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Region Cham
Samstag, 18. November 2017 10

Urteil

Cham: Richter sperrt Unfallfahrer ein

29-Jähriger floh im Passat mit 1,8 Promille und mehr als 140 km/h vor der Polizei und tötete Familienvater im Gegenverkehr.
Von Johannes Schiedermeier

Entlang der Unfallstelle zog sich ein Trümmerfeld. „Das war der schlimmste Unfall, den ich in meiner langen Laufbahn erlebt habe“, sagte der ermittelnde Polizeibeamte dem Richter bei der Verhandlung. Foto: ep

Cham.„Ein anderes Urteil würde die Bevölkerung nicht verstehen“, sagt Amtsrichter Andreas Voith, als er den Angeklagten für zwei Jahre und vier Monate ins Gefängnis schickt. Vor ihm starrt ein 29-jähriger Metallbauer nun schon zweieinhalb Stunden auf seine gefalteten Hände. Er spricht leise. Bei seinem letzten Wort sieht er kurz die Witwe des dreifachen Familienvaters an, den er totgefahren hat: „Ich will mich entschuldigen. Ich weiß, was ich angestellt habe und es tut mit unbändig leid.“ Dann bricht er in Tränen aus und bringt nichts mehr heraus.

Verfolgung bei Schneeregen

Dabei hatte der Mann bis zum 13. Januar nicht einmal einen Punkt in Flensburg. An diesem Tag ging er in eine Chamer Kneipe zum Darten und setzte sich mit 1,81 Promille ins Auto. Der Passat passte in den Raster der Further Schleierfahnder, die beim Knoten Cham-Mitte bei Schneeregen und matschiger Fahrbahn die Verfolgung aufnahmen. Die Beamten sagen aus, dass der Passatfahrer während der Verfolgung keinerlei Ausfallerscheinungen gezeigt habe, allerdings mit wesentlich zu hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen sei.

Der VW Passat des Unfallverursachers verlor nach dem Aufprall und acht Umdrehungen um die Längsachse den gesamten Inhalt des Motorraumes. Die Vorderachse flog 144 Meter weit, so der Sachverständige vor Gericht. Foto: ep

In Höhe des Parkplatzes Satzdorf habe der Passat sogar noch überholt. Mit Blaulicht und Schriftzug „Stopp Polizei“ habe man sich zu erkennen gegeben. Daraufhin habe der Fahrer noch einmal beschleunigt. „Mehr als 140 km/h wollte ich nicht fahren. Als der Abstand wuchs, haben wir per Funk die Grenzübergänge verständigt. Da hat es aber auch schon gekracht“, berichtet der Polizist im Zeugenstand. Der Passat sei ins Schleudern geraten und in einen entgegenkommenden BMW gekracht.

„In meiner langen Laufbahn habe ich noch nie so einen schlimmen Unfall gesehen“, berichtet der ermittelnde Polizeibeamte der Inspektion Cham. „Das Trümmerfeld zog sich ewig weit hin.“ Der Notarzt verzeichnet für das Unfallopfer im BMW „schwerste Verletzungen, die mit dem Leben nicht mehr vereinbar waren“.

Der Sachverständige

  • Die Fahrzeuge:

    Laut Bericht des Sachverständigen Martin Lausch hatte der getötete BMW-Fahrer keine Chance. Der Angeklagte kam mit mindestens 140 km/h mit einem 1735 Kilo schweren Passat 3,2 Liter V6 Allrad auf dessen 1580 Kilo schweren BMW zugeschleudert, der zum Aufprallzeitpunkt nur noch etwa 50 km/h fuhr.

  • Die Folgen:

    Der BMW wurde neun Meter gegen die Fahrtrichtung zurückgeschleudert. Sein Fahrer starb noch an der Unfallstelle. Der Passat verlor den gesamten Inhalt seines Motorraumes. Er drehte sich acht Mal und seine Vorderachse flog 157 Meter weit.

Der Angeklagte macht nach seinem Kneipenbesuch Erinnerungslücken bis ins Krankenhaus geltend. Allerdings wird im Krankenhaus attestiert, dass der Unfallverursacher durchaus zu logischen Gedankengängen fähig gewesen sei. Während die Leichenblutentnahme 0,0 Promille ergibt, liegt der Wert beim Angeklagten bei 1,81. Er beteuert, dass er sonst immer bei ein, zwei Halben Bier aufhört. Eine Aussage, die ihm der Richter nicht abnehmen wird: „Niemand fährt bei diesen üblen Straßenverhältnissen über 140 km/h mit 1,81 Promille, ohne dass er vorher geübt hat.“

Mann stirbt bei Unfall auf B20

Staatsanwältin Pfeffer stellt fest, dass sich die Anklage in vollem Umfang bestätigt habe. Es gehe um die Bestrafung vorsätzlicher Trunkenheit im Verkehr und fahrlässige Tötung. Es handle sich sogar um grobe Fahrlässigkeit. Zudem habe der Angeklagte auch das Leben der verfolgenden Polizeibeamten gefährdet, weil er seine Alkoholisierung verdecken habe wollen. Die Staatsanwältin verweist auf die schweren Folgen für die Witwe, die eine 18-jährige Tochter habe und 14-jährige Zwillinge. Sie fordert zwei Jahre und zehn Monate Haft plus drei Jahre Führerscheinsperre.

Der Anwalt der Nebenklage findet für die Behauptung, der Angeklagte habe immer höchstens zwei Bier getrunken, nur ein Wort: „Käse!“ Er habe der Polizei mit vollem Risiko eine Verfolgungsjagd geliefert. Mit sechs Halben Bier. Angesichts der schweren Folgen, will er den Angeklagten nahe der Höchststrafe von fünf Jahren hinter Gitter sehen.

„Eine Strafe muss die Tat spiegeln“

Dessen Anwalt gibt die Bitte des Angeklagten um Milde weiter. „Er hat sich bisher nichts zuschulden kommen lassen, hat selber eine Familie, 200 000 Euro Schulden und baut gerade ein Haus!“ Außerdem werde er von der Versicherung in Regress genommen. Der Beklagte habe in einem psychischen Ausnahmezustand eine falsche Entscheidung getroffen und sei geflüchtet. Er habe gerade mal dreihundert Meter Zeit gehabt, diese Entscheidung zurückzunehmen, da sei schon der tragische Unfall passiert. Eine Strafe von eineinhalb Jahren auf drei Jahre zur Bewährung sei angemessen.

Richter Voit verurteilte den Angeklagten zu zwei Jahren und vier Monaten Haft. Er habe billigend in Kauf genommen, fahruntüchtig zu sein, habe auch während der Flucht vor der Polizei reflektierte Entscheidungen getroffen. Der Unfall sei das zwangsläufige Ergebnis von Alkohol, Witterung und Geschwindigkeit gewesen. Eine verminderte Schuldfähigkeit sehe er nicht. „Eine Strafe muss spiegeln, was passiert ist. Ein Mensch wurde getötet“, so Voit.

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