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Dienstag, 19. September 2017 15° 5

MZ-Serie

Beim Lachen strahlte der Präfekt

Im zweiten Teil seiner Erinnerungen an die Regensburger Domspatzenzeit erzählt Alexander Metz von seiner Ankunft im Internat.
Von Alexander Metz

1956: Domspatz Alexander Metz (vorne) bekommt sein Liber usualis, das Choralbuch mit den Messgesängen für die Sonn- und Feiertage des Kirchenjahres und den Stundengebeten. Foto: Metz

Cham.Ein halbes Jahr nach der Aufnahmeprüfung war vergangen. Nun wurde es ernst. Ich saß im Zug nach Regensburg, um von dort nach Etterzhausen in die Vorschule der Regensburger Domspatzen gebracht zu werden, in die vierte Klasse.

Die Tante Maja war mit einem Chauffeur im Dienstwagen der Brauerei, einem schwarzen Opel Kapitän, von Landshut nach Regensburg angereist. Sie nahm uns am Bahnhof in Empfang, nicht ohne von mir vor dem Hauptportal des Regensburger Bahnhofs ein Erinnerungsfoto mit ihrer neuen Agfa-Kamera zu schießen.
Noch nie vorher war ich in so einem eleganten Auto gesessen. Es war ein Opel Kapitän, der vom Chauffeur der Brauerei gelenkt wurde. Ich saß hinten auf der Rückbank zwischen Gabi, meiner Cousine, und der Tante Kathrin. Die Tante Maja saß vorne auf dem Beifahrersitz. Sie sah sich immer wieder um, als ob sie sich vergewissern wollte, dass ich nicht entwischt, sondern noch anwesend war.

„Ein Kind schlägt man nicht“

Körperlich war ich es, aber meine Seele war nicht da. Sie war wie in einem undurchsichtigen Eisblock konserviert. Ein wenig war ich stolz, in einem so großen Auto fahren zu dürfen. Die Winzerer Höhen, der breite Strom, die Donau, die hohe Eisenbahnbrücke zur Linken bei Maria Ort, das alles war für mich neu und ungewohnt. Ich war ja nie vorher aus Cham weggekommen.

Wenn meine Mama das auch alles sehen könnte, dachte ich mir und wagte nicht einmal zu seufzen. Erfüllt mit ein klein wenig Stolz, nun zu den berühmten Domspatzen zu kommen, ebenso wie mit schmerzhafter Trauer, nicht mehr bei meiner Mama, meiner über alles geliebte Pflegemutter, zu sein, und mit bedrückender Furcht vor dem Ungewissen, was da auf mich zukommen sollte.

Der Autor und seine Bücher

  • Zur Person

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war Tochter aus einer Landshuter Brauerei, der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • Der versteckte Bua

    „Der versteckte Bua“: Das war der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheitserlebnisse der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • Der zerbrochene Engel

    „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966. Dabei sieht er sich nicht als Kronzeuge der Missbrauchsaffäre, die gerade aufgedeckt wurde. Metz sagt: „Ich will versöhnen, nicht anklagen“ Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und im Paperback( (11,99 Euro) erhältlich in Chamer Buchhandlungen.

Das Straßenschild kündete einen kleinen Ort an: Etterzhausen. „Jetzt müssen wir schaun, dass wir die richtige Abzweigung erwischen“, sagte die Tante Maja zu ihrem Chauffeur. Der Herr Gilch lenkte schon bald den Wagen nach rechts in einen schluchtartigen Weg. Er fuhr vorsichtig, da die schmale Straße nicht geteert war. Wir überholten einige Papas und Mamas, die ihre Söhne zu Fuß auf dem Weg nach oben begleiteten, den Sohn an einer Hand, den Koffer in der anderen.

„Einpassieren“ nannten es die Domspatzen, wenn sie ins Internat nach Regensburg kamen. Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

„Haltens mal an, Herr Gilch!“, bat die Tante Maja den Chauffeur. Sie kurbelte das Fenster runter und fragte die Frau neben dem Wagen: „Können wir Ihren Koffer mitnehmen? Ich seh schon, dass Sie sich damit abschleppen.“ Es war die Mutter von Werner und Timo, die ihre beiden Söhne wieder zurück ins Internat brachte, die froh war, den Koffer mit den wenigen Habseligkeiten ihrer beiden Söhne nicht weiter mehr den Berg hinauf schleppen zu müssen.

Das war meine Tante Maja, meine neue Ersatzmutter. Ihr hatte ich es auch zu verdanken, dass ich zu den Domspatzen kam, weil sie es nicht länger mehr duldete, mich einer Erzieherin zu überlassen, die mich schlug, wenn ich nicht parierte. „Ein Kind schlägt man nicht!“, war ihre feste Überzeugung. Sie ahnte nicht, was mich bei den Domspatzen diesbezüglich erwarten sollte.

Alle Teile zum neuen Buch „Der zerbrochene Engel“ von Alexander Metz finden Sie hier

Der gutmütige Herr Gilch verstaute den braunen Lederkoffer in unserem Kofferraum. Die Frau und ihre beiden Buben winkten uns sichtlich erleichtert nach. Dass einer der beiden mein bester Freund werden würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich drückte meinen Gipsschutzengel, den ich die ganze Fahrt über bei mir im Arm gehalten hatte, noch fester an meine Brust.

Auf dem Berg oben fuhr uns der Herr Gilch über eine weite Wiese, die von zwei Seiten umwaldet war, direkt vor das neu erbaute Domspatzenheim. Es bestand im Wesentlichen aus zwei größeren Gebäuden, die durch einen langen Gang miteinander verbunden waren. Der Anbau links beinhaltete das Klassenzimmer der Vierten, das Zimmer des Herrn Präfekten, den Waschraum und die Toiletten.

„Der Goldzahn faszinierte mich“

Im Untergeschoss waren das Zimmer des Hausmeisters und Hilfspräfekten, ein Duschraum mit zehn Brauseköpfen, der Heizungskeller, durch den man in der Freizeit auf die Wiese hinaus konnte. Der Gang im Souterrain diente als Schuh- und Putzkammer. Entlang des ebenerdigen Verbindungsgangs lagen die Schlafsäle Eins bis Sieben mit Blick ins Tal, zum Dorf hinunter und hinüber zum Bahnhof und zur Kirche. Der Schlafsaal Sieben lag links beim Schulsaal Vier, der Schlafsaal Eins rechts beim Altbau, einem zweigeschossigen Haus, das man die Alm nannte, weil es von außen wie eine Almhütte aussah. Vor den Schlafzimmern waren Einbauschränke untergebracht. Für jeden Schüler gab es einen Schrank.

Gleich bei unserer Ankunft wurden wir vom Herrn Präfekten, einem Priester in schwarzer Soutane und strahlendweißem Kollar, mit goldenem, gekraustem Haar und Goldrandbrille sehr freundlich, ja herzlich empfangen. Beim Lachen sah man seinen goldenen Backenzahn, was mir sehr imponierte. Gold besaßen nur Könige und Prinzessinnen in meinen Märchenbüchern und in den Märchenfilmen. Obwohl er selbst nicht groß war, der Herr Präfekt, beugte er sich gütig zu mir herab, gab mir die Hand, fragte mich nach meinem Namen und wiederholte seine Grußworte: „Alexander heißt du. Grüß dich, Alexander. Ist noch alles fremd für dich. Wirst dich bald eingewöhnen bei uns. Be-stimmt. Was trägst du da im Arm?“ „Das ist mein Schutzengel“, hauchte ich. „Der ist sogar geweiht! Vom Herrn Kaplan Grabmeier persönlich.“ Es waren dies die ersten Worte, die ich seit Regensburg gesprochen hatte.

Die Angst begann zu schmelzen

Der Herr Präfekt lächelte gütig und milde wie der Heilige Josef in der Marienkirche und streichelte mir sogar wohlwollend mit seiner Rechten übers Haar. Das tat mir gut. Meine undefinierbare Angst begann etwas zu schmelzen. Seine Worte klangen tröstlich und hoffnungsvoll. Diesen Mann Gottes hätte ich gerne als Papa gehabt, fühlte ich sehnsuchtsvoll aufatmend. Ich fasste etwas Mut und Zuversicht. Sein Goldzahn, der bei jedem Lächeln strahlte, faszinierte mich noch immer.

Meine Tante Maja schien von diesem feinen Herrn ebenfalls sehr angetan zu sein. Sie unterhielt sich noch recht angeregt mit ihm, während wir, die Tante Kathrin, meine Cousine Gabi und ich durch die weit geöffnete Glastür über die Hauskapelle den langen Gang betraten. Herr Gilch folgte uns mit meinem Koffer und dem Bettzeug. Die Gabi trug meine Geige, ich meine Schultasche und meinen geweihten Gipsengel, der mich beschützen sollte auf all meinen Wegen.

Lesen Sie hier: Alexander Metz beginnt eine neue Serie mit Geschichten aus seinem Buch „Der zerbrochene Engel“. Diesmal: die Aufnahmeprüfung.

Wir wurden von einer Nonne empfangen, die sich als Schwester Adelheid vorstellte. Sie blätterte in einer Liste und stellte anhand dieser fest, dass ich, Alexander Metz mit der Wäschenummer 123, im Schlafsaal Sechs untergebracht sei. Sie teilte mir einen Schrank unmittelbar davor zu. Auch die Schwester Adelheid erschien mir lieblich, gütig und wohlwollend. Meine Zuversicht mehrte sich von Moment zu Moment. Und meine Angst begann zu schmelzen wie der alte Schnee in der Frühlingssonne. Ich betrat noch etwas zögerlich meinen Schlafsaal. Zehn Betten waren darin untergebracht. Stockbetten, immer zwei Betten übereinander. Links standen drei Bettenpaare parallel zum Gang, rechts zwei an der Wand zum Fenster hin verlaufend. Das Fenster war so hoch und so breit wie das Zimmer selbst. Es gab einen Panoramablick frei zum Tal hinab und hinüber zum gegenüberliegenden Berg mit dem Bahnhof. Irgendwie erweckte der Anblick des Bahnhofs in mir Sehnsucht und Heimweh. Und ich war noch nicht einmal richtig angekommen.

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Die Schwester Adelheid zeigte mir mein Bett. Es war das obere, links vorne beim Fenster, nur zwei schmale Schränke von diesem entfernt. Die Decke des Schranks direkt neben meinem Bett, der sich wie ein Nachtkästchen an dieses schmiegte, sollte als Altar für meinen vom Kaplan Grabmeier persönlich geweihten und von meiner Mama mir zum Abschied geschenkten Gipsschutzengel dienen. Da mein Engel geweiht und, weil aus Gips, leicht zerbrechlich war, glaubte ich, ganz besonders auf ihn achtgeben zu müssen.

Im Zimmer wuselten andere Eltern und Schüler herum, immer etwas auspackend oder suchend. Gute Belehrungen wurden von den Mamas und Papas gegeben, die den Kindern vor den anderen aber eher peinlich zu sein schienen, wie man an ihren Mienen erkennen konnte.

Und wenn er ned pariert, der Bua…

„Sei schön brav! Lern fleißig! Mach uns keine Schande! Du wirst es schon schaffen! Vergiss nicht dies, vergiss nicht das!“ – „Und wenn er ned pariert, der Bua, gebn S‘ ihm gleich a richtige Watschn!“, hörte ich einen Vater zum Herrn Präfekten sagen. Priester, Ärzte und Lehrer waren Respektspersonen. Was die sagten und taten, das war wohl gesagt bzw. getan.

Die Tante Kathrin half mir, den Schrank einzuräumen. Frau Kastl, die uns von Schwester Adelheid als Köchin vorgestellt worden war, bezog mein Bett. Sie stand dabei auf einem schmalen, hölzernen Hocker, dessen eigentlicher Platz vor dem unteren Bett war und auf den wir vor dem Zubettgehen unsere Kleidung ablegen sollten. Frau Kastl und der Hausmeister, der Bergler Max, würden mit einer Küchenhilfe jeden Morgen die Betten machen, wurde uns mitgeteilt, was die Tante Kathrin mit „ein feines Internat, wirklich!“ kommentierte. Wie hätte ich kleiner Bub da oben auch das Bett machen sollen? Da hätte nicht einmal der Hocker ausgereicht.

Voller Staunen betrat ich den Waschraum mit den vielen Waschbecken. Es gab sogar kleine, eingemauerte Wannen, um die Füße darin zu waschen. So etwas kannte ich bisher nicht. Auch hatten wir bei meiner Mama in Cham kein Bad und schon gar keine Dusche mit Brauseköpfen, aus denen sich warmes Wasser ergoss. Was war das doch, gemessen an meinem bisherigen Lebensstandard, für ein feines Heim, in das ich da kam!

Briefe wurden umgeleitet

Irgendwann war es Zeit, Abschied zu nehmen. Unerbittlich. Es wurde ernst. Meine Tanten und meine Cousine wurden vom Herrn Präfekten ehrerbietig verabschiedet. Sie verließen mich in der Gewissheit, Schüler einer Eliteschule und gut, ja sehr gut sogar aufgehoben zu sein.

Das persönliche Gespräch, das die Tante Maja mit dem Herrn Präfekten geführt hatte, beinhaltete, was ich damals aber nicht wusste, die Bitte, mich von jedem Kontakt zu meiner Pflegemutter fernzuhalten. Diesen Auftrag erfüllte der Herr Präfekt gerne und gewissenhaft, indem er Briefe, die ich an meine Pflegemutter, meine über alles geliebte Mama, schickte bzw. von ihr bekam, nach Landshut weiterleitete. Das Elend nahm seinen Lauf.

Lesen Sie hier: Ein Chamer Domspatz, der „keine Wut“ hat – Alexander Metz kennen unsere Leser gut. In seinem zweiten Buch erzählt er von seiner Zeit als Regensburger Sängerknabe.

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