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Besuch

Aufgeben? Nicht mit Frank Busemann!

Der Silbermedaillengewinner von Atlanta im Zehnkampf versuchte sich im Taekwondo — und sprach in Cham über das Thema Doping.
Von Steffi Bauer

„Die Kämpfer sehen aus wie ein Mittelding zwischen Werbetonne und GSG9-Polizist“, hatte Frank Busemann einst über Taekwondo gesagt. Nun probierte er es selbst aus – in Pemfling. Foto: Tschannerl

Cham.Der Fuß des Taekwondo-Trainers Dr. Thomas Braun saust nur wenige Zentimeter vor das Gesicht seines Gegenübers, doch dieser zuckt nicht einmal. Frank Busemann steht daneben und beobachtet, was ihn selbst gleich erwartet. Der „Sportler des Jahres 1996“, der damals zwei Tage lang Sportfans und Fernsehzuschauer in seinen Bann zog, als er bei den Olympischen Spielen in Atlanta die Silbermedaille im Zehnkampf gewann, probiert etwas für ihn ganz Neues aus. Doch wie kommt er als Leichtathlet aus Dortmund zum Taekwondo, und das auch noch in Pemfling, dem Sitz des Lehr- und Leistungszentrums in der Oberpfalz?

Über die Wirtschaftsjunioren: Deren früherer Kreissprecher Frank Betthausen hatte auf www.sportschau.de die Kolumnen des 42-Jährigen verfolgt, der 2016 bei den Olympischen Spielen zum wiederholten Mal als Sportexperte für die ARD im Einsatz war. In einem seiner Texte hatte sich Busemann ironisch mit vermeintlichen Randsportarten wie Taekwondo auseinandergesetzt. „Es ist das erste Mal, dass ich das bewusst sah. Die Kämpfer sehen aus wie ein Mittelding zwischen Werbetonne und GSG9-Polizist“, hatte er in seinem Artikel festgestellt.

„Vom 1. Januar bis zum Saisonhöhepunkt bin ich immer in Askese gegangen, dann kam die Völlerei.“

Frank Busemann als Aktiver

Und damit hatte er Betthausen „herausgefordert“, der den koreanischen Kampfsport betreibt. Der Wirtschaftsjunior schrieb Busemann eine E-Mail, bot ihm an, mehr über Taekwondo zu erfahren und lud ihn zum Probetraining zusammen mit den Vereinsmitgliedern ein. Busemann sagte zu – nicht nur zum Training, sondern auch, einen Unternehmer-Vortrag zu halten, der am Montagabend von den Wirtschaftsjunioren und der IHK Regensburg im Chamer Kino organisiert wurde.

„Wie bei einer Etüde, wenn man Musik spielt“

Doch zunächst geht es zum Taekwondo. Nach dem Warmmachen zeigt der Trainer essentielle Schrittbewegungen. Frank Busemann, in der ersten Reihe vor Braun, kann ganz gut mithalten. Kontaktkampf hatte er sich für die Trainingseinheit gewünscht, deshalb werden zuerst Kicks geübt. Man geht langsam zum Angriff über, aber alles ganz locker, „wie bei einer Etüde, wenn man Musik spielt“, beschreibt es der Lehrmeister. Beim Fußkick „ist die Höhe egal“, sagt er zu den Teilnehmern, schafft es selbst sehr hoch, und auch Frank Busemann sieht man dabei seine sportliche Erfahrung an. „Und jetzt geht es weiter Richtung Wettkampf!“ kündigt Braun an, und alle ziehen ihre Kampfwesten an.

Frank Busemann, vorsichtshalber zusätzlich mit einem Kopfschutz ausgestattet, darf Kicks austeilen und bekommt auch welche gegen seine Weste. „Die Technik ergibt sich ganz locker aus dem Ganzen“, weist der Trainer an und führt ein Ausweichmanöver vor. „Probier’s einfach: Reagieren und sofort kontern“, sagt er zu Busemann. „Dabei die kinetische Energie für den Gegenangriff ausnutzen.“ Dann darf der Taekwondo-Neuling sich etwas zurücklehnen und erst zwei „Schwarzgürtelherren“ und anschließend zwei „Schwarzgürteldamen“ dabei zusehen, wie sie Kampftechniken auf fortgeschrittenem Niveau zeigen.

Sehen Sie hier unser Video: Frank Busemann beim Taekwondo-Training in Pemfling:

Frank Busemann beim Taekwondo in Pemfling Video: Simon Tschannerl

„Ich habe viel mitgenommen heute, viel erfahren. Es ist ein ganzheitlicher Sport, bei dem alle Sinne angesprochen werden“, stellt Busemann nach dem Training fest. „Und es war ganz spannend, mal treten zu dürfen, hier ist es ja erlaubt“, sagt er im anschließenden Gespräch mit den Vereinsmitgliedern.

Er informiert sich unter anderem über die Trainingszeiten der Mitglieder, wie viel Zeit bis zum Erreichen des Schwarzen Gürtels nötig ist und über die Altersklassen der Teilnehmer - schon die Kleinsten waren heute beim Training mit dabei. Umgekehrt wollten die Vereinsmitglieder von dem 42-Jährigen wissen, wie viel er in seiner aktiven Sportlerzeit trainiert habe und wie er sich zu dieser Zeit ernährt habe. „Vom 1. Januar bis zum Saisonhöhepunkt bin ich immer in Askese gegangen, dann kam die Völlerei.“

„Es war ganz spannend, mal treten zu dürfen, hier ist es ja erlaubt.“

Frank Busemann

„Du hast ja drei Kinder: Was würdest du sagen, wenn sie auch Leichtathleten werden wollen?“, will Frank Betthausen wissen. „Wenn die nicht Busemann mit Nachnamen heißen würden, gern“, sagt der ehemalige Olympionike lachend, der schon als Kind sehr gut im Sport war und seinem Nachwuchs Vergleiche mit ihm ersparen möchte. Aber sein Achtjähriger ist ohnehin ein begeisterter Handballer, der sich schon mal kurzerhand selber einwechselt, und die beiden Jüngeren „wollen im Moment einfach mal alles ausprobieren“.

Und wie wäre es, wenn sie Gefallen an Taekwondo finden würden? „Das wäre super! Wenn sie Spaß daran haben, ist es genau das Richtige.“ Er habe eine große Hochachtung vor diesem „hochgradig anstrengenden Sport“, bei dem man blitzschnell reagieren müsse, gibt er zu.

Und dann folgt ein Abschlusskampf, bei dem Busemann gegen den Vereinsvorsitzenden Markus Wolkner zeigen darf, was er gelernt hat – sein Gegner hält sich etwas zurück, „aber der Frank darf schon draufhauen!“ Der Trainer bescheinigt dem Taekwondo-Neuling denn auch, dass er seine Sache gut gemacht habe.

Sehen Sie hier unsere Bildergalerie vom Besuch von Frank Busemann in Cham und Pemfling:

Taekwondo und Vortag mit Frank Busemann

Eine kleine Verschnaufpause gibt es für den 42-Jährigen, der sich auch als Referent, Moderator, Coach und Sport-Kommentator einen Namen gemacht hat. Und dann geht es auch schon weiter in den Kinosaal 8 zum zweiten Termin, seinem Wirtschaftsjunioren-Vortrag „Aufgeben gilt nicht! Wie Sie den Zehnkampf für Ihr Business nutzen“.

Frank Busemann bei seinem Vortrag in Cham mit Theresa Stangl, Frank Betthausen und Armin Steinhofer (v. l.) Foto: Tschannerl

„Es ist gut 21 Jahre her, da saß ich während der Olympischen Spiele in Atlanta mit doppeltem Knöchelbruch zu Hause. Frank Busemann hat mich auf seine unbekümmerte Art in seinen Bann gezogen und mir auf seine unbekümmerte Art gezeigt ’Aufgeben gilt nicht‘“, erinnert sich Frank Betthausen, der den Abend moderiert.

Busemann selbst gibt den Zuhörern einen Einblick, wie man die Regeln, die beim Sport gelten, auf alle möglichen Herausforderungen übertragen kann. „Ein Zehnkampf dauert zwei Tage, dabei ist man zehn bis zwanzig Stunden auf dem Sportplatz. Die Nettozeit, in der man sportliche Leistung bringt, sind nur achteinhalb Minuten“, sagt er. „Und dafür trainieren wir vier Jahre!“

Sehen Sie hier: Frank Busemann bei Olympia 1996 in Atlanta:

Das Training, also die Arbeit, die der Zuschauer nicht sehe, und der Wettkampf seien gleich wichtig. Den Weg zum Gipfel schaffe man, indem man Stärken stärke und Schwächen erträglich halte, anderen nicht die Schuld gebe und auch unangenehme Dinge zu Ende bringen. „Aufgeben gilt nicht: Wenn man einmal aufgegeben hat, wird es leicht zur Gewohnheit!“, warnt Busemann.

Im Anschluss an den Vortrag gibt es ein Meet and Greet, bei dem sich die Teilnehmer unter anderem für die Thematik des Dopings interessieren. Busemann, der sich schon oft kritisch zu diesem Thema geäußert hat, sagt, die Dunkelziffer sei hier sicherlich um einiges höher, als man wahrhaben wolle.

„Aufgeben gilt nicht: Wenn man ein Mal aufgegeben hat, wird es leicht zur Gewohnheit!“

Frank Busemann

Zugleich gebe es natürlich eine große Zahl an „sauberen“ Athleten, die man unbedingt unterstützen müsse. Bei ihm sei Doping nie ein Thema gewesen, seit seiner Kindheit habe bei seinen Eltern sein Wohl im Vordergrund gestanden. Als Journalist, sagt er, dürfe man nicht die Augen verschließen, aber auch „nicht immer nur draufhauen“, das wäre nicht fair gegenüber den „sauberen“ Athleten. Er selbst bekomme, wenn er öffentlich klar Stellung gegen Doping beziehe, immer wieder Mails wie „Du gehörst doch selbst dazu und schwingst hier die moralische Keule“.

Ein Schalke-Fan in Dortmund

Busemann erzählt außerdem viel Persönliches, über seinen Siegeswillen: dass er schon als Siebenjähriger nicht beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht verlieren konnte; wie es sich als Schalke-Fan in Dortmund lebt, seine Teilnahme am TV-Format „Ewige Helden“ von VOX, aus dem er als Sieger hervorging, das gute Verhältnis zu seinem Vater, der ihn – auch als sein Trainer – nie unter Druck gesetzt habe und dass er heute, als „Sportler im Ruhestand“, nur noch ein wenig jogge und Kräftigungsübungen mache. Ob er seinen Weg mit allen schmerzhaften Erfahrungen noch einmal gehen würde, fragt einer der Zuhörer. „Ja“, sagt Busemann bestimmt. „Wenn ich zurückdenke, fällt mir nur das Schöne daran ein.“

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