mz_logo

Region Cham
Montag, 11. Dezember 2017 4

MZ-Serie

Alexander trägt jetzt den roten Chorrock

Diesmal erzählt der ehemalige Domspatz Alexander Metz aus Cham, wie stolz er war, als er endlich im Dom singen durfte.
Von Alexander Metz

Der junge Domspatz Alexander Metz 1956 mit dem Chorbuch, dem Liber Usualis, in der Hand. Auf dem Foto zeigt er seinen ganzen Stolz, dass er jetzt im Choralchor im Dom mitsingen und den roten Chorrock mit dem weißen Hemd darüber tragen durfte. Foto: Metz

Cham.Der 2a-Chor, in den ich endlich nach ein paar Wochen Ried-Erfahrung kam, war für das Choral-Singen im Hohen Dom zu Regensburg zuständig. Er wurde vom Presssack, wie wir den Chorregenten nannten, mit strenger Hand geführt. Wir nannten ihn so, weil er so dick war und auch so aussah wie ein wabbeliger Presssack.

Der Presssack war ein kleiner, dicker und untersetzter Mann mit einem runden Kopf, einem speckigen, feisten Nacken, einer hohen Stirnglatze, zurückgekämmten, nicht selten von Schweiß triefenden Haaren und kleinen Batzlaugen. Er war mit einer zierlichen, kleinen, schwarzhaarigen Frau verheiratet, die so gut wie nie in Erscheinung trat. Sie wohnten mit ihren beiden Söhnen im dritten und obersten Stockwerk der Dompräbende, in der Etage, wo auch die Schwestern ihre Klausur hatten. Presssacks Familie links, die Nonnen rechts.

Seine Ohrfeigen waren gefürchtet

Wenn der Presssack nicht mit Proben beschäftigt war, arbeitete er im Archiv, das im zweiten Stock direkt neben dem Chorsaal 800, dem Ziel eines jeden Domspatzen, lag. Er kopierte, sortierte, laminierte und archivierte die Notenblätter und befüllte die Mappen mit den Noten für den Polyphonie Chor, der im Dom hinter einem roten Vorhang rechts vom Hauptaltar sang. Als Archivar war er auch für die Zusammenstellung der Notenblätter des Konzertchores verantwortlich.

Der Presssack ging nicht, er rollte durch die Gänge. Dazu neigte er seinen fetten Körper einfach etwas nach vorne. Und schon kugelte er dahin, ohne sich anstrengen zu müssen. Trotzdem schnaubte er wie ein Walross nach einem jeden zurückgelegten Meter.

Der Presssack war als Chorregent nicht sonderlich beliebt. Er war gefürchtet. Bei ihm gab es Ohrfeigen, Haare- und Ohrenziehen und Kopfnüsse. Die Frage „Wer war das?“ nach einem Patzer zog meist eine saftige Watschn links und rechts nach sich, wenn sich der Schuldige meldete. Wenn nicht, gab es Petzer, die sagten: „Der war’s!“. Und dann funkte es erst recht.

Das Liber Usualis

Zeigte der Chor insgesamt Ermüdungserscheinungen, dann schlug der Presssack den Klavierdeckel so zurück, dass es einen lauten Knall gab und bestimmt auch der Letzte aufwachte.

Zum Choralsingen benötigte man ein Choralbuch, das Liber Usualis. Das war über ein Kilo schwer und musste, ohne die Arme im Becken abzustützen, freihändig gehalten werden. Eine Stunde lang, ohne Pause. Gnadenlos. Wer es wagte, die Ellbogen auf die Beckenknochen zu stützen, um sich etwas vom Gewicht der dicken Schwarte zu erholen, fing sich dafür leicht eine Ohrfeige ein.

„Einpassieren“ nannten es die Domspatzen, wenn sie ins Internat nach Regensburg kamen. Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Keiner hatte uns jemals gezeigt, wie man Choralnoten zu lesen hat. Wir mussten es einfach können. Im Gegensatz zu der uns bekannten Notenschrift liegen die fetten Klunker zwischen oder auf nur vier Linien. Es war für uns nicht zu erkennen, was eine Halbe-, eine Viertel- oder gar eine Achtelnote sein soll, was man binden muss und wann eine Pause zu machen ist. So war es wichtig, auf den erfahrenen Nachbarn zu hören, sich ihm stimmlich anzuschließen oder auf des Presssacks Mitgesang, einem tremoloreichen Grunzen, zu warten und vorerst nur so zu tun, als würde man singen. Einfach nur den Mund bewegen; denn lesen konnten wir ja. Exultate, Credo, Gloria, Jubilate, Pange Linqua.

Natürlich sangen wir den Choral nicht fehlerfrei vom Blatt. Für falsche Töne gab es mindestens eine Ohrfeige. War bei der Probe nicht direkt festzustellen, wer falsch gesungen hatte, schlug der Presssack den Tastaturdeckel so heftig an die Vorderwand des Flügels, dass es einen lauten Knall gab und wir erschreckt hochfuhren. So manchem fiel vor Schreck das schwere Gesangbuch aus der Hand und auf den Boden. Dann zog der Presssack ihn am Schlafittchen hoch.

Alle Serienteile finden Sie hier.

Mein Liber Usualis, das ich nach bestandener Aufnahmeprüfung für das Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen als Belohnung von der Tante Maja geschenkt bekommen hatte, war mit sechs bunten Bändern ausgestattet, die zum Einmerken der für den Gottesdienst zu verwendenden Seiten dienten. Zwei gelbe, zwei rote Bänder und zwei in Lila.

Es war wichtig, die richtigen Seiten schon während der Probe vorbereitend für das Domamt einzumerken. Während des Gottesdienstes im Choralbuch herumzublättern, um die passenden Seiten zu finden, war geradezu ein Sakrileg, das mindestens eine Rüge, wenn nicht gar eine Ohrfeige nach sich zog.

Die Attraktion des Choralchores war für mich wie für jeden anderen Domspatzen auch, dass wir einen roten Chorrock und ein weißes Hemd darüber tragen durften. Es war für mich wie Firmung und Kommunion zugleich, als ich diese Robe das erste Mal anziehen durfte. Ich gebe es zu, ich hätte mich zu gerne in einem Spiegel gesehen, als ich in dieses Messgewand schlüpfte.

Ich durfte meinen Stolz, diese Einweihung endlich empfangen zu haben, keinesfalls offen zeigen. Denn „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“ war das Motto des Domkapellmeisters, an das sich alle zu halten hatten. Lehrer wie Schüler.

Ich hielt mich auch daran, als mich am Besuchssonntag meine Mutter und die Tanten zum ersten Mal nach dem Domamt im rotweißen Kirchengewand sahen. Mit gesenktem Blick, Demut und Bescheidenheit mimend, ging ich in den Reihen der anderen Choralsänger, vorbei an den uns bewundernden Eltern und Gläubigen, in den Proben- und Umkleideraum, der hinter dem Hauptaltar lag und den man nur von außen betreten konnte. Herrin dieser Gewänder war die Schwester Frudulfa, die wir, warum wohl, die Kobra nannten.

Während der Singstunde zum Pinkeln zu gehen, war völlig unmöglich. Daran war gar nicht zu denken. Solche Sachen mussten vorher erledigt werden. Die Frage, ob man austreten dürfe, war so absurd, als wollte man fragen wollte, ob man sich zum Schlafen hinlegen dürfe. So eine Frage wagte erst gar keiner zu stellen.

Da ging es dem Alex nass ein

Ich hatte einmal wieder während der Singstunde das dringende Bedürfnis zu pinkeln und wusste nicht, wie ich das diesmal noch bis zum Ende der Probe aushalten sollte. Und die war gerade mal zur Hälfte rum. Ich wusste, ich hätte vor der Choralstunde austreten und nicht mit Werner den dünn gezuckerten Pfefferminztee trinken sollen. Die Blase drückte. Unbarmherzig.

Das Choralbuch wurde immer schwerer, die Arme wurden immer schwächer, der Blasendruck immer stärker. Ich stand in der zweiten Reihe. Gottseidank. So sah der Presssack nicht, dass ich die ganze Zeit schon die Beine krampfhaft zusammenzwickte. Dass mir das Wasser schon in den Augen stand, bemerkte er ohnehin nicht.

Bald würde Chorwechsel sein. Um 18 Uhr würde die zweite Gruppe des 2a-Chores hereinkommen. Ich hörte die ersten schon vor der Türe quasseln. Nur noch fünf Minuten. Ich muss durchhalten! Meine Blase brannte. Mir wurde fast schwindelig. Da konnte ich nicht länger mehr das Wasser halten und ich ließ es einfach laufen.

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Welche Wohltat! Meine Pisse suchte sich unter meiner ledernen Bundhose den Weg nach draußen, lief wohlig warm über meine Kniestrümpfe und von dort über die Schuhe auf den Boden. Das gregorianische Halleluja begleitete das Gefühl der Erleichterung. Nun stand ich in einer Pfütze und konnte nur hoffen, dass es keiner bemerkte. Riechen konnte man es ja ohnehin nicht, da die Luft von unserem Angstschweiß kräftig geschwängert war. Und der roch viel schlimmer als ein wenig Pisse.

Der Chorwechsel ging wie gewohnt reibungslos und rasch vor sich. Wir bewegten uns schweigend nach draußen, und die anderen kamen schweigend herein und nahmen unsere Plätze ein. Als ich an der Türe einen vorsichtigen Blick zurückwarf, sah ich, dass nun zwei andere in meiner Pfütze standen, ohne diese wahrzunehmen.

Ich schlich mich durch die beiden Aulen in die Dompräbende und verdrückte mich dort in den Bereich der Schlafsäle, zog meine verpisste Hose und meine Strümpfe aus, stopfte das nasse Zeug in den Schrank und schlüpfte in eine andere Hose. Da es nicht erlaubt war, tagsüber den Schlafsaalbereich im ersten Stock zu betreten, hatte mich keiner in der mir so peinlichen Lage entdeckt. Ich kam etwas verspätet in den Studiersaal. Als der Präfekt mich fragte, wo ich solange geblieben sei, sagte ich fast wahrheitsgetreu: „Auf dem Klo!“

…und wir sannen auf Rache

Ich vertraute nach dem Abendessen Werner mein Malheur an. Wir waren uns einig, dass daran nur der Presssack schuld war, weil der keinen aufs Klo gehen ließ. Und wir sannen auf Rache, die zu verüben wir schon bald Gelegenheit haben sollten.

Einerseits war ich froh, endlich in einen aktiven Chor gekommen zu sein, wenn es vorerst auch nur der Choralchor 2a war und noch immer weit entfernt vom Konzertchor 1a, andererseitsaber hatte ich ständig Angst, eine Strafe einzufangen; denn der Presssack war gnadenlos streng mit uns.

Mein bester Freund Werner hatte da mehr Glück als ich. Er war direkt in den 1b-Chor mit dem beliebten Chorleiter, der Ente, wie wir den gutherzigen Musiklehrer respektlos nannten, durchgestartet. Er hatte sich beim Vorsingen in Etterzhausen nicht so ungeschickt angestellt wie ich.

Mehr Nachrichten zu Bucherscheinungen finden Sie hier.

Erhalten Sie täglich die aktuellsten Nachrichten bequem via WhatsApp auf Ihr Smartphone. Alle Infos dazu finden Sie hier.


Der Autor und sein neues Buch

  • Kindheit:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • Resonanz:

    „Der versteckte Bua“, so lautete der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • Versöhnung:

    „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966. Dabei sieht er sich nicht als Kronzeuge der Missbrauchsaffäre, die gerade aufgedeckt wurde. Metz sagt: „Ich will versöhnen, nicht anklagen“

  • Buchhandel:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht