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Montag, 23. Oktober 2017 7

Kriminalität

Den Further Schmugglern auf den Fersen

Elektroschocker oder Wurfmesser: Der Import illegaler Kleinwaffen boomt. Der Zoll öffnet die Pforten der Asservatenkammer.
Von Michael Gruber

  • Täglich durchkämmen sie die südliche Oberpfalz: Karl-Heinz Englert, Leiter der Kontrolleinheit Verkehrswege Furth im Wald, mit seinem Kollegen Franz Seidl (rechts). Foto: Michael Gruber
  • Tabak und Schnaps gehören nach wie vor zu den Waren, die der Zoll in Furth auf häufigsten sicherstellt. Nicht mehr als zweihundert Zigaretten pro Person und ein Liter Schnaps dürfen legal über die Grenze gebracht werden. Foto: Michael Gruber
  • Zu den Aufgaben des Zolls gehört auch die Überwachung des internationalen Artenschutzes, der in diesen Fällen mit Füßen getreten wurde: Ein Stiefel aus Pythonleder, ein Schlangenledergürtel und ein sichergestellter Korallenzweig. Foto: Michael Gruber

Furth im Wald.Zwischen bunten Plüschtieren, Fingerspinnern und Plastikbaggern blitzt es hervor, das Spielzeug für Erwachsene: Butterfly-Messer, KO-Spray, ein goldener Schlagring mit Totenköpfen. Zehn Euro möchte die Verkäuferin des Marktstandes am Parkplatz Folmava dafür haben. Am sogenannten Vietnamesen-Markt, eine Autominute vom Grenzübergang Schafberg entfernt, gibt es Kleinwaffen aller Art so einfach zu kaufen wie Kaugummi: keine versperrten Vitrinen, keine lästigen Fragen. Ein Waffenschein ist auf tschechischem Boden beim Kauf nicht nötig.

Und der Rubel rollt: Seit dem Jahr 2016 boomt das Geschäft mit den bayerischen Waffenfreunden wie selten zuvor. Das legen die Zahlen nahe, die Karl-Heinz Englert vorlegt: 4508 illegal eingeführte Kleinwaffen haben die Zollbeamten im Raum Regensburg im vergangenen Jahr sichergestellt – im Jahr 2015 waren es noch 515. „Es wird ein verändertes Sicherheitsgefühl der Bürger deutlich, das in vielen Fällen zum Waffenschmuggel beiträgt“, sagt der Further Zollbeamte, „und es ist nirgendwo so leicht, Kleinwaffen zu kaufen, wie an Vietnamesen-Märkten.“

Einblick in die Kammer

Neben Rolex-Uhren, Parfums und iPhones stellten die Beamten auch preisverdächtige Produktfälschungen wie diesen Wanderschuh sicher. Die Designer haben einen Timberland-Schuh mit dem Louis-Vuitton-Muster kombiniert. Foto: Michael Gruber

Der 56-Jährige ist Leiter der Kontrolleinheit Verkehrswege Furth im Wald des Hauptzollamts Regensburg und durchkämmt täglich den Grenzverkehr von Furth im Wald entlang der tschechischen Grenze bis in den Raum Regensburg. Englert weiß, wie es um die aktuellen Tricks und Vorlieben der Schmuggler steht – und genau deshalb haben wir die Further Zöllner da besucht, wo die Waren aus Kofferräumen, Ladeflächen und Armaturenbrettern von Lastwagen und Autos aus der letzten Ritze gefischt werden: In der rund zehn Meter hohen Inspektionshalle an der B 20.

„Es wird ein verändertes Sicherheitsgefühl der Bürger deutlich, das in vielen Fällen zum Waffenschmuggel beiträgt.“

Karl-Heinz Englert

Der Schmuggel von Wurfmesser, Schlagringen und Kleinwaffen aller Art hat im vergangenen Jahr stark zugenommen. Mit 4508 Funden stellten die Beamten im Bezirk Regensburg neunmal so viele Waffen sicher wie im Vorjahr. Foto: Michael Gruber

Was den Beamten dabei am häufigsten ins Netz geht, wird in den Regalen der Asservatenkammer deutlich: Bis unter die Decke stapeln sich Zigarettenstangen und Schnapsflaschen, Wurfsterne und Butterflys, kleine Tütchen mit Haschisch oder Crystal. Rund eine Million Glimmstängel und 24 Kilo Rauschgift haben die Beamten des Zollbezirks im vergangenen Jahr aus dem Verkehr gezogen – die Gesamteinnahmen des Hauptzollamts Regensburg beliefen sich auf 2.2 Milliarden Euro.

Der auffällige Anstieg konfiszierter Kleinwaffen wie Schreckschusspistolen, Elektroschocker oder Wurfmesser steht in Englerts Augen häufig in Verbindung mit Drogenkriminalität: „Es kommt häufig vor, dass die Betroffenen neben dem Tütchen Crystal auch noch ein Butterfly in der Hosentasche haben“.

Erfahrene Zöllner überrascht

Haschisch und Marihuana in kleinen Mengen zählen zum Standardrepertoire in der Asservatenkammer der Beamten. Größere Funde werden in das Hauptzollamt Regensburg weitergeleitet, wo die Fahndungsstelle ermittelt. Foto: Michael Gruber

Doch sind Kleinwaffen inzwischen auch bei Personengruppen gefragt, die selbst erfahrene Zöllner überraschen: Erst vor wenigen Wochen beschlagnahmten sie drei Schlagringe, ein Fall- und ein Butterfly-Messer sowie einen Teleskopstock von zwei 15-jährigen Jugendlichen aus dem Raum Regensburg. Gemeinsam mit dem Vater des einen Jungen waren sie nach dem Einkauf in Tschechien wieder auf der Heimreise über die Grenze.

Die Waffengesetze in Deutschland sind streng. Der Erwerb und Besitz von Butterfly-Messern ist seit 2003 grundsätzlich verboten, auch bei Teleskopstöcken handelt es sich um Waffen im Sinne des Waffengesetzes, die nur unter strengen Auflagen von Volljährigen getragen werden dürfen.

Kreative Produktpiraten

Täglich durchkämmen sie die südliche Oberpfalz: Karl-Heinz Englert, Leiter der Kontrolleinheit Verkehrswege Furth im Wald, mit seinem Kollegen Franz Seidl (rechts). Foto: Michael Gruber

Neben Kleinwaffen beobachten die Beamten den Anstieg einer weiteren beliebten Schmugglerware: Markenklamotten, Accessoires, Uhren und Smartphones, die im Ausland zum Schnäppchenpreis verhökert werden – von Produktpiraten. Gefälschte Rolex-Uhren und iPhones sind dabei nur die Spitze des Eisbergs der kreativen Neuschöpfungen.

Aus einem Paket fischten die Beamten einen Schuh, bei dem die Piratendesigner gleich zwei Zielgruppen beglücken wollten: Auf einen Timberland-Wanderschuh nähten sie das Handtaschenmuster von Louis Vuitton auf – ein echter Hingucker, vor allem für den Zoll.

Schritt halten mit Schmugglern

Doch lernen die Schmuggler dazu – sie passen ihre Vertriebswege an, loten Verstecke aus, fahren in organisierten Kolonnen auf der Autobahn. „Wir müssen uns ständig anpassen, um den Schmugglern einen Schritt voraus zu sein“, sagt Englert. Das ist nicht immer leicht – das Image von Beamten in Uniform ist angekratzt.

„Der Respekt vor Beamten hat im Umgangston deutlich abgenommen. Die Bürger reagieren oft herablassend und aggressiv im Fall einer Kontrolle.“

Karl-Heinz Englert

Nach wie vor steht Crystal hoch im Kurs bei den Konsumenten im Einsatzbereich des Further Zolls. Knapp ein Gramm des Metamphetamins enthält dieses Tütchen, das die Beamten vor wenigen Wochen einer jungen Frau abnahmen. Foto: Michael Gruber

Das bekommt auch Englerts Truppe seit den letzten beiden Jahren immer deutlicher zu spüren. „Der Respekt vor Beamten hat im Umgangston deutlich abgenommen. Die Bürger reagieren oft herablassend und aggressiv im Fall einer Kontrolle“, sagt Englert.

Umso mehr kommt es aufs Vertrauen unter den Kollegen an, und hier können die Further auf ihre wichtigsten Mitarbeiter zählen: Spürhunde wie Emmi, eine Mischung aus Labrador und Pudel, die auch entlegene Schmugglerverstecke wittern. Zehn Monate alt ist die Hundedame, und in ihrer Ausbildung wird sie noch so einige Überraschungen in den Kofferräumen und Ladeflächen bei Furth zu schmecken bekommen.

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