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Region Cham
Montag, 20. November 2017 10

Meilenstein

Ein Ort, in dem nun Frieden wohnt

Fünf Jahre nach Beginn der Ausgrabungen in Grafenried wird ein Freilichtmuseum konkret. Geplant ist auch ein Lehrpfad.
Von Karl Reitmeier

Helmut Roith erklärte den Teilnehmern die Ausgrabungen bei der St. Georgskirche. Foto: Reitmeier

Waldmünchen.In Lucina/Grafenried, dem symbolischen Ort der gemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichte, werden Nägel mit Köpfen gemacht. Am Dienstag erfolgte dort offiziell der Start des Projektes „Lehrpfad Grafenried – Freilichtmuseum der entdeckten Vergangenheit“. Innerhalb von zwei Jahren soll nun nach den im Jahre 2012 gestarteten Ausgrabungen – soweit dies sinnvoll ist – , eine Sicherung der freigelegten Überreste des Dorfes erfolgen. Ferner soll ein Lehrpfad angelegt werden.

Bürgermeister Ivan Bartošek freute sich, dass es gelungen sei, EU-Fördermittel für das Projekt zu bekommen. Den Kreis der sogenannten „Steuerungsgruppe“ lud er nach der Vorstellung des Projektes und einem Rundgang durch die Ausgrabungen nach Nemanice ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Erste Freilegungen 2012

Zuzana Langpaulová (früher Uhrová) nannte Lucina/Grafenried einen symbolischen Ort der gemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichte sowie einen Begegnungsort, an dem man in die Vergangenheit schauen könne. Im Böhmischen Wald sei dies einzigartig, nirgends sei eine verschwundene Ortschaft in ähnlichem Ausmaß freigelegt worden. Die erste Freilegung, die der Kirche St. Georg, sei 2012 durch Zdenek Procházka erfolgt. Unter dessen Aufsicht gruben Ehrenamtliche weiter, allen voran Helmut Roith und Alois Rötzer. Ortsbetreuer Hans Laubmeier initiierte Geldsammlungen unter den ehemaligen Bewohnern, seit 2012 gebe es Gottesdienste.

Projektziele sind nun die Sicherung der freigelegten Überreste des verschwundenen Dorfes Grafenried und die Errichtung eines Lehrpfades. Langpaulová ließ wissen, dass Zdenek Procházka in Zusammenarbeit mit dem Westböhmischen Museum und Archäologen ausführliche Forschungen in Grafenried unternehmen wird, die in einem Befundsbericht zusammengefasst werden. Dieser diene dann dem tschechischen Projektanten als Unterlage für den Entwurf des Lehrpfades. In dem Befundsbericht solle auch festgelegt werden, wie mit den nun sichtbaren Objekten weiter verfahren wird, ob diese freigelegt bleiben, eventuell wieder verschüttet oder saniert werden.

Bild mit Symbolcharakter: Vor dem Kunstwerk reichen sich Bürgermeister Ivan Bartošek (Nemanice) und Ortsbetreuer Hans Laubmeier (r.) die Hand. Foto: fkr

Ziel sei auch, Zugangswege zu errichten, wobei auf die ursprünglichen Wege im Ort zurückgegriffen werden soll. Teil des Lehrpfades soll ein Pavillon durch den Naturpark Oberer Bayerischer Wald sein, der zugleich als Überdachung eines Teils des freigelegten Objektes dienen soll sowie als auch als Rastplatz für Touristen. Ferner kündigte sie als weitere Maßnahme die Schaffung einer Replik der Statue des heiligen Nepomuk an, die ursprünglich auf dem Dorfplatz stand. Langpaulová ergänzte, dass auch die Werbung für den Lehrpfad sowie das Projekt als Ganzes auf tschechischer als auch auf deutscher Seite nicht fehlen dürfe, damit die Öffentlichkeit mehr über das Projekt erfährt.

Große Freude herrschte bei den Verantwortlichen über den Start des Projektes. Der Vorsitzende des Bündnisses Domažlicko, Libor Picka, der auch Bürgermeister von Belá nad Radbuzou ist, stellte fest, „dass Grafenried einzigartig ist“. Dieses Projekt erinnere daran, dass die Vergangenheit nicht vergessen werden dürfe. „Man kann die Vergangenheit auch nicht löschen“, so Picka. Ziel sei es, dass beide Völker aus der Vergangenheit ihre Lehren ziehen und nicht die tragischen Momente vergessen.

Zahlen und Fakten zum Projekt

  • Förderung:

    Gefördert wird das Projekt aus dem Programm Ziel ETZ (Europäische territoriale Zusammenarbeit) Freistaat Bayern - Tschechische Republik 2014 - 2010 (Interreg V).

  • Zeitspanne:

    Die Umsetzungsdauer des Projektes wurde auf 1. September 2017 bis 31. August 2019 festgelegt.

  • Budget:

    Das Gesamtbudget beträgt 250 000 Euro, von dem die deutsche Seite 62 000 Euro bekommt.

  • Fördersumme:

    Der Fördersatz durch die Europäische Union liegt bei 85 Prozent, den Rest müssen die Partner aufbringen.

  • Verantwortlich:

    Leadpartner ist das Bündnis Domažlicko, das 50 Gemeinden des Domažlicer Bezirks umfasst. Weitere Partner sind die Gemeinde Nemanice (Wassersuppen), der Naturpark Oberer Bayerischer Wald und das Aktionsbündnis Cerchov plus. (fkr)

Waldmünchens Bürgermeister Markus Ackermann, zugleich Vorsitzender des Aktionsbündnisses Cerchov, sah sehr viele positive Facetten und Synergien für alle. Mit der Wiederbelebung des Ortes werde an die Geschichte erinnert und diese erlebbar gemacht. Für das Miteinander der beiden Staaten und der Bevölkerung im Grenzraum sei dies ein ganz wichtiger Aspekt und zeige auch die hohe Bedeutung eines guten Miteinanders. Mit diesem außergewöhnlichen Projekt werde man sehr viele Gäste und Touristen nach Grafenried locken und damit die gesamte Region stärken. Ackermann nannte Grafenried ein echtes europäisches Projekt, das nicht nur einem besseren Verständnis diene, sondern auch dem Frieden in Europa.

Wunsch: Die Hand reichen

Ortsbetreuer Hans Laubmeier sprach von einer guten Zusammenarbeit, „denn wir sind hier vorwärtsgekommen“ und informierte, dass er einen Künstler beauftragt hat, der auf einer Tafel seinen Wunsch zum Ausdruck bringt, dass sich Tschechen und Deutsche hier die Hand geben und miteinander sprechen. Zum Abschluss bedankte sich Laubmeier sowohl bei den Tschechen als auch den Deutschen , „für die Unterstützung in meiner Heimat“.

Forstdirektor Jan Benda erinnerte sich an die ersten Schritte, als es darum ging, die Bäume in dem dichten Wald zu fällen, um den Ort freizulegen. Er bemerkte, dass man sich damals nicht vorstellen konnte, dass in diesem Ort so etwas geschaffen werden könne, wie es jetzt vorzufinden ist. Libor Picka kam abschließend zu der Feststellung, „dass uns erst die Geschichte zeigt, wie unklug einige Taten waren“.

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