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Region Cham
Montag, 20. November 2017 10

Tragödie

59-Jähriger erstickte in einem Brunnen

Laut Kriminalpolizei führte bei dem Unglück in Neukirchen b. Hl. Blut Sauerstoffmangel zum Tod des Landwirts.
Von Fred Wutz

Zahlreiche Helfer bemühten sich, die beiden Verunglückten aus dem Brunnenschacht zu holen.Fotos: W. Weber, Feuerwehr Eschlkam

Neukirchen b. Hl. Blut.Nur noch tot konnte ein 59-jähriger Landwirt am Samstag von Einsatzkräften aus einem Brunnenschacht geborgen werden. Der Mann hatte dort zusammen mit seinem 33-jährigen Sohn Wartungsarbeiten in einem Brunnenschacht ausgeführt. Die Ermittlungen zum Hergang dieses tragischen Unglücksfalls werden seitens der Kriminalpolizei Regensburg geführt und dauern noch an. Aktuell wird davon ausgegangen, dass der Mann erstickte, weil im Schacht zu wenig Sauerstoff zum Atmen war.

Auch ein Rettungshubschrauber war in Lamberg im Einsatz.

Ein Großaufgebot an Hilfskräften wurde am Samstag gegen 15.40 Uhr in den Bereich Lamberg (Ortsteil von Neukirchen b. Hl. Blut) alarmiert, wo zwei Männer verunglückt waren. Einsatzkräfte der Feuerwehr, der Bergwacht und des BRK-Rettungsdienstes rückten an, auch ein Rettungshubschrauber flog herbei. Zunächst waren sogar Wasserrettungskräfte unterwegs, weil die Alarmmeldung „Mehrere Personen im Wasser“ lautete. Bald stellte sich heraus, dass der Notfall zwei Männer betraf, die sich in einem Brunnenschacht befanden, sechs bis sieben Meter tief.

Nachbar hörte Hilferufe

Bemerkt hatte den Unfall ein Anwohner, der Hilferufe aus einem Waldstück hörte, dem nachging und feststellte, dass sich ein 59-jähriger Landwirt und sein 33-jähriger Sohn tief unten in einem Brunnenschacht befanden, der eine Durchmesser von lediglich 80 Zentimetern hatte. Der Nachbar verständigte die Rettungsleitstelle und sorgte auch für eine genaue Einweisung der Einsatzkräfte.

„Wir waren mit einer schwierigen Situation konfrontiert“, erzählte Kreisbrandrat Mike Stahl bei einem Telefonat mit unserem Medienhaus. „Da waren zwei Menschen in dem Schacht. Es war unklar, wie sie da hineingekommen waren, und wie sehr sie verletzt waren.“ Klar sei aber gewesen, dass in dem Brunnen Gefahren lauerten. Stahl berichtete, dass zunächst ein Feuerwehrmann zum Helfen in den Schacht stieg, aber schnell wieder umkehrte, als ihm unwohl wurde. Auch der nächste Versuch in dieser Art, den der Rettungsdienst unternommen habe, sei abgebrochen worden. Durch Messungen habe man auch herausgefunden, dass es Luft im Brunnen nur vier Prozent Sauerstoff-Gehalt der Luft gegeben habe.

Der Einstieg eines Helfers mit entsprechender Schutzausrüstung erwies sich laut Stahl als problematisch: Für einen Mann samt Atemschutzgerät habe so gut wie keine Bewegungsfreiheit mehr im Schacht gegeben.

Sauerstoff und Kohlendioxid

  • Sauerstoff

    Unverbrauchte Luft hat einen Sauerstoffgehalt von 21 Prozent. Der Mensch verbraucht vier Prozent des Sauerstoffgehalts der Luft, wenn er ein- und dann ausatmet. Zu wenig Sauerstoff in der Atemluft ist für den Menschen gefährlich: Weniger als sieben Prozent Anteil führen bereits zu Bewusstlosigkeit, weniger als ca. drei Prozent bewirken den Tod durch Ersticken.

  • Kohlendioxid

    Kohlendioxid reichert sich in der Ausatemluft des Menschen an. Es ist schwerer als Luft, sammelt sich also an tief gelegenen Stellen – z. B. in Brunnen – und verdrängt den Sauerstoff, wenn dort keine Zufuhr von Frischluft erfolgt. Giftige Gase können sich ebenfalls an tief gelegenen Stellen ansammeln, wenn sie schwerer als Luft sind. Auch sie stellen insofern eine Gefahr dar, weil sie den Luft-Sauerstoff verdrängen.

„Wir haben von einem Feuerwehr- Atemschutzgerät eine Flasche mit Atemluft geöffnet und sie in den Brunnen abgelassen“, berichtete Stahl, „dann auch noch eine Flasche des Rettungsdienstes mit reinem Sauerstoff. Die Messung hat dann ergeben, dass bald 20 Prozent Sauerstoff-Gehalt da waren.“ Nach Angaben des Kreisbrandrats wurde dann der jüngere der beiden Männer mit einer sogenannten Rettungswindel – eine dreieckige Plane, in welcher der Verletzte sitzt – aus dem Schacht gezogen. Sein Vater konnte im Anschluss ebenfalls herausgeholt werden. Für ihm kam allerdings die Hilfe zu spät. Vermutlich war er schon beim Eintreffen der Helfer tot gewesen, weil bei ihm keine Lebenszeichen mehr festgestellt werden konnten.

„Die alarmierten Kräfte waren sicher ausreichend“, stellte KBR Stahl im Rückblick fest, „wir hatten auch alle notwendigen Gerätschaften vor Ort. Nur ein Rollgliss hat uns gefehlt, weil die Alarmierung zuerst von einem anderen Szenario ausging. Aber es war dann gleich eine Umlenkrolle der Bergwacht verfügbar, das erfüllte auch den Zweck.“ Nach seinen Worten wurde über dem Brunnenschacht aus Steckleiter-Teilen ein Bock gebaut, der als Umlenk- bzw. Haltepunkt die Sicherungs- und Arbeitsleinen führte.

Seitens der Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberpfalz in Regensburg wurde am Montag auf Anfrage mitgeteilt, dass die Ermittler derzeit von einem tragischen Unfallgeschehen ausgehen. Nach aktuellem Stand der Erkenntnisse habe Sauerstoffmangel zum Tod des Mannes geführt. Weitere Ermittlungen seien aber im Gang.

Brunnen war früher nicht so tief

Der Brunnen, den die beiden Männer in Lamberg reinigten, gehört zu ihrem eigenen Haushalt. Nach Informationen unseres Medienhauses ist das Anwesen an die öffentlichen Wasserversorgung angeschlossen. Der Brunnen, der zur zusätzlichen Versorgung genutzt wird, war in der Vergangeenheit etwa drei Meter tief; Wartungs- und Reinigungsarbeiten stellten also kein größeres Problem dar. Durch einen Umbau wurde der Brunnen vor einiger Zeit vertieft. Den beiden Männern war möglicherweise bei ihrer Tätigkeit die daraus resultierende Gefahr – dass im unteren Bereich zu wenig Sauerstoff in der Atemluft sein könnte –nicht bewusst.

Wer in Bayern einen Brunnen bauen beziehungsweise bohren will, muss dies bei der Kreisverwaltungsbehörde melden. Der Bau selbst ist nicht genehmigungspflichtig, die Entnahme von Wasser allerdings dann schon. In Bayern werden etwa 4300 Brunnen für die Gewinnung von Grundwasser zur Trinkwasserversorgung genutzt.

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