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Sonntag, 22. Oktober 2017 12° 7

Erinnerungen

Angst – wie eine schwarze Wolke

Hiebe drohten im Regensburger Domspatzen-Internat fast immer. Und es gab viele Jungen, die in der Nacht ins Bett pinkelten.
Von Alexander Metz

So strahlte der kleine Alex mit den anderen Domspatzen bei einem öffentlichen Auftritt. Im Internat herrschte bei vielen die blanke Angst vor Strafen mit dem Rohrstock. Foto: Metz

Cham.Der Schüler Seitz lag in meinem Schlafsaal. Schlafsaal Sechs. Es war eigentlich kein Saal, sondern ein Zimmer mit zehn Betten. Stockbetten, immer zwei übereinander. Der Seitz hatte sein Bett mir gegenüber, unten in der ersten Reihe direkt vor dem Fenster, parallel zur Wand, die an den Schlafsaal Fünf grenzte.

Der Seitz war ein blasser, dünner Junge. Verschüchtert und ängstlich. Sein Blick war scheu und unsicher. Er war langsam in allem, was er tat. Zu langsam, und somit von vorneherein den Anforderungen von Schule und Internat nicht gewachsen. Er hatte auch keine Freunde unter uns. Nachts weinte er manchmal. Das Heimweh erdrückte seine zarte Seele. Uns Schülern erschien er unbeholfen, tölpelhaft. Er war einer, mit dem man nichts anfangen konnte. Er störte nicht weiter und wurde auch nicht gehänselt.

Beim ersten Zubettgehen nach den Herbstferien, zog er sich aus, wie wir alle. Dazu setzte man sich auf den Hocker vor dem Bett. Erst zog man die Hausschuhe aus, dann die Hose und die Socken. Wenn man die Unterhose herabzog, um in die Schlafanzughose zu schlüpfen, war es wichtig, jenen Teil des Körpers, dessen man sich schämen musste, mit dem Hemd zu verdecken. Alles andere galt als unkeusch oder unschamhaft und zog im Ernstfall einen Rauswurf aus Schule und Internat nach sich. Und das wäre die größte Schande für einen jeden von uns gewesen.

Er trödelte besonders

Der Seitz trödelte an diesem ersten Abend nach den Ferien ganz besonders, als verstünde er es nicht, sich auszuziehen. Und als er es endlich tat, stand er nackt vor uns allen. Splitternackt stand er da vor seinem Bett. Er war es bestimmt von Zuhause gewohnt, sich so auszuziehen.

Als er sich seines unschicklichen Benehmens bewusst wurde, erschrak er so sehr, dass er, total verwirrt, nicht mehr in der Lage war, in seine Schlafanzughose zu steigen. Er schaute hilflos, ja völlig verstört, um sich und wusste nicht mehr weiter. Die anderen im Zimmer fanden das eher lustig und verlachten ihn.

Es war der Gangerl, der als erster sagte: „Du Sau!“ und auf den Gang hinauslief, um dem Herrn Präfekten Bescheid zu geben, dass der Seitz sich ganz nackt ausgezogen habe und sich nicht mehr anziehen könne.

Um auf Schwätzereien im Schlafsaal und andere Vergehen adäquat reagieren zu können, trug der Herr Präfekt, vor den Schlafsälen auf und ab gehend, immer seinen spanischen Rohrstock bei sich. Er kam kurz entschlossen und ziemlich aufgebracht in unseren Schlafsaal gestürzt, ging auf den hilflosen Seitz zu, blieb vor ihm stehen, sah seine Nacktheit und brüllte ihn an: „Zieh sofort deine Schlafanzughose an! Und komm raus auf den Gang! Und zwar sofort! Hast du mich verstanden?“

Der Junge zitterte am ganzen Körper. Tränen quollen aus seinen Augen. Er versuchte, seiner Untat bewusst, umständlich und doch hektisch, seine Beine in die gestreifte Schlafanzughose zu bekommen.

Alexander Metz mit seinem neuen Buch „Der zerbrochene Engel“ Foto: Ernst Fischer

Der Junge zitterte am ganzen Körper. Tränen quollen aus seinen Augen. Er versuchte, seiner Untat bewusst, umständlich und doch hektisch, seine Beine in die gestreifte Schlafanzughose zu bekommen. Der Kreuzer mit dem Vollmondgesicht, ein Bauernbub aus Hausham, lag bereits mit seinem um die Hand gewickelten Rosenkranz oben im Bett und betete. Wie jeden Abend. Auch er wurde von den anderen nicht für voll genommen, obwohl er so gutmütig war. Er ignorierte das Schauspiel mit einem Gebet. Es war seine Art, mit Angst und Heimweh umzugehen und mit dieser Welt fertig zu werden.

Der Peter, mein Bettnachbar oben, hockte auf seinem Schemel und blickte wie erstarrt auf den Seitz und den Präfekten. Er war schon ein Jahr länger hier in diesem Heim und wusste, was auf dem Gang mit dem Jungen passieren würde. Der Peter Tomtscheck, der unter mir lag, kam vom Waschraum zurück. Auch er blieb wie erstarrt an der Türe stehen.

Ich verließ den Raum, um noch einmal die Toilette aufzusuchen. Es war eine Flucht. Es war Angst, die schwarze Wolke, die sich wieder breitmachte und auf das Herz drückte.

Als ich von der Toilette kommend um die Ecke bog, hörte ich den letzten Stockhieb, mit dem der Seitz bestraft wurde. Schwarze Wolke. Angst. Noch vor mir schlich der Seitz sich in den Schlafsaal Sechs zurück und verzog sich in sein Bett. Er rollte sich in seine Decke ein und weinte vor sich hin. Ich stieg in mein Hochbett hinauf, nahm meinen gipsernen Schutzengel vom Schrank in den Arm und verspürte furchtbares Heimweh nach meiner geliebten Mama.

In dieser Nacht pinkelte ich zum ersten Mal ins Bett. Gehörte auch ich nun zu den Bettnässern, der Gilde der Verachteten? Aber weder der Bergler Max noch die Frau Kastl haben anscheinend etwas beim Bettenmachen bemerkt und somit auch nichts dem Herrn Präfekten gemeldet.

„Raus, alle raus!“, brüllte der Herr Präfekt ziemlich aufgebracht, kurz nachdem die Lichter in den Schlafsälen ausgemacht waren und wir uns dem Schlaf hingaben.

Schöne Bescherung. „Raus, alle raus!“, brüllte der Herr Präfekt ziemlich aufgebracht, kurz nachdem die Lichter in den Schlafsälen ausgemacht waren und wir uns dem Schlaf hingaben. „Alle raus auf den Gang!“ Wir stiegen erschreckt und benommen aus unseren Betten und bewegten uns hinaus auf den langen Gang.

Der Herr Präfekt hatte inzwischen das Licht auf dem Flur wieder angemacht. Es muss etwas passiert sein. Etwas Schlimmes. Ist gar ein Brand ausgebrochen? Wir hatten uns in Zweierreihen in Richtung Toilette aufzustellen und watschelten im Gänsemarsch dorthin. Ziel war die erste Kabine. Die Türe stand nach innen offen. Wir mussten, ein jeder, in die Kabine hineingehen, in die Kloschüssel schauen, wieder herausgehen und zurück in den Schlafsaal.

In der Kloschüssel lag eine eklige, dicke, braune Wurst. Einer hatte vergessen, die Spülung zu ziehen. Und damit so etwas nicht wieder vorkam, mussten wir uns alle die Bescherung ansehen. Ein jeder. Der Letzte erhielt den Befehl, an der Kette zu ziehen, um den Spülvorgang auszulösen und die eklige Wurst verschwinden zu lassen.

Unser Internat war ein sehr modernes Haus mit einem Waschraum, einer Dusche und Spülklosetts. Viele von uns kannten so etwas von Zuhause nicht einmal. Bei den meisten gab es zuhause noch das Plumpsklo ohne Spülung. Da konnte es schon mal vorkommen, dass man das Ziehen an der Kette, womit man die Spülung auslöste, vergaß. Bei der ganzen Aktion durfte, wie üblich, kein Wort gesprochen werden. Silentium strictissimum war angesagt. Trotzdem wagten es einige verlegen zu kichern. Das stellten sie aber geflissentlich ein, als sie den Herrn Präfekten passierten, der mit dem Rohrstock in der Hand vor der Türe zur Toilette wartete.

Ich lag noch lange wach, drückte meinen gipsernen Schutzengel an mich und betete: „Jesuskindlein komm zu mir, mach ein frommes Kind aus mir.“ Ein anderes Gebet fiel mir in dieser Nacht vor dem Einschlafen nicht ein.

In dumpfem Silentium strictissimum, absolutem Schweigen also, gingen wir in Zweierreihen, wie üblich, vom langen Flur durch die Hauskapelle in den Speisesaal, in den Altbau, die Alm. Die Tische waren bereits gedeckt mit Suppentellern und Besteck. Gabel, Messer und Löffel lagen rechts vom Teller. Das hatte alles so seine Ordnung. Zu Trinken gab es mittags nichts. Wer Durst verspürte, hängte sich vor oder nach dem Essen an den Wasserhahn im Waschraum.

Wir standen hinter unseren Stühlen. Die Hände zum Gebet gefaltet. Den Blick zum Kruzifix gerichtet, das in der Ecke des holzvertäfelten Raums hing.

Wir standen hinter unseren Stühlen. Die Hände zum Gebet gefaltet. Den Blick zum Kruzifix gerichtet, das in der Ecke des holzvertäfelten Raums hing. Mit einem „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ begannen wir unser Tischgebet. Die Teller waren schon mit der Suppe gefüllt. Lange vorher hatte Frau Kastl, unsere Köchin, die Brühe mit einer Kelle aus einem großen Aluminiumtopf geschöpft und auf die Teller verteilt. Die Suppe dampfte nicht mehr. An ihr konnte man sich bestimmt nicht den Mund verbrennen. Dazu gab es genug andere Möglichkeiten. Die Suppe war wieder einmal so eine undefinierbare „Wochenschau“. Gemüse und Kartoffeln püriert und mit Maggi geschwängertem Wasser gestreckt.

Das Gesicht im Suppenteller

Der Autor und sein neues Buch

  • Kindheit:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • Resonanz:

    „Der versteckte Bua“, so lautete der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • Versöhnung:

    „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966. Dabei sieht er sich nicht als Kronzeuge der Missbrauchsaffäre, die gerade aufgedeckt wurde. Metz sagt: „Ich will versöhnen, nicht anklagen“

  • Buchhandel:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

Während wir unser Tischgebet herunterleierten, bückte sich der Ache über den Suppenteller, um an der Brühe zu schnüffeln. Wenn ihm schon das Auge nicht verraten wollte, was er auszulöffeln hatte, so wollte er es wenigstens mit der Nase erfassen. Er bemerkte nicht, dass der Herr Präfekt sich von hinten an ihn heranschlich, ohne sein Beten zu unterbrechen; denn er hatte Aches ungebührliche Neugier längst schon erspäht.

Wir beendeten gerade das Gebet mit einem „Im Namen des Vaters und des Sohnes“, da hing der Ache bereits tief gebeugt über dem Teller. Die Kreuzzeichen machte er mehr so beiläufig und fahrig, aber immerhin passend zum Text. Eins auf die Stirn für den Himmelvater, eines auf das Kinn für den Sohn, den Herrn Jesus Christus. Und als er noch eines für den Heiligen Geist auf die Brust zeichnen wollte, holte der Herr Präfekt von hinten mit seiner starken Rechten schwungvoll aus und drückte Aches Kopf so in den Suppenteller hinein, dass die graubraune Brühe nach allen Seiten aufspritzte. Erschreckt fuhr Ache in die Höhe. Sein Gesicht sah aus, als würde er eine Totenmaske tragen. Die Suppe lief ihm übers Gesicht und tropfte herab, auf seinen Hemdkragen und auf seinen scheckigen Pullover.

Kein Mitleid – Schadenfreude

Nicht Mitleid durfte der Ache, unser Klassenkamerad, erwarten, es war pure Schadenfreude, die ihm entgegenschlug. „Und des Heiligen Geistes“, was ein drittes Kreuzzeichen auf der Brust erfordert hätte, konnten wir kaum mehr aussprechen, weil wir alle in lautes Gelächter ausbrachen.

„Wenn wir beten, dann beten wir! Merk dir das!“, pfiff der Herr Präfekt den verdatterten Ache an. „Verschwinde jetzt und wasch dir das Gesicht!“ Und uns brüllte er an, wir sollten mit dem dummen Lachen aufhören, welches uns ohnehin bald vergehen würde. Besonders auf dem Kieker hatte er den Klein, der zu den Bettnässern zählte. Er nannte ihn, weil der in einen Lachkrampf verfallen war, Sohn eines Straßenbahnschienenritzenreinigungskünstlers. Und wir bedachten mit unserer Schadenfreude nun auch den Klein, den keiner so recht mochte.

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