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Politik

Die bunte Seite des Wahlkampfes

Im Gespräch mit den Bundestagskandidaten Tina Winklmann (Grüne), Dr. Stefan Scheingraber (ödp), Frank Aumeier (Freie Wähler)
Von Johannes Schiedermeier

Die Gesprächsrunde in der Redaktion wurde von Martin Hladik (li.) und Johannes Schiedermeier (re.) geleitet. Dr. Stefan Scheingraber (ödp), Tina Winklmann (B 90/Grüne) und Frank Aumeier (Freie Wähler) schenkten sich nichts, aber bierernst ging es nie zu.Fotos: rh

Cham.Es soll Wahlveranstaltungen geben, bei denen sich das Publikum langweilt. Tina Winklmann (B 90/Grüne), Dr. Stefan Scheingraber (ödp) und Frank Aumeier (Freie Wähler) sorgten für Kurzweil: Sie stiegen am Dienstagabend auf jede Frage ein und lieferten sich einige kontroverse Debatten, ohne jemals persönlich oder bierernst zu werden.

Die Drei auf dem Sofa: Engagiert trotz überschaubarer Chancen

Ein bisserl schmerzfrei und idealistisch muss man sein, wenn man im tiefschwarzen Landkreis Cham für Grüne, ödp und Freie Wähler in den Bundestagswahlkampf zieht. „Wenn ich unbedingt was hätte werden wollen, dann wäre ich zur CSU gegangen. Aber es geht um die Sache und ich bin voll dabei“, sagte Dr. Stefan Scheingraber von der ödp. Der gelernte Chirurg, Notarzt und studierte Theologe konnte den Privatdozenten nicht immer verleugnen, wenn er wieder mal ein Blatt aus seinem Ordner fischte und zu einer kleinen Vorlesung anhob. Er war bestens vorbereitet und wusste zu jedem Thema etwas.

Dr. Stefan Scheingraber (ödp)

Frank Aumeier war schon bei der CSU, sogar als stellvertretender Ortsvorsitzender. Dort hat man ihm aber das Kraut ausgeschüttet, sagt er, ohne Namen zu nennen. Jetzt ist er überzeugter Freier Wähler. „Nicht reden – kandidieren!“, sagt der Chamer, der in der Krankenkasse arbeitet. Er behielt bei den Diskussionen immer die Ruhe und Übersicht, auch wenn er von seinem Parteiprogramm und Echo-Moderator Martin Hladik hinterrücks überrascht wurde – aber dazu später.

Tina Winklmann (Bündnis 90/Grüne) ist von ihrer Sendung überzeugt: „Der Landkreis braucht grünen Wind.“ Sie arbeitet drei Schichten als Verfahrens- und Kautschuktechnikerin bei Siemens und gießt dort gerade Schalter-Relais für Sicherungskästen. Ihr Ziel: mehr grüne Politik im Bundestag durchsetzen. Sie bereicherte die Diskussion durch leidenschaftliche Plädoyers und behielt auch unerschütterlichen Humor, wenn Echo-Moderator Johannes Schiedermeier ihre Gender-Politik anfrotzelte.

Die Bluttat in Arnschwang

und die Einschätzungen dazu

Neben den großen politischen Themen Arbeit und Soziales über Rente bis hin zur Inneren Sicherheit, die wir weiter hinten abhandeln, ging es auch um Naheliegendes wie zum Beispiel die Bluttat von Arnschwang. Frank Aumeier sah als Ursache für solche Taten das unkontrollierte Durchwinken von Flüchtlingen an den Grenzen. In Arnschwang seien Infos verlorengegangen. Was den Freien Wähler auf die Palme bringt: „Da verbaut einer seine Abschiebung, indem er im Zuchthaus konvertiert. Das finde ich absolut unverständlich.“

Frank Aumeier (Freie Wähler)

Der Theologe Dr. Scheingraber hat da weniger Probleme: „Ich würde jetzt nicht sagen, dass es keine Bekehrung gibt.“ Die Tatsache, dass das Gericht zwar die Tat, nicht aber den Täter für gemeingefährlich erklärt hatte und ihm deshalb nur eine Fußfessel verpasste und keine Sicherungsverwahrung, hält Dr. Scheingraber für „eine juristische Spitzfindigkeit“. Es seien behördliche Pannen passiert.

Tina Winklmann von den Grünen fordert eine getrennte Unterbringung. „Frauen und Alleinerziehende müssen geschützt werden. Eine Unterbringung mit vorbestraften Gewalttätern kommt schon gar nicht infrage.“

Die Frage nach Sitte und Ordnung im Parteiprogramm

Auf dem grünen Sofa saßen an diesem Tag insgesamt 420 Seiten Parteiprogramm. Spitzenreiter sind die Grünen (240 Seiten), gefolgt von der ödp (120) und den Freien Wählern (60). Das Zitat: „Eine Gesellschaft, eine Volkswirtschaft und ein politisches System können ohne Sitte und Ordnung nicht funktionieren.“ Mit der Frage „Wer schreibt das?“, sorgte Moderator Martin Hladik für allgemeines Rätselraten. Tina Winklmanns Tipp: „AfD oder CSU!“ Dr. Scheingraber legte sich an: „CSU, AfD oder die Freien – die kommen auch sehr rechts daher!“ Aumeier wähnte sich sicher: „Von uns ist das nicht!“ – War es doch. „Da bin ich baff“, sagte der Freie Wähler, der die Verabschiedung miterlebt hat. „Der Satz ist mir so nie aufgefallen.“

Das Sternchen in Bürger*innen und die flotte Debatte darüber

Martin Hladik fragte Tina Winklmann, ob sie sich erklären könne, warum viele Leute auf das Sternchen bei „Bürger*innen“ so grantig reagieren. Vielleicht weil da Sprache vorgeschrieben werden soll?

Tina Winklmann (B 90/Grüne)

Winklmann ist sicher: „Genderpolitik wird Alltag. Wer braucht die Zahnarztfrau aus der Perlweiß-Werbung?“ Es gehe darum, dass diskutiert werde, zur Not wegen des Sternchens. Prompt entwickelte sich eine rege Debatte. Während Scheingraber sich mit der Ehe für alle nicht anfreunden konnte und auch ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare kritisch sieht, hat Winklmann damit keine Probleme und sieht in der jüngsten positiven Entscheidung des Bundestages eine Frucht von 20 Jahren grüner Hartnäckigkeit. Dagegen hat Aumeier kein Problem mit der Ehe für alle und argumentiert bei der Adoption: „Es gibt ganz sicher Kinder, die so besser aufgehoben sind als in mancher Familie nach altem Muster.“ Mit Gelächter reagierte Winklmann auf die Frage von Moderator Schiedermeier, ob sie damit leben könne, dass sie Winkl-„mann“ heiße, ohne Sternchen. – „Klar, kann ich!“ Innenteil

Die Kandidaten äußerten sich zu den Themen politisches Vorbild, Ordnung und Sitte:
Auch der gerechte Lohn und die Rente waren Themen.
Angesprochen wurde auch die Gender-Thematik.
Familie ist ein Thema, das viele bewegt:
Es ging auch um Leidensfähigkeit.
Auch das Thema Grenzen wurde angesprochen.

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