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Donnerstag, 19. Oktober 2017 18° 2

Extreme

„Das ganze Leben ist ein Marathon“

Joey Kelly ist trotz Erfolg am Boden geblieben. Dabei erzählt er in Cham spannende Geschichten aus Familien und Sport.
Von Steffi Bauer

Joey Kelly – sportlich und häufig im Fokus der Öffentlichkeit Foto: dpa

Cham.Mit Joey Kelly haben sich die Wirtschaftsjunioren genau den Richtigen ausgesucht. Sie holten den Extremsportler mit seinem Vortrag „No Limits – Wie schaffe ich mein Ziel“ ins Chamer Kino. Er begeisterte die Zuhörer dermaßen, dass sogar die als Geschenk mitgebrachten CDs aus Kelly-Family-Zeiten reißenden Absatz fanden. Der Vortrag am Montag war die offizielle Bezirksveranstaltung der Wirtschaftsjunioren Oberpfalz/Kelheim für 2016, zudem kamen rund 90 Karten in den freien Verkauf. Unter den Gästen waren 16 unbegleitete junge minderjährige Flüchtlinge, die im Glocknerhof Stamsried sind. Die Wirtschaftsjunioren helfen ihnen mit zehn Mitgliedern als Coaches auf dem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt.

Als Frank Betthausen, Vorstandsmitglied des WJ-Kreises Cham und Ressortleiter Kommunikation im Landesvorstand der WJ, das Auditorium fragte, wer denn schon einmal gelaufen sei, einen Zehn-Kilometer-Lauf, einen Halbmarathon oder einen Marathon absolviert habe, hoben immerhin noch einige die Hand. An einen Ultra-Marathon (Lauf, der länger als die Marathondistanz von 42,195 Kilometer ist), hatte sich aber noch keiner gewagt. Dafür konnte Joey Kelly aus erster Hand berichten.

„Keine Angst, ich singe nicht!“

Der Extremsportler, der zum ersten Mal nach Cham gekommen war, begann bescheiden: „Meinen Vortrag braucht kein Mensch. Ich vermittle hier keine neue Botschaft.“ Doch die Besucher hörten dann doch Dinge, die mancher sich kaum vorzustellen vermag – von einem Wettlauf am „gefühlten Ende der Welt“, dem Südpol, oder dem Gegenteil zur Eiswüste, dem Badwater Ultramarathon im Death Valley, in dem Temperaturen wie in einem Backofen herrschen.

„Kennt eigentlich noch irgendjemand die Kelly-Family?“, fragte das ehemalige Bandmitglied. „Keine Angst, ich singe nicht!“, nahm Joey Kelly vorweg. „Hab ich auch früher manchmal nicht getan, das hat bloß keiner gemerkt!“

Joey Kelly (rechts) stand den Wirtschaftsjunioren Rede und Antwort. Foto: cba

Sein Vortrag war gespickt mit viel Wortwitz, Ehrlichkeit und Selbstironie. Auch über die Familiengeschichte erfuhren die Zuhörer einiges. Vater Dan, der ursprünglich Priester werden wollte, hatte letztendlich zwölf Kinder. „No Limits“ auch hier, lachte Joey Kelly. Als die Familienmitglieder in den 1970er Jahren in Rom waren, wurden sie bestohlen und mussten sich, mittellos, eine Möglichkeit überlegen, Geld zu verdienen. Diese fanden sie in der Straßenmusik. „Der Hut lügt nicht“, das sei nicht nur in der Straßenmusik so, sondern überall.

Kelly „untermalte“ diese Anekdoten mit zahlreichen Videos auch aus den Anfangszeiten: „Der Kleine vorne links, der nicht singt, das bin ich“. Ein Top-Manager, berichtete er weiter, habe die Familie auf der Straße entdeckt und einen Knebelvertrag unterschreiben lassen. Später habe man sich wieder selbstständig gemacht. Als sie neu angefangen haben auf den Straßen von Paris, „haben wir um unsere Existenz gekämpft, aber fest daran geglaubt, dass wir Erfolg haben und die großen Stadien füllen werden“.

„Glück ist kein Zufall!“ Zehn Jahre ist die Familie in ihrem Hausboot gereist und hatte bereits vor ihrem kommerziellen Durchbruch eine Million Mark in Münzen eingenommen, aber nicht zur Bank gebracht. „Das Geld liegt auf der Straße – immer noch!“

500 Kleeblätter gepflückt

Seine erste Challenge, ein Trip von Los Angeles bis New York, habe er ohne einen Cent und ohne Verpflegung gestartet. „Dafür habe ich 500 Kleeblätter im Garten gepflückt und jeweils ein viertes Blatt dazugeklebt.“

„Menschen, die mich unterstützen wollten, haben eines der Kleeblätter bekommen und dazu das Versprechen, in dem Buch, das ich schreiben wollte, erwähnt zu werden.“ In den ersten drei Tagen habe er auf diese Weise schon knapp 3000 Dollar verdient. Aber das Prinzip des Erfolgs der Kelly-Family, die über 20 Millionen Platten verkauft hat, sieht er letztendlich in der Lebensweisheit seines Vaters: „Gib mehr, als Du nimmst!“

Von München nach Venedig

  • Meet ans Greet:

    Viele der Zuhörer nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen sowie das eine oder andere Selfie von sich und dem in Bonn lebenden Extremsportler zu machen, ehe der sich den Wirtschaftsjunioren noch für ein Meet and Greet zur Verfügung stellte.

  • Tour:

    Dort zählte er zahlreiche Projekte auf, die er für dieses und nächstes Jahr in Planung habe. Für eine München-Venedig-Tour habe er Frank Betthausen, der ihn befragt hatte, schon vorgemerkt, drohte er scherzhaft.

  • Überwindung:

    Ob er jemals aufgegeben habe? „Noch nie.“ Dieser eine Moment komme zwar oft bei den Rennen, aber er überwinde ihn, jetzt mit immer mehr Vorbereitung und Erfahrung.

  • Selbstständigkeit:

    Auf die Frage, worin er Parallelen zu Unternehmern sehe, antwortete Kelly, er sei ebenfalls selbstständig, habe Mitarbeiter, denen er vertrauen und auf die er sich verlassen könne. „Ich bin der Boss, aber heutzutage muss man um gute Mitarbeiter auch kämpfen.“ Die Zusammenarbeit mit ihnen mache ihm einen Riesenspaß.

  • Rückendeckung:

    Wie oft ist Joey Kelly eigentlich zu Hause? „Genug, dass meine Frau mich nicht verlassen hat.“ Er habe Rückendeckung, sei gerne unterwegs. Bei seinen Reisen lasse sein Fahrer ihn auch manchmal unterwegs aussteigen, damit Kelly die letzten Kilometer laufen kann. Geduscht werde dann in einer Lkw-Raststätte für 2 Euro.

  • Kopfsache:

    Laufen sei für alle gut, Ultra-Marathons seien aber sicher über der Grenze: „Das ist dann nur noch eine Kopfsache.“

  • Gefahren:

    Wie gehen er und die Familie mit Gefahren, etwa bei der Südpol-Expedition, um? Die Gefahr sei da, und er wisse auch darum. Dennoch dürfe man keine Angst haben. „Meine Frau würde im Fall der Fälle auch schnell einen anderen bekommen“, lachte er. (cba)

Bei seinem ersten Volks-Triathlon habe er sich beim Schwimmen „mit dem Butterfly direkt hineingestürzt“ und wäre dann fast untergegangen – auch das gab es als Video zu sehen.

Beim Laufen hätten ihn kurz vor dem Ziel zwei 72-Jährige überholt, „und die haben sich auch noch unterhalten!“ Aber Kelly hat sich durchgebissen. Einen anderen Triathlon hat er trotz Schlüsselbeinbruch zu Ende gebracht. Trainiert habe er immer nachts, nach den Konzerten. Der Ausdauersport verlange einem Disziplin, Ehrgeiz und Mut ab. Trotzdem habe er seinen Beruf als Musiker nicht vernachlässigt. Oftmals war das natürlich stressig: Einmal sei er direkt vom Ironman mit dem Hubschrauber zum Konzert, und dann im Laufschritt, noch im Sporttrikot, auf die Bühne.

„Race Across America“

Der 43-Jährige absolvierte bislang mehr als 40 Marathons, mehr als 30 Ultramarathons, neun Wüstenläufe und dreimal das Radrennen „Race Across America“ von der West- zur Ostküste der USA. Dazu kommen Iron-Man-Wettbewerbe und mehr als 100 Halbmarathons, Kurzdistanztriathlons und Kurzdistanzwettkämpfe. Auch als eine zuständige Ärztin einmal „Er ist aus dem Rennen“ diagnostizierte, habe er nach einer kurzen Pause trotzdem weitergemacht. Nur eine Kleinigkeit habe er dabei verändert: „Ich habe in meinem Kopf das Jammern abgestellt und die Stimme ,Warum machst Du das überhaupt?‘“ Ab da sei es bergauf gegangen.

Joey Kelly will ins Ziel kommen, wenn auch manchmal auf allen Vieren wie beim Idita-Ultra-Marathon in Alaska. Er ist überzeugt: „Wir sind körperlich und mental in der Lage, so viel mehr zu leisten!“ Der härteste Ultra-Marathon ist seiner Meinung nach der Badwater-Run im Death Valley. „Da war ich happy, das Rennen überhaupt überlebt zu haben.“

„Das ganze Leben ist ein Marathon, Kämpfen zahlt sich aus!“, so der Extremsportler. Aber auch der Spaß kommt nicht zu kurz. „Über 15 Jahre habe ich bei den Events von Stefan Raab mitgemacht, und zweimal habe ich sogar Schorsch Hackl bei der Wok-WM geschlagen“, sagt er. Wie er das geschafft hat? – Einmal habe er den Wok mit Blei beschwert, ein Jahr danach gab es dann deshalb neue Regeln, und vorletztes Jahr habe er sich dann mit einem starken Magneten zu einer Einheit mit seinem Wok verbunden.

„Wettlauf zum Südpol“

100 Jahre nach dem legendären Wettkampf zwischen Scott und Amundsen bestritt er mit ZDF-Moderator Markus Lanz im deutschen Team den „Wettlauf zum Südpol“. In zehn Tagen legten die zwei eine Strecke von 400 Kilometern zurück, bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius. Für gute Stimmung, Respekt und guten Ton habe vor allem Markus Lanz gesorgt. Diese Dinge seien entscheidend und würden auch jedes Unternehmen, jede Familie und jeden Verein zum Erfolg führen.

2010 durchquerte Kelly in 17 Tagen und 23 Stunden Deutschland von Wilhelmshaven bis zur Zugspitze zu Fuß. Auf seinem 900-Kilometer-Marsch hatte er kein Geld und keine Verpflegung dabei. Einmal gab es, frisch überfahren, Hasen als Mahlzeit und auch Schnecken, die er vorher leider nicht wie empfohlen getrocknet hatte. In dieser kurzen Zeit habe er 15 Kilo abgenommen, sagt der Extremsportler. Zu Hause habe er dann erst einmal seine Familie in den Arm genommen – Kelly ist verheiratet und hat vier Kinder – und sei dankbar gewesen, das Glück zu haben, gesund und frei zu sein und seine Ziele verfolgen zu können.

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