mz_logo

Region Cham
Sonntag, 24. September 2017 18° 3

MZ-Serie

Ein Gruß an die Chamer Sonne

Entspannen ist leichter gesagt als getan. Beim Outdoor-Yoga am Regenufer versucht MZ-Autor Michael Gruber tief durchzuatmen.
Von Michael Gruber

Reporter Michael Gruber übt die „Baum-Figur“ mit der Yoga-Lehrerin Jacqueline Dischler. Fotos: Gruber

Cham.Ich liege im Klee und starre zwischen den Baumwipfeln alter Linden hoch in den Himmel. Drüben rauscht die Regenwelle, ein paar Fahrradreifen summen und ich denke an nichts. Moment. Stimmt nicht. Denke ich gerade? Was tue ich eigentlich hier? Sollte ich nicht lieber Wäsche waschen? Heißt das Biertor auf englisch wirklich Beergate? Und meine Urlaubsserie – bekomme ich die noch bis Redaktionsschluss hin?

„Ruhig in den Bauch atmen“, höre ich eine sanfte Stimme sagen. „Lasst die Gedanken einfach wegziehen wie Wolken.“ Ich atme tief ein und wieder aus und öffne die Augen einen kleinen Spalt. Vor mir liegen zehn junge Menschen mit Jogginghose auf Yogamatten im Gras. An der Böschung plätschert der Regen an der Brücke vorm Biertor. Die Sonne geht unter.

„Yoga hilft Euch, Eure Gedanken zu ordnen und durch die Bewegungsabläufe Körper und Geist in Einklang zu bringen“, sagt Jacqueline Dischler in die Runde. „Das Atemtraining befreit den Kopf von unnützen Gedanken.“

Post from RICOH THETA. - Spherical Image - RICOH THETA

Eine Facebook-Runde in Natura

Vor ihr knien acht Frauen von Mitte bis Ende Zwanzig im Schneidersitz und außer mir noch ein Kerl, der Max. (Zu ihm aber später) Alle haben sich über die Facebook-Seite Jadi Yoga am Regenufer beim Biertor verabredet – zum kostenlosen Schnupperkurs beim Outdoor-Yoga. Jadi – das steht für Jacqueline Dischler und mit ihrem Facebook-Aufruf wollte die 28-jährige aus Cham alle Fans der indischen Entspannungskunst zusammentrommeln, die Lust haben, sich auf die Yogamatte zu stellen, egal mit welcher Vorerfahrung.

„Sind die Chamer entspannter, lebe ich in einer entspannteren Stadt“, sagt die autodidaktische Yoga-Trainerin, die vor sieben Jahren zu ihrer Leidenschaft aus dem antiken Indien fand. Nach einem Masterabschluss in Wirtschaftsrecht an der Uni Dresden, arbeitete Jacqueline in mehreren Büros, bis die Rückenschmerzen kamen und die Nächte immer kürzer wurden. Hausärzten und Orthopäden rieten ihr zu mehr Bewegung Doch nur eine Medizin schlug wirklich an: Der Berg, die Cobra, der Hund, die Katze – die traditionellen Figuren der Entspannung beim Yoga lindern Schmerzen und schärfen die Sinne. Vorausgesetzt, der Yogi weiß, was er tut.

Sehen Sie hier: Der perfekte Sonnengruß in 14 Schritten

„Das Wichtigste ist, die Bewegung an den Fluss des Atems anzupassen“, sagt Jacqueline. Nach einer kurzen Meditation proben wir im Kreis das Vaterunser des Yoga: Den Sonnengruß. Er besteht aus mindestens 12 verschiedenen Körperhaltungen, die im Einklang mit den Atemzügen einen gleichmäßigen Bewegungsablauf ergeben sollen.

Auf allen Vieren presse ich den Hintern in den Himmel, den Rücken gerade – „der herabschauende Hund“ heißt die Figur und während sich meine Nachbarn elegant räkeln, sehe ich aus wie ein steifer Köter. „Wenn die Bewegungen in Fleisch und Blut übergegangen sind, entfalten die Übungen ihre volle Wirkung“, erklärt unsere Trainerin. Das Wissen über die Yogatechniken hat Jacqueline aus eigener Praxis und Büchern, die sie beim Yoga-Kreis zum Ausleihen anbietet. Sie will das Hobby zum Beruf machen – wie, das steht noch in den Sternen. „Ich möchte meine Erfahrungen teilen –ganz locker auf der Yoga-Matte im Freien oder da wo man am besten anfangen sollte. Auf dem Bürostuhl.“

Vielfältige Varianten

Eine offizielle Ausbildung ist nicht nötig, um sich Yoga-Lehrer nennen zu dürfen - der Begriff ist in Deutschland nicht geschützt. Entsprechend vielfältig sind die Varianten des Yoga, die heute angeboten werden. Fitness-Yoga, Power-Yoga, selbst Lach-Yoga ist im Programm vieler Anbieter zu finden – im strengen Sinne ist die indische Entspannungskunst aber kein Sport, sondern eine Lebensphilosophie.

Post from RICOH THETA. - Spherical Image - RICOH THETA

„Bei einem guten Yogaunterricht kommt es vor allem auf den Tiefgang an“, sagt Heidemarie Krieglstein, die Pionierin der Yoga-Szene im Landkreis. Seit 35 Jahren ist die Bad Kötztingerin als Lehrerin aktiv und nach einer dreijährigen Ausbildung Mitglied im Bundesverband deutscher Yoga-Lehrer. Im „Refugium“ bietet Krieglstein Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene an. „Die richtige Kombination von praktischen Übungen, Meditation und den Kenntnissen über die Philosophie sind extrem wichtig“, sagt die 70-Jährige. Yoga soll nicht nur den Köper beweglicher machen, sondern auch die Lebenseinstellung ins Reine bringen. Handle so wie Du denkst – das ist das wichtigste Ziel im Yoga und im Landkreis interessiert das zunehmend auch jüngere Menschen, weiß Krieglstein aus ihrer Praxis-Erfahrung.

Was ist Yoga?

  • Outdoor-Yoga

    Im August startet Jacqueline Dischler einmal pro Woche einen kostenlosen Schnupperkreis für Yoga-Neulinge und Fortgeschrittene im Freien – und bei schlechtem Wetter in ihrem Atelier. Auf der Facebook-Seite Jadi Yoga werden die Termine rechtzeitig bekannt gegeben.

  • Die Idee

    Yoga-Neulinge können sich ein Bild davon machen, was Yoga ist und ob sie tiefer in die Materie eintauchen möchten. Bücher liegen zum Reinblättern bereit und im lockeren Kreis kann man sich über Erfahrungen und Infos über die Yoga-Szene im Landkreis austauschen.

  • Tradition

    Die ersten überlieferten Aufzeichnungen über Atemübungen und das Zurückziehen der Sinne bei der Meditation stammen aus Indien und gehen bis ins Jahr 700 v. Chr. zurück. Yoga ist eine der sechs klassischen Schulen der indischen Philosophie und umfasst Körperübungen und Meditation.

  • Konzept

    Yogaübungen verfolgen heute zumeist einen ganzheitlichen Ansatz, der Körper, Geist und Seele in Einklang bringen soll. Die Ausübung der Asanas (Körperstellungen) soll das Zusammenspiel von Körper, Geist, Seele durch einen kontrollierten Atem und Konzentration verbessern.

Wenn ich mich beim Outdoor-Yoga am Biertor umblicke, sehe ich das auch. Max ist neben mir der einzige Kerl, 28 Jahre alt, gebürtiger Münchener und seiner Frau zuliebe – Wahlchamer seit zwei Jahren. Vor neun Jahren hat er vom Boxsport auf die Yoga-Matte gewechselt. „Entspannt mich einfach mehr“, erzählt er, „ man trainiert seinen Körper, aber auch seinen Geist.“ Zur Abschlussmeditation blicke ich wieder in den Abendhimmel, schließe die Augen und atme ein. Und wieder aus. Ein. Und wieder aus. Meine Sommerferien gehen mit einem leisen Schnarchlaut zu Ende.

Lesen Sie hier: Reporter Michael Gruber hat ausgeholt und ist im Golfcart über den Voithenberg gesaust.

Lesen Sie hier: MZ-Reporter Michael Gruber folgte dem Bogenschützen Alois Kroner durch Lohbergs Wildnis und erlegte besondere Beute.

Lesen Sie hier: Gipfelstürmen bis ans Himmelsdach – Im Chamer Bayerwald-Kletterzentrum geht das, selbst wenn das Wetter streikt.

Lesen Sie hier: Schwerelos wie Astronauten – MZ-Autor Michael Gruber hat bei Adi Miethaner in Furth in die Welt des Tauchsports geschnuppert.

Lesen Sie hier: Lautlos durch die Lüfte – Segelflug-Pilot Lukas Dobmeier zeigt MZ-Autor Michael Gruber den Chamer Regenbogen von oben.

Weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham lesen Sie hier

Erhalten Sie täglich die aktuellsten Nachrichten bequem via WhatsApp auf Ihr Smartphone. Alle Infos dazu finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht