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Dienstag, 21. November 2017 10

Menschen

Die wichtigste Nachricht: Kern gesund!

Als stadtbekannter Feinkosthändler wird Walter Kern in die Chamer Geschichte eingehen. Nun wurde er 90 Jahre alt.
Von Johannes Schiedermeier

Der ehemalige Feinkosthändler Walter Kern ist am Freitag 90 Jahre alt geworden und bekam einen Stadtteller von Vizebürgermeisterin Christa Strohmeier-Heller überreicht. Liebevoll umsorgt wird er an seinem Lebensabend von seiner Tochter Lydia (links).Foto: Schiedermeier

Cham.Wenn man dem Jubilar im Wohnzimmer gegenübersitzt, bekommt das Wort „kerngesund“ endlich ein Gesicht. Walter Kern ist fit mit seinen 90 Jahren. Er erinnert sich an all die Geschichten und hat sich die sonnige Freundlichkeit erhalten, die ihn als Feinkosthändler über Jahrzehnte gegenüber seinen Chamer Kunden ausgezeichnet hat. Nur den Stock braucht er inzwischen, wenn er sich über die steilen Treppen seines Hauses am Steinmarkt auf seine Stadtspaziergänge begibt. „Arthrose im Knie“, sagt er und zuckt die Schulter. „Mei, mit 90 ...“

Vor dem Feinkosthändler Kern zog so manchen Chamer den Hut. Foto: Kern

Das ist er, der Mann, der den Chamern die erste Fischsemmel gebracht hat. Die mit den blanchierten Zwiebeln. Oder den Fleischsalat mit der legendären Spezialsoße, die er den Frauen erst verraten hat, als er 1999 die letzten Tage als Feinkosthändler hinter dem Tresen der Coop-Filiale im Erdgeschoss des Hauses Frey stand. Wir durften das Geheimrezept in unserer Ausgabe am 7. April 2016 veröffentlichen, als Walter Kern mit seiner Frau Lydia den 65. Hochzeitstag gefeiert hat. Drei Wochen später starb sie überraschend. Das Kern-Geheimnis einer guten Ehe hat sie uns damals aber noch verraten: „Wenn jeder meint, dass er Recht hat, dann muss auch jeder mal nachgeben!“

Die harten Jugendjahre

Kaum zu glauben, wie hart es Walter Karn in seiner Jugend hatte, wenn man ihn so zufrieden hier sitzen sieht. Die Lehrjahre beim strengen Vater hatten es in sich. Legendär ist die Geschichte mit den 1000 Heringen. Der Walter sollte sie zählen, weil auf dem Fass stand „998 bis 1000 Heringe“. Danach sollte er sie passgenau wieder einsortieren. Kurzerhand verkündete Walter dem Vater: „Es sind 998“. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass der Vater nachzählen würde. Es waren 1000. „Die restlichen zwei hat er mir um die Ohren gehauen, bis sie weg waren“, erzählt er. An die Folgen erinnert er sich gut: „Ich stank bestialisch nach Lake und musste alles wieder einsortieren.“

Das jähe Ende jeglicher Jugend kam mit 17. Walter Kern wurde eingezogen und auf den Rußland-Feldzug geschickt. Dort wurde er gefangen genommen. Alle drei Monate kam er in ein anderes Lager. Er litt an Bauch-Typhus und anderen Mangelkrankheiten. 1948 durfte er erstmals nach Hause schreiben. „Es durften nur zehn Worte sein. Alles andere wurde gestrichen.“ Bis dahin wusste zuhause keiner, ob er noch lebte. Was genau er geschrieben hat, weiß er nicht mehr. Woran er sich aber genau erinnert, das ist der Moment, als er am 7. Januar 1950 aus dem Zug stieg und das Chamer Bahngelände betrat. „Das war ein ganz besonderer Moment.“

Die Kern-Daten

  • Der Geburtstag:

    Walter Kern wurde am 28. August 1927 in Cham geboren als Sohn der Feinkosthändler Heinrich und Käthe Kern.

  • Die Karriere:

    Ab 1951 betrieb er gemeinsam mit seiner Frau Lydia das Feinkostgeschäft im Erdgeschoss des Elternhauses am Steinmarkt, später dann im Untergeschoss des Hauses Frey, in einer Coop-Filiale.

  • Der Ruhestand:

    Mit 77 schloss Kern das Geschäft, als die Coop-Filiale im Frey auszog.

Daheim erfuhr er, dass der Vater 1945 gestorben war. Ab da half er wieder im Feinkostgeschäft und heiratete am 7. April 1951 in der Erlöserkirche seine Lydia. Beide bedienten die Chamer und auch Kunden von außerhalb in der ihnen eigenen immer freundlichen, gut gelaunten und zuvorkommenden Art. Sie wurden zu einer Legende im Einzelhandel der Stadt. Als seine Frau gesundheitlich mit dem langen Stehen nicht mehr zurechtkam, betrieb Walter Kern das Geschäft weiter, bis er 77 war und die Coop-Niederlassung schloss.

Als es noch 80 Kilo Emmentaler gab

Zunächst ging er täglich kilometerweit spazieren. Heute, mit 90 Jahren, liest er gerne und schaut fern. Aber auch heute noch geht er am Stock langsam die steilen Treppen hinunter in die Stadt. Meist auf die Bank oder zum Lebenmittelgeschäft Haberl. Vizebürgermeisterin Christa Strohmeier-Heller überreichte ihm einen Ehrenteller der Stadt Cham und hörte seinen Geschichten zu.

Ein wenig wehmütig macht es schon, wenn man hört, wie früher noch 80 Kilo Emmentaler auf Brettern über die Treppe in den Keller geschoben, täglich mit Apfelessig und Salz eingerieben und gewendet wurden, bevor ein Viertel-Laib davon in der Verkaufstheke landete. Damals, als noch Karpfen und Forellen in riesigen Aquarien hinter Walter Kern schwammen und der Fisch auf Eis vor ihm lag.

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