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Region Cham
Samstag, 20. Januar 2018 4

MZ-Serie

Als der Domspatzen-Direktor raus flog

Diesmal erinnert sich der Chamer Domspatz Alexander Metz an das Verschwinden des Schulleiters – und die Gerüchte darum.
Von Alexander Metz

Domgymnasium und Internat im Jahr 1956. Aus diesen Mauern drang wenig nach außen. Und die Jungen drinnen bekamen auch nicht alles mit. Foto: Metz

Cham.Der Kiese hatte mir am Donnerstagabend beide Augen grün und blau geschlagen. Ich wollte nach dem Abendessen in den Studiersaal. Der Kiese stand genau in der Tür, als würde er auf jemanden warten. Er suchte bestimmt wieder ein Opfer, auf das er einschlagen konnte. Als ich mich an ihm vorbeizwängte, schob er blitzschnell sein rechtes Bein nach vorne, blockierte damit den Zugang zum Studiersaal so, dass ich darüber flog und unsanft auf dem Boden landete.

„Du bist wohl verrückt“, sagte ich zu ihm, während ich wutentbrannt aufsprang und auf ihn zuging. „Wos host gsagt!“, meinte der Kiese. Das war keine Frage, sondern eine Drohung. „Du spinnst wohl!“, entgegnete ich ihm kühn, und spürte sofort seine rechte Faust unter meinem linken Auge.

Der Kiese lehnte noch immer, eher lässig, in der Tür und versperrte auch weiterhin einem jeden den Zugang. Provozierend die Arme verschränkt starrte er auf mich, sein Opfer.

Meine Wut war nach dem Schlag ins Auge ins Unermessliche gestiegen, so dass ich wie üblich, wenn mich einmal die Wut überkam, auf meine zusammengerollte Zunge biss, was mich unheimlich stark machte, wie ich glaubte, und ich es somit wagte, ihn mit einem Stoß aus der Tür zu schupsen. Er hielt meinen Schlag auf, drehte mir den Arm um und versetzte mir nun einen zweiten Haken ins Gesicht. Diesmal traf seine Faust mein rechtes Auge.

Und das an einem Besuchstag!!!

„Einpassieren“ nannten es die Domspatzen, wenn sie ins Internat nach Regensburg kamen. Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Ich sah Sterne aufblitzen. Beide Augen tränten. Es fiel mir schwer, die Tränen der Wut und Hilflosigkeit zurückzuhalten. Wäre nicht der Herr Präfekt just in dem Moment erschienen, als ich mich mit zusammengerollter Zunge auf den Kiese stürzen wollte, hätte ich wie rasend und ohne Rücksicht auf weitere Gegenschläge auf den Kiese eingedroschen. Wahrscheinlich bis zum Umfallen meinerseits; denn der Kiese war weitaus stärker und deshalb bei allen gefürchtet.

„Auseinander!“, befahl der Herr Präfekt und mahnte uns, hinter den Studierpulten Aufstellung zum Abendgebet zu nehmen. Meine Augen waren bereits am nächsten Tag rot, grün und blau unterlaufen. Die Färbung verwandelte sich bis zum Sonntag in ein dunkles Blau bis Schwarz.

Und ausgerechnet dieser Sonntag war ein Besuchssonntag. Meine Mutter und meine Tante, die Tante Maja, kamen und nahmen mich wie üblich nach dem Domamt vor der Kammer, in der wir unsere Chorröcke an- und auszogen, in Empfang. Blankes Entsetzen war ihren Blicken zu entnehmen, als sie mich so schmachvoll entstellt sahen.

Die Kur gegen die blauen Augen

„Um Gotts Wuin! Wia schaugst denn du aus!“, waren Tante Majas erste Worte. Ich gab zu, in eine Schlägerei geraten zu sein, und nannte auch den Übeltäter, den Kiesberger. Meine Mutter und meine Tante suchten sofort nach Ankunft im Internat den Herrn Präfekten auf, der ihnen bestätigte, dass der Rabauke Kiesberger wild um sich schlage und man dies kaum zu verhindern wisse.

„Sauber!“, kommentierte meine gute Tante diese Aussage und ergänzte: „Ich möchte nicht, dass so was noch einmal vorkommt. Dafür sind Sie mir als Erzieher verantwortlich. Wir haben unseren Buben nicht hierher geschickt, dass er von anderen zusammengeschlagen wird!“

Auch dieser Präfekt, es war der mit dem Bulldoggengesicht, der den Läppschi mit den Segelohren bei Vergehen stets einer Sonderbehandlung unterzog, wurde fortan an jedem Besuchssonntagmit dem Haustrunk meiner Mutter belohnt, einem Kasten Edelhell vom Landshuter Brauhaus.

Mutter und Tante beschlossen an diesem Besuchssonntag, nicht ins Hotel International in der Maximilianstraße fein essen zu gehen, sondern mich im Auto nach Landshut mitzunehmen, um dort zuhause meine blau geschlagenen Augen zu therapieren.

Der Autor und sein neues Buch

  • Kindheit:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • Resonanz:

    „Der versteckte Bua“, so lautete der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • Versöhnung:

    „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966. Dabei sieht er sich nicht als Kronzeuge der Missbrauchsaffäre, die gerade aufgedeckt wurde. Metz sagt: „Ich will versöhnen, nicht anklagen“

  • Buchhandel:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

„So kannst ned rumlaufen!“, meinte die Tante und schmierte mir, daheim in Landshut angekommen, sofort Rubriment-Salbe, ein Teufelszeug gegen Prellungen, das jeden Thailändischen Tigerbalsam als Buttercreme in den Schatten stellt, ganz dick unter die Augen, dass diese nur so tränten. Als sie die Beschreibung las, leider zu spät, stellte sie mit Schrecken fest, dass man Rubriment in keinem Fall auf Schleimhäute oder gar in die Nähe von Augen bringen darf. So verbrachte ich den Besuchssonntag mit einem nassen Waschlappen vor den Augen in mich gekehrt zuhause in Landshut.

Mit noch immer blauen und schwarzen Augenringen und Wangen fuhr ich gegen Abend schweren Herzens wieder zurück nach Regensburg, um dort im Kaff einzupassieren, wie die Tante Maja solch einen Vorgang nannte.

Ich war ziemlich bedrückt. Mit Werner durfte ich nicht mehr meine Freizeit verbringen. Ich fürchtete, der Kiese würde sich rächen, weil ich ihn indirekt beim Bulldogg hingehängt hatte. Und außerdem graute mir schon vor dem Internatsleiter, dem Herrn Direktor, vor dem ich noch immer Angst verspürte, obwohl er mich bislang nie geschlagen oder sonstwie bestraft hatte.

Gerüchte gingen durchs Heim

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Als ich durch die Pforte trat, empfing mich bereits auf den Stufen mein neuer Ersatzfreund, der Herrmann. Herrmann wollte einmal Tierarzt werden. Er war eine Klasse über mir, blond wie Werner und etwas größer als ich. Er nahm mir die Angst vor der Schule. Ich hatte oftmals das Gefühl, das alles nicht mehr zu schaffen. Schule, Studium, Singen, Üben, Schweigen. Herrmann wusste stets einen Rat. Er hatte mir auch etwas für ihn ganz Wertvolles geschenkt, einen echten, lebenden Ameisenlöwen. Er übergab mir das winzige Tier mit dem flachen, herzförmigen Kopf in einem Einweckglas, das bis zur Hälfte mit feinem Sand gefüllt war. Ich versteckte den Ameisenlöwen in meinem Schrank auf dem Gang im zweiten Stock und bewahrte ihn wie einen Edelstein auf. Bedauerlicherweise wurde das Tier in meinem Schrank mangels Ameisen nicht sehr alt.

Alle Serienteile finden Sie hier.

Als ich Herrmann bei meiner Rückkehr auf den Stufen warten sah, wusste ich sofort, dass er mir etwas ganz Wichtiges mitzuteilen hatte. „Komm mit!“, sagte er leise und unterstrich diese Aufforderung mit einem lockenden Zeigefinger. Er begleitete mich in den Eingangsbereich der Präbende, schaute um sich und flüsterte mir ins Ohr, als er sich ganz sicher war, dass uns niemand beobachtete: „Der Direktor ist weg. Der FZ. Er ist geflohen.“ Ich verstand, er sei geflogen, und hakte nach: „Warum ist der Direktor geflogen?“ „Wegen dem Sechsten Gebot“, wusste Herrmann als Antwort.

O Gott, dachte ich mir. Das kann nicht sein. Der Herr Direktor ist ein Priester, und ein solcher hat mit dem Sechsten Gebot unmöglich etwas zu tun. Er war streng. Ich hatte Angst vor ihm. Der Timo fand ihn nett. Und auch der Herrmann fürchtete sich nicht vor ihm.

Mir fiel in diesem Augenblick auch ein, dass der Herr Direktor in seiner tiefen Frömmigkeit immer wieder ewige Andachten in der Hauskapelle organisiert hatte. Da durften die älteren Schüler nachts aufstehen und, sich stundenweise ablösend, vor dem Allerheiligsten, das auf dem Altar ausgesetzt war, Wache halten und beten.

„Ich hatte Angst vor ihm“

Ich wäre so gerne auch einmal dabei gewesen. Wo ich doch immer ein Priester werden wollte. Aber ich war noch zu jung und zu klein für diesen Dienst. Außerdem bevorzugte der Herr Direktor für solche Ehrenämter in der Regel Ministranten und Pfadfinder. Und ich war keines von beiden. Ich konnte noch nicht einmal ministrieren.

„Keiner weiß, wo er steckt, der Herr Direktor!“, ergänzte Herrmann. „Der Herr Präfekt hat ihn entdeckt, als er zwei von uns bei sich auf dem Zimmer hatte. Stell dir vor, sie haben Schnaps getrunken.“

Ich konnte mir nicht vorstellen, was der Herr Direktor mit den beiden Buben gemacht haben sollte, das ihn des Vergehens wider das Sechste Gebot schuldig gemacht hatte. Ich war aber froh, dass er nicht mehr da war, weil ich doch immer so viel Angst vor ihm hatte, vor allem vor den öffentlichen Bestrafungen im Speisesaal nach dem Mittagessen.

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