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Montag, 20. November 2017 10

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Arnold Palmer dreht in der Todeszone

Für sein neues Musikvideo ist der Chamer DJ Arnold Palmer durch das radioaktiv verseuchte Sperrgebiet um Tschernobyl gereist.
Von Michael Gruber

DJ Arnold Palmer wagte sich für sein neues Musikvideo vor das Epizentrum des Super-GAUs, den Reaktorblock 4 nahe Prypjat. Fotos: Palmer

Cham.Keine Menschen, kein Autolärm, nicht einmal Vögel zwitschern. Totenstille herrscht vor dem größten Sarg der Erde und Arnold Palmer blickt gebannt auf seinen Geigerzähler. Gespenstisch knattert der los, als der Chamer sich Reaktorblock 4 nähert. 30 Jahre ist es her, als hier Hilfsarbeiter in Bleischürzen glühend heißes Plutonium beiseite schaufelten, um bei der größten Reaktorkatastrophe vor dem Mauerfall den Heldentod zu sterben. „Das Gefühl vor diesem Reaktor zu stehen, lässt sich einfach nicht in Worte fassen“, sagt Palmer. „Es war einfach ein einziger Dauerflash.“ Und genau den sollen auch seine Fans erleben, wenn der Chamer DJ das Video zu seiner neuen Dance-Single veröffentlicht.

Gruselpark: Der verlassene Vergnügungspark in der Stadt Prypjat ist längst zum Mahnmal der Reaktorkatastrophe geworden. Ein kleiner Scherz-Post vom verlassenen Oktoberfest juckte Palmer schon in den Fingern. „Der Respekt vor den Opfern war größer.“ Fotos: Palmer

Knapp drei Tage lang war der 43-Jährige für den Dreh seines neuen Musikvideos im größten Niemandsland Europas unterwegs. Mit zwei Kameramännern tourte der DJ von Kiew aus in die 20 Kilometer breite Sperrzone um Tschernobyl und ließ sich bei seiner Entdeckungsreise durch evakuierte Mietbunker, verlassene Supermärkte, Hotels und Urzeitwälder ablichten. „Extremtourismus“ heißt das Motto, unter dem Reiseagenturen seit wenigen Jahren Führungen durch das verwilderte Areal bewerben und für Palmer war dieser Ort der Extreme nicht nur aus musikalischer Sicht reizvoll.

Der Chamer DJ Arnold Palmer dreht in Tschernobyl

Kulisse der Melancholie

Bärenlaune: Die verlassene Stadt Prypjat beflügelt auch die Fantasie von Sprayern, die in diesem Fall nicht aus der Luft gegriffen ist. Auch Bären und Wölfe streifen in der Stadt frei herum, erzählt Palmer. Ein unangenehmer Besuch blieb seinem Team aber erspart. Fotos: Palmer

„Ich bin mit dem Unglück von Tschernobyl quasi aufgewachsen. Damals habe ich beim ASV Cham Fußball gespielt und wir durften wegen der Strahlung nicht mehr aufs Spielfeld. Es hat mich schon immer gereizt, dieses Gebiet zu sehen.“ Genauso soll die Endzeitstimmung in der abgeriegelten Zone ins Konzept seiner geplanten Single passen, die der DJ im ersten Quartal 2018 veröffentlichen will. Der Sound soll düster und ein wenig melancholisch werden – „es wird definitiv kein Ballermann-Hit“, verrät der Musiker, der es im vergangenen Jahr mit seiner Cover-Version von „Hey there Delilah“ an die Spitze der deutschen Radiocharts geschafft hatte.

Strahlencheck: Ausgerüstet mit einem Messgerät konnten die Tourengänger die Strahlenbelastung in Microsievert pro Stunde überprüfen. Nach Angaben des Umweltministeriums liegt die natürliche Strahlendosis in Deutschland pro Jahr bei 2400 Microsievert. Fotos: Palmer

Organisiert hat Palmer die Reise auf eigene Faust: Rund 130 Euro hat die geführte Tour durch die beiden Sperrzonen gekostet, Flug und Hotel mussten die Teilnehmer selbst übernehmen. Von Prag aus startete das Team los nach Kiew ins Hotel an den Maidan-Platz, bevor es im Kleinbus zu den Schlagbäumen vor Tschernobyl ging, wo als erstes die Regeln für die Reaktortour geklärt wurden: Keine Touren durch verlassene Gebäude, keine Fotos und Videos vor dem Sarkophag. „Wir habens dann einfach darauf ankommen lassen“, sagt der Musiker – eine offizielle Drehgenehmigung gab es nicht. Von Vorteil waren hingegen die Russischkenntnisse seiner Frau Marina.

Chamer DJ Arnold Palmer dreht in Tschernobyl

Ruinen-Parcours: Zwar war es nicht erlaubt, die maroden Gebäude zu betreten, geduldet aber schon. Für den Videodreh wagte sich das Team von DJ Arnold Palmer wie hier ins Innere des städtischen Schwimmbads und erkundeten Hotels und Supermärkte. Fotos: Palmer

Worauf sich DJ Arnold Palmers Fans einstellen dürfen, wird schon bei den ersten Schnappschüssen der Reise deutlich: Eingerostete Autoskooter, Karussells und ein gespenstisches Riesenrad sind die Kulisse für Palmers Tour durch den wohl düstersten Freizeitpark der Welt in Prypjat, der 50 000 Einwohner-Stadt unweit des Reaktors, die von der Regierung binnen weniger Stunden evakuiert wurde. In der zehnstündigen Führung ging die Entdeckungstour vorbei an Hotels, Supermärkte, das städtische Schwimmbad und einen Fußballplatz, ehe die Gruppe vor dem Epizentrum der Katastrophe, den Reaktorblock 4 Halt machte.

Stimmung wie im Zombiefilm

Heldenweg: Zur Beseitigung des hochradioaktiven Schutts am Reaktorblock 4 wurden hunderte Freiwillige als sogenannten Liquidatoren eingesetzt. Den Opfern wurde dieser Gedenkweg mit Namensschildern gewidmet, der sich über viele Hundert Meter erstreckt. Fotos: Palmer

„Die Stimmung dort ist einfach postapokalyptisch, fast so wie in einem Horrorfilm. Du erwartest jeden Moment, dass ein Zombie auf Dich losstürmt.“ Lebensgefährlich ist die Strahlenbelastung dort inzwischen nicht mehr, sofern die Touristen nur wenige Stunden in der Sperrzone bleiben. Überzeugen durfte sich Palmer mit einem eigenen Messgerät: 20 Mikrosievert – das war der Spitzenwert, den der Chamer in einem Waldstück in der Nähe des Unglücksreaktors gemessen hat. Roter Wald heißt das Gebiet, nachdem die Strahlung die Kronen der Kiefern verfärbt hat.

General DJ Arnold Palmer Fotos: Palmer

Verglichen mit anderen Situationen ist dieser Wert jedoch relativ gering, weiß Palmer: „Bei einem Langstreckenflug, etwa in die Karibik, werden die Leute einer Belastung von bis zu 100 Mikrosievert ausgesetzt.“ Seine Fans dürfen sich auf alle Fälle zurücklehnen, wenn der DJ zu seinen neuen Beats durch die Tundra streift. Radioaktive Strahlung kann Youtube bis jetzt noch nicht übertragen – düstere Atmosphäre für den Dancefloor aber allemal.

Lesen Sie hier ein Porträt über den Chamer DJ Arnold Palmer.

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