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Region Cham
Mittwoch, 13. Dezember 2017 3

Angebot

Auch Herr Vivaldi schaut vorbei

Beim SV Geigant wird jetzt Ballett getanzt. Dank Johanne Timm, die sich begeistern ließ und ihre Begeisterung weitergibt.
Von Petra Schoplocher

Spieglein, Spieglein: Johanne Timm führt in Geigant Kinder ans Ballett heran. Dazu gehört für die Tänzerin und Choreographin neben den Übungen auch Improvisation zur Musik und das Eintauchen in Klassik. Foto: Schoplocher

Waldmünchen. Schwer und unhandlich scheint sie zu sein, die imaginäre Zauberkugel, die Johanne Timm mit fließenden Bewegungen an eine kleine Tänzerin weiterreicht. Das Mädchen nimmt den Gegenstand vorsichtig entgegen und scheint nun seinerseits der Halle zu entschweben...

Also nichts mit Drill an der Ballettstange beim jüngsten Angebot unter dem Dach des SV Geigant. Die Stange ist schon gar nicht da, dafür aber leuchtende Kinderaugen und zwischendurch auch immer wieder ein Kichern und Lachen. Und mittendrin Johanne Timm, die den Kindern Grundlagen des Balletts vermittelt.

Fachbegriffe wie „Plié“ oder „Port de bras“ gehören dazu, wie auch die Übungen vor dem Spiegel. Ehe die erfahrene Balletttänzerin und studierte Choreographin ihre Schützlinge dort aufreiht, stehen Aufwärmübungen auf dem Programm – das im übrigen für jede Stunde eigens erarbeitet und mit der entsprechenden Musik unterlegt wird. Den Kleinen ist die Freude an den Bewegungen anzusehen.

Freude statt „Drill“

Zu Beginn der Stunde (donnerstags, 15 bis 16 Uhr) kommen die Mädchen im Kreis zusammen, um sich einzustimmen. Foto: ps

Wenn sich Johanne Timm an ihre eigene Ausbildung erinnert, weiß sie vor allem, was sie ihren Schützlingen nicht antun möchte. Freude am Tanzen, an der Bewegung statt „Drill“, lautet ihre Überzeugung. Deswegen ist der Baustein „Freies Tanzen“ in der Stunde neben dem Erlernen der richtigen Bewegung so wichtig. „Kinder lieben es, zur Musik und vor anderen zu tanzen“, weiß sie. Die Mädchen nehmen diesen bewusst gewährten Freiraum gerne an – und „entschweben“ wie zum Beweis erneut.

Wenn die Musik stoppt, nimmt sich Timm zwischendurch auch Zeit, die Kinder auf die Musik hinzuweisen. „Ich möchte sie ja auch an die Klassik heranführen“, erklärt sie. Vivaldis Frühling aus den „Vier Jahreszeiten“ etwa wurde für eine kleine Aufführung zum Ende eines Kursblocks einstudiert, zum Thema Natur war es die Moldau und nun steht der Nussknacker an.

Der Ideenreichtum der Kinder beeindruckt die Künstlerin, die in den vergangenen Jahren viele Projekte initiiert hat, viele davon an ungewöhnlichen Orten, unter anderem in einem Zug, einer Gedenkstätte oder der Biennale Moskau. Zuvor war sie freischaffend an verschiedenen Tanz-, Theater- und Musikprojekten im In- und Ausland unterwegs.

Mobile Trennwände sorgen bestmöglich für Studio-Ambiente. Trotz der Turnhallen-Nachteile, das Hallen etwa, ist Johanne Timm froh über die Örtlichkeit. Foto: ps

Damit auch andere von dieser Leidenschaft profitieren, unterrichtet die Wahl-Waldmünchenerin seit fast fünf Jahren in Cham Tanzimprovisation und Ballett für Erwachsene und Kinder unterrichtet. Über dieses Engagement ist auch die Verbindung zu Geigant zustande gekommen. Einer Mutter war der Weg in die Kreisstadt zu weit und so flatterte eines Tages die Anfrage des SV ins Haus.

„Es macht sehr viel Spaß und ist sehr spannend“, schwärmt Timm von „ihrer“ Gruppe, die gerne noch ein wenig größer sein dürfte. Am besten um den Faktor, dass ein Teilen der Tänzer/innen nach Alter erfolgen kann. Mit Größeren könne man nämlich schon ein wenig anders arbeiten, meint sie. Doch auch da gelte die Maxime: Ein Heranführen an Schritte und Bewegungen – mit Freude.

Ihre neue Heimat hat Johanne Timm ins Herz geschlossen, über ihren Mann, der an der Heiligenfeldklinik tätig ist, ist sie nach Waldmünchen gekommen. Nach einem halben Jahr pendeln traf sie Entscheidung, hierzubleiben. Die Grenzregion, sagt sie, sei „ein riesengroßer Vorteil“. Die Kulturen, die aufeinandertreffen, die Geschichte. „Das hat für einen Künstler Potenzial“, schwärmt sie. Was sie aber auch schon bemerkt hat: „Der ländliche Raum braucht mehr kulturelle Unterstützung“. Förderstrukturen, wie sie sie etwa aus Berlin kennt, gebe es nicht und generell konzentriere sich in Bayern gefühlt alles auf München oder Nürnberg.

Tanzen als Chance

Johanne Timm, Jahrgang 1984, lebt seit fast fünf Jahren in Waldmünchen. Ihre Ausbildung absolvierte sie an der berühmten Hamburger Ballettschule John Neumeier. Engagements in Würzburg, Chemnitz und an der Deutschen Oper Berlin folgte der Wechsel in den zeitgenössischen Tanz. Kontakt: (01 76) 64 75 04 13. Foto: ps

Aber Johanne Timm ist findig, kennt Zuschussmöglichkeiten wie das Bundesprogramm „Kultur macht stark, Chance Tanz“. Von diesem Namen ist sie besonders überzeugt. Weil Tanzen ein Ausdrücken sei, eine besondere Sprache sei. Mit zwölf Jahren kam sie aus dem ehemaligen Osten Deutschlands nach Hamburg, „in eine andere Welt“. Die Unterschiede seien spürbar gewesen, manches Mal habe sie gedacht: „Krass, wie das hier läuft“.

Das war nicht das einzige Mal, dass sie in ein anderes Lebensgefühl eintauchte: Moskau, Wien, Lissabon, Antwerpen, London, Dublin... Mittlerweile weiß sie „Ruhe, Raum und Zeit für mich“ auf dem Land zu schätzen. Der Kontakt zur Szene in den großen Städten reißt schon allein wegen der Projekte nicht ab, die sie immer wieder forttreiben, aber auch Austausch und Inspiration mit sich bringen. Ihren Ausdruck findet diese dann hier.

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