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Region Cham
Montag, 27. März 2017 14° 1

Chefarzt zahlt bei jeder Geburt 160 Euro drauf

Wenn der Chamer Chef-Gynäkologe Dr. Jürgen Bornhaupt einem Baby auf die Welt hilft, zahlt der Belegarzt am Chamer Krankenhaus seit 1. Januar 160 Euro drauf. „Mir reicht das jetzt endgültig“, kommentiert er in einem Gespräch mit Kreiskliniken-Geschäftsführer Otto Hell, Prokurist Manfred Peintinger und dem Bayerwald-Echo. Ganz Bayern hat ein Problem, sagt Bornhaupt. Das Flächenland brauche Belegabteilungen, um den Frauen in angemessener Entfernung eine Möglichkeit zu bieten, ihre Kinder zu bekommen. „Wäre die Belegabteilung in Cham nicht, wären im letzten Jahr in mindestens zwei Fällen Mutter und Kind gestorben“, berichtet der Chefarzt.

Bis vor kurzem glichen die Kassen die bayerische Sondersituation der weiten Fläche mit 50 Euro Zuzahlung pro Geburt aus. Die sind jetzt weggefallen. Und nicht nur die. 125 Euro bekommt der Arzt für jede Geburt. 20000 Euro pro Jahr muss er Versicherung zahlen, 153 Euro kostet das nötige Personal, das die Beleger vorhalten und honorieren müssen. „Zieht man das alles ab, bringe ich derzeit zu jeder Geburt 160 Euro mit.“

Paradox: Die Abteilung boomt derzeit. Bis zu drei Geburten pro Tag bewältigt das Geburtshilfeteam – drei Belegärzte, die Beleghebammen und das Pflegepersonal –, wobei bei den Belegärzten Operationen und Praxisbetrieb hinzukommen. „Wenn wir Dr. Manfred Neumann im Ruhestand nicht hätten, könnten wir das gar nicht bewältigen“, sagt Bornhaupt.

Eigentlich, so Geschäftsführer Otto Hell, müsste Cham versuchen, der Geburtenschwerpunkt in Ostbayern zu werden. „Ich müsste ein Stockwerk draufsetzen, weil es sich rechnen würde.“ Dafür gibt es jedoch keine Geburtshelfer mehr. Die haben die Konsequenzen aus der Situation gezogen und sind aus der Geburtshilfe ausgestiegen. Rundum schließen – wie in Zwiesel – die Geburtenabteilungen oder tragen sich mit solchen Plänen.

Dr. Jürgen Bornhaupt spricht aus Erfahrung: „Wir suchen händeringend nach weiteren Leuten. Wir finden kaum jemanden, der die Arbeit noch machen will. Heute haben wir Vorstellungsgespräche mit einem tschechischen Arzt und einer russischen Ärztin. Und die sind oft besser ausgebildet als unsere eigenen Leute.“ Was ist die Lösung? Die bequemste wäre gut für Bornhaupt und schlecht für die Klinik. „Ich könnte aus der Geburtshilfe aussteigen. Dann hätte ich ruhige Nächte und es rechnet sich besser als jetzt.“ Doch räumt er ein, dass er sich auch bisher mit der Geschäftsleitung einig gewesen sei, dass sich die Geburtshilfe nicht rechne. Geld sei mit den anfallenden Operationen verdient worden. Allerdings sei zum Zeitpunkt dieser Abmachungen die Rechnung für die Geburtshilfe wenigstens Null auf Null ausgegangen.

Nun hoffen alle Beteiligten, dass sich die bayerische Politik wehrt. In den nächsten Tagen werde es auch Gespräche mit den Krankenkassen über Umschichtung von Geld geben. „Wir hoffen nicht, dass das auf allgemeine Nichtzuständigkeits-Erklärungen hinausläuft“, sagt Otto Hell. Die Belegabteilungen in den bayerischen Krankenhäusern seien auf Kooperation angewiesen, wenn Versorgung in der Fläche weiter gewünscht werde. Chefarzt Bornhaupt hat auch eine plausible Erklärung für das plötzlich fehlende Geld. Die 100 Prozent der Versicherten-Gelder sind umverteilt worden. Weil die Hausärzte mehr bekommen haben, muss es auf der anderen Seite Verlierer geben: „Das sind wir.“

Landkreistags-Präsident Theo Zellner hat reagiert. „Die Krankenhäuser würden den Fachärzten in Belegabteilungen gerne helfen, jedoch reichen die gesetzlichen Möglichkeiten dazu nicht aus. (…) Ohne eine belegärztliche Tätigkeit haben Fachärzte noch einen Anreiz weniger, ihre Praxis in ländlichen Regionen zu eröffnen. Wir fürchten daher massive Qualitäts-, wenn nicht sogar Strukturveränderungen, die die medizinische Versorgung im ländlichen Raum gefährdet.“ Ein Spitzengespräch mit der Kassenärztlichen Vereinigung findet am 17. März statt.

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