankeschön an treue Leser, die im Besitz einer MZ-Clubcard sind. Wer Markus Rill live erleben will, schreibt an gewinnspiel@mittelbayerische.de – oder ruft an unter 01379 / 885813 (0,50€/Festnetzanruf; Mobilfunk ggf. abweichend).

Beeindruckt ist der Musiker immer noch von seinem ersten Treffen mit Townes Van Zandt, für viele nicht zu Unrecht einer der größten Songwriter aller Zeiten. „Ich besuchte damals im Cactus Cafe Austin sein Konzert. Mir war aber nicht wohl vorher, da dieser geniale Musiker so viele unglaublich traurige Lieder geschrieben hat. Ich hatte Angst, das Konzert könnte mich runterziehen.“ Die Sorge war jedoch unbegründet: „Van Zandt verstand es vortrefflich, seine depressiveren Songs mit lustigen Texten und Geschichten zu mischen. Von diesem Konzert habe ich sehr viel gelernt.“ Wichtig für Rill waren 2004 die Aufnahmesessions in Nashville. „Die Musiker dort wollen frische Aufnahmen, der erste Take ist heilig“, sagt er. „Sie wollen unbeeinflusst auf einen Song reagieren, ihn so authentisch wie möglich aufnehmen.“ Eine neue Art zu arbeiten, eine Art, die ihm jede Menge Selbstvertrauen für die Zukunft gegeben hat. Der Einfluss dieser Studioarbeit hält an: „Mir geht immer noch das Herz auf, wenn ich an diese Sessions denke.“

Letztendlich hat er es dann geschafft, auch in Deutschland Musiker zu finden, die in dieser Weise arbeiten. Entsprechend glücklich spricht er über seine aktuelle Band. „Jams zur reinen Selbstdarstellung sind uninteressant, die Band dient dem Song“, sagt er. Und auch bei seinen Solokonzerten stellt er seine Musik, seine Texte, und nicht sich selbst in den Mittelpunkt. „Ich schreibe nicht themenbezogen, sondern folge den Textzeilen“, erklärt er und nennt das aktuelle „Walk On Water“ als Beispiel. Trotz tiefergehenden Anspruchs sind seine Songs eingängig, dem Refrain von „Better“ kann man sich nur schwer entziehen.

Arbeit mit Treml und Schuier

Zur Oberpfalz hat Markus Rill eine besondere Beziehung. Er arbeitet seit Jahren mit den Mundart-Urgesteinen Hubert Treml und Franz Schuier zusammen. „Hubert habe ich während des Studiums kennengelernt“, erzählt Rill. „Zu Springsteens 60. Geburtstag fragte er mich, ob ich nicht einige seiner Texte ins Englische übersetzen könnte. Das war eine Herausforderung und hat viel Spaß gemacht. Ich bin immer offen für neue Einflüsse“, sagt Rill.

Auch diese Offenheit hat ihn zu einem großen Singer-Songwriter werden lassen. Deshalb klatscht das Publikum in der Aula der Grund- und Mittelschule Grafenwöhr begeistert nach Zugaben. „Keep playing“, heißt das in Worte übersetzt. Womit wir wieder bei Townes Van Zandt wären.

Hier finden Sie alle Serienteile.

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