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Region Cham
Freitag, 19. Januar 2018 5

MZ-Serie

Ein Ausbruch aus dem Domspatzen-Heim

Diesmal: Ein Freund des Chamer Ex-Domspatzen Alexander Metz hat es einmal versucht, zu fliehen – mit bitterem Ende.
Von Alexander Metz

Raus in die Freiheit! Die Stadt lockte die Domspatzen. So sah es in den Regensburger Gassen 1956 aus. Foto: Metz

Cham.Ich halte das nicht mehr aus. Ich reiße heute aus, sagte Werner. Er verspürte wieder einmal Heimweh. Wir hatten uns nach dem Mittagessen am Brunnen verabredet, um uns in aller Ruhe über unsere kühnen Ausreißabsichten und -möglichkeiten zu unterhalten. Wann und wo wäre der beste Zeitpunkt und Ort für einen Ausbruch? Direkt aus dem Heim? Oder auf dem Weg zum Dom? Am Sonntag oder am Donnerstag? Vor oder nach dem Domamt?

Eines war uns klar, wir müssten getrennt weglaufen. Sonst würden sie uns beide gleichzeitig erwischen, wenn sie uns fänden. Wenn wir getrennt gingen, hätte wenigstens einer von uns die Chance durchzukommen.

Durchkommen? Ankommen? Aber wo? Wohin ausreißen? Werners Mutter wohnte in München. Sie arbeitete nachts bei der Briefverteilung im Zentralpostamt. Wenn ich mit Werner wegliefe, dann bis nach Landshut, wo meine Mutter wohnte. Aber konnte ich bei meiner Mutter bleiben? Sie arbeitete tagsüber. Und sie würde sich bestimmt über meinen Ausbruch nicht freuen.

Alles war eine Illusion. Wir wussten das. Das heißt, wir fühlten es, sprachen es aber nicht aus. Unsere Ausreißpläne waren Hilfskonstrukte, um das Leben im Kaff, wie wir Schüler unser Internat nannten, mit einer Art Hoffnungsschimmer zu erleichtern. Silentium, Aufstehen um 6 Uhr, Frühmesse, Strafstudium, Verweis, „Setzen! Sechs!“, Ohrfeigen, Tatzen, Überlegen, ein Saudepp sein, an den Haaren gezogen werden, Angst. Das alles war kaum mehr auszuhalten.

Heimweh und Verzweiflung

Werners Vater war Elektroingenieur. Und von ihm musste er die Liebe zur Technik geerbt haben. So kam es, dass Werner – er war für mich so eine Art Daniel Düsentrieb – ernsthaft darüber nachgrübelte, mit Hilfe von Licht und Selenzellen einen Sender und Empfänger zu bauen, um mit dessen Hilfe auf der Flucht in Verbindung zu bleiben. Wir redeten uns die Köpfe heiß darüber und wollten nicht wahrhaben, dass solches über kilometerweite Entfernungen gar nicht funktionieren konnte. Es war ein naiver, nicht wirklich ausgesprochener Versuch, doch nicht ausbrechen zu müssen, solange diese elektrische Verbindung zwischen uns beiden potenziellen Ausreißern nicht funktionierte.

„Einpassieren“ nannten es die Domspatzen, wenn sie ins Internat nach Regensburg kamen. Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Wir hatten auch Angst vor der Strafe, die uns erwartete. Der Ranzbert und der Jovankow waren im Speisesaal vor aller Augen mit dem Rohrstock vom Herrn Direktor nach dem Mittagessen verdroschen worden, weil sie beim Ausreißen aus dem Internat erwischt worden waren. Aber darüber unterhielten wir uns lieber erst gar nicht. An diesem wolkenverhangenen Donnerstag aber sagte Werner, als es Zeit war, in den Studiersaal zurückzukehren: „Ich reiße heute aus! Kommst du mit?“

Das war für mich die Stunde der Wahrheit. Und auch für ihn. Und eine Probe für unsere Freundschaft. Alle Gründe, warum ich nicht mit ausreißen wollte, die ich mir immer wieder überlegt hatte und die auszusprechen ich bislang nie gezwungen war, da ja unsere Selensenderempfänger noch lange nicht fertig waren, schossen in Sekundenschnelle durch meinen Kopf. Und auch eine relativ gute Ausrede, wenngleich auch eine Notlüge.

„Das ist ungünstig. Sehr ungünstig! Ich hab gleich hernach Geigenstunde beim Kula. Und wenn ich da nicht erscheine, wissen die sofort, was los ist. Da kommen wir nicht weit.“

Werner aber hatte sich entschieden. Sein Heimweh und seine Verzweiflung waren größer als alle meine Gegenargumente. Selbst mein Einwand „du hast ja nichts zum Essen mit dabei“ zählte nicht mehr für ihn.

Werner verließ das Heim. Er nahm den Weg über den Keller, einen Seitengang, der zur Pforte führte, und huschte unbemerkt von der kleinen Schwester Mickey Maus, die wieder einmal den Pfortendienst versah, zur selbigen hinaus. Mir schlug das Herz bis zum Hals hinauf, als ich ihn, von oben durch die Glastür blickend, entschwinden sah.

Ich schlich in den Studiersaal und setzte mich hinter mein Pult. Gerade schaffte ich es noch, alle meine Bücher und Hefte, die ich für die Verrichtung der Hausaufgaben benötigte, aus dem Fach unter dem grünen Pultdeckel zu holen. Ich war nicht in der Lage, mich zu konzentrieren. Die Zeiger der runden Uhr an der Wand sprangen auf Drei. Schlagartig war es mucksmäuschenstill im Raum. Ein schwarzer Schatten schwebte den Gang zwischen den Pultreihen entlang. Der Herr Direktor selbst überzeugte sich von der gebotenen Ruhe und Ordnung. Sein Blick schweifte über unsere Köpfe hinweg. Er überprüfte die Anwesenheit seiner Schäfchen. Sein Blick blieb am leeren Pult von Werner hängen. Ich duckte mich instinktiv.

Der Herr Direktor drehte sich auf dem Absatz um und ging ziemlich rasch nach hinten zu der Glaswand, die den Blick in den um neunzig Grad versetzt sich anschließenden zweiten Studiersaal freigab. Er suchte den Präfekten dieses Studiersaals. Georg Windsberg hatte Dienst in jenem Raum.

Der Herr Präfekt Windsberg, den wir alle mochten, studierte Theologie. Zu dieser Zeit wollte er noch immer Priester werden. Er hat es sich später, vielleicht auch oder gerade wegen der Erfahrungen, die er bei uns machte, dann doch anders überlegt.

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Der Herr Direktor gab dem Präfekten mit dem Zeigefinger winkend das Zeichen, zu ihm zu kommen. Ich sah das, weil ich mich umgedreht hatte, was eigentlich auch verboten war. Es entging mir nicht, dass der Herr Direktor dem Präfekten Windsberg etwas zuflüsterte, eine Frage, die der Präfekt mit einem Schulterzucken beantwortete. Dann zeigte der Präfekt mit ausgestrecktem Arm auf mich. Ich drehte mich sofort um und tat so, als würde ich in mein Heft vertieft sein, obwohl ich zu gar keinem klaren Gedanken fähig war. Ich zitterte. Der Herr Direktor ging von hinten auf mich zu. Ich spürte seinen schwarzen Schatten. „Komm mal mit!“, befahl er mir, ohne das übliche „Bursche“. Gehorsam folgte ich ihm in den Raum zwischen den beiden Studiersälen. Alle Köpfe drehten sich nach mir. Nun stand ich klopfenden Herzens zwischen dem Herrn Direktor und dem Herrn Präfekten. Die Glaswände gaben für die Schüler beider Studiersäle den Blick auf uns frei.

„Wo ist der Werner?“, war des Direktors erste Frage. Er schaute mich mit seinen basedowschen Augen durchbohrend an. Des Präfekten Blick war eher verständnisvoll und gütig abwartend. Ich konnte nun die Tränen der Angst nicht mehr zurückhalten, so sehr ich mich auch bemühte. „Der Werner ist ausgerissen“, stammelte ich, geschüttelt vom Tränenstrom.

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Doch es kam nicht das befürchtete Donnerwetter. Der ansonsten so strenge Herr Direktor forschte mit ruhiger, ja beruhigender Stimmer weiter: „Weißt du, wohin Werner gegangen ist?“ Ich schüttelte den Kopf. „Was hat er mit dabei?“, wollte der Präfekt wissen. „Nichts“, sagte ich. „Hm“, machte der Herr Direktor, und der Herr Präfekt hakte nach: „Hast du wirklich nicht die geringste Idee, wohin der Werner gegangen sein könnte?“ „Er hat nicht mal was zum Essen dabei“, schluchzte ich.

„Das machst du nie wieder!“

Der Präfekt blickte über uns hinweg zum Fenster hinaus. Sein angespanntes Gesicht löste sich plötzlich und er schien sogar ein wenig zu lächeln. „Da kommt er!“, sagte er und eilte zum Fenster. Und tatsächlich war Werner zu sehen. Er ging ganz langsam und bedächtig. Eher vorsichtig setzte er einen Schritt vor den anderen und schaute dabei so verträumt in die Luft, wie man es von ihm gewohnt war. Komisch, bei diesem Anblick fiel mir völlig unangemessen ein, dass Werner in Etterzhausen ins Gespräch vertieft einmal statt im Klo in das Pissbecken zu pinkeln, dies vor dem Klo in den Papierkorb tat. Er erschrak, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Der Autor und sein neues Buch

  • Kindheit:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • Resonanz:

    „Der versteckte Bua“, so lautete der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • Versöhnung:

    „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966. Dabei sieht er sich nicht als Kronzeuge der Missbrauchsaffäre, die gerade aufgedeckt wurde. Metz sagt: „Ich will versöhnen, nicht anklagen“

  • Buchhandel:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

„Setz dich wieder an deinen Platz!“, befahl mir der Herr Direktor, ehe er mit dem Präfekten verschwand. Wie auf Kommando eilten beide Erzieher nun zur Tür hinaus. Werner wurde an der Pforte von beiden in Empfang genommen. Freundlich, wie er mir später erzählte. Vor allem seine Begründung für den Ausbruch, er hätte großes Heimweh verspürt, stimmte die beiden Erzieher versöhnlich. Der Herr Direktor nahm ihn sogar in den Arm und drückte ihn für einen kurzen Moment tröstend an seine Seite. Der Präfekt strich ihm ermutigend über sein semmelweißes Haar und meinte: „Das machst du nie wieder, Werner!“

Mahnbrief an die Mutter

Der Herr Domkapellmeister, der von Werners Ausbruchsversuch erfuhr, schrieb erbost über so viel Undankbarkeit einen geharnischten Brief an Werners Mutter, in dem er seine tiefste Enttäuschung zum Ausdruck brachte, was Werner betraf, und in dem er auch daran erinnerte, dass ihre beiden Söhne ein Stipendium bekämen. Er wies auch darauf hin, die sehr verehrte Frau Mutter möge ihren Sohn Timo, Werners Zwillingsbruder, ermahnen, sich mehr für den Chorgesang statt für das Geigenspiel zu ereifern.

Nun aber war die Zeit gekommen, unserer engen und im Internatsleben unerwünschten Freundschaft endgültig ein Ende zu setzen. Ganz im Einvernehmen mit Dr. Cyrill Barden, dem Schultyrannen, dem unsere Freundschaft schon lange ein Dorn im Auge war. Uns wurde ausdrücklich verboten, weiterhin zusammen die Freizeit zu verbringen. Man trennte uns auch, indem man uns in zwei voneinander getrennten Studier- und Schlafsälen unterbrachte.

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