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Erinnerungen

Endlich – im Musikgymnasium!

Der Umzug vom Domspatzen-Internat Etterzhausen in die Stadt war erst wie ein Traum. Aber er zerplatzt erstmal im 2b-Chor.
Von Alexander Metz

1956: Dompräbande (li.) und Gymnasium mit Internatstrakt (re.) der Domspatzen in der Regensburger Reichsstraße Foto: Metz

Cham.Die Sommerferien waren vorbei. Nun musste ich wieder einpassieren, wie die Tante Maja es nannte. Jetzt kam ich nach Regensburg, ins Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen in der Reichsstraße 22. Von nun an würde alles so werden, wie ich es im Domspatzenfilm „Du bist nicht allein“ gesehen hatte, glaubte ich. Nette, verständnisvolle Erzieher. Lustige Kameraden. Schwelgen in Musik. Singen im Dom. Konzertreisen. Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen.

Vor allem aber freute ich mich schon auf meinen Freund Werner. Ich musste ihm doch unbedingt erzählen, dass ich in den Ferien mit meiner Mutter und meiner Tante nach Rom hatte fahren dürfen, in die Ewige Stadt, die auf sieben Hügeln erbaut ist. Da würde Werner bestimmt staunen.

Ich hatte mich mittlerweile auch an meine neue Heimat Landshut gewöhnt, an meine Mutter und ihre Schwestern, die Tante Maja und die Tante Fini. An meine Pflegemutter dachte ich gar nicht mehr so oft. Mein Cousin Peter, der während der Ferien in Landshut nun mein Spielgefährte war, trug mit seinem Humor und seinem Witz ganz wesentlich dazu bei, dass ich mein Heimweh vergaß.

Die modernste Schule dieser Zeit

Die Tante Maja brachte mich mit dem Brauereiauto, einem schwarzen Opel Kapitän, von einem Chauffeur gelenkt, nach Regensburg. Da es ein gewöhnlicher Wochentag war, musste meine Mutter arbeiten. Sie konnte wieder einmal nicht mitkommen.

„Einpassieren“ nannten es die Domspatzen, wenn sie ins Internat nach Regensburg kamen. Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Ich kam im September 1956 in eine der, jedenfalls was den Bau betraf, modernsten Schulen und Internate Deutschlands, also der BRD. Es gab ja auch noch die DDR, die wir respektlos Ostzone nannten. Zwei langgezogene, drei Stockwerk hohe Bauten standen im Abstand von etwa 100 Metern parallel zueinander und waren mit einem langen Gang verbunden, der wiederum in der Mitte durch einen Würfelbau für Küche, Speisesaal und Hauskapelle unterbrochen war. Das Haupthaus mit der Pforte wurde Dompräbende genannt und beherbergte das Internat für die Unterstufenschüler und den großen Probenraum 800 für die Singstunden des Konzertchors.

Im anderen Gebäude, dem Musikgymnasium, waren auf zwei Ebenen die Schulräume und im zweiten und dritten Stock die Studier- sowie Schlafsäle für die Schüler der Mittel- und Oberstufe untergebracht. Es gab jede Menge Übungszimmer. Das waren schmale Räume, die durch schalldichte Türen, mit einem runden Guckloch auf Augenhöhe versehen, betreten werden konnten. In vielen dieser Übungsräume standen Klaviere. Ein Traum für jeden, der ein Instrument erlernen mochte.

Alle Serienteile finden Sie hier.

Diesmal wurden wir an der Pforte von einem Herrn Internatsdirektor empfangen, einem Priester. Er stellte sich mit fester Stimme und ebensolchem Händedruck als Friedrich Zöttler vor. Seine dunklen Haare trug er nach hinten gekämmt, an den Seiten etwas hochrasiert, was seinen runden Kopf und seine leicht basedowschen Augen nicht gerade vorteilhaft zur Geltung brachte.

Die schwarze Soutane umspannte seinen Körper, als sei er längst herausgewachsen. Er wirkte irgendwie nicht so freundlich wie der Herr Präfekt in Etterzhausen. Ich hatte von Anfang an Angst vor diesem Mann. Und dieses Gefühl sollte mich nicht täuschen.

Für jeden der vier großen Studiersäle gab es einen Präfekten – zwei für die Dompräbende und zwei für das Internat im Gymnasiumstrakt. Mein Präfekt war ein junger Theologiestudent. Er stellte sich als Georg Windsberg vor. Er war groß, eher drahtig, hatte eine sportliche Figur und einen ehrlichen, klaren Blick, nach vorne gerichtet. Seine schwarzen Haare trug er gescheitelt, aber lange und an den Seiten nicht ausrasiert.

Als er mich begrüßte, verspürte ich nur einen Wunsch: Wie schön wäre es, ihn als Vater zu haben. Meine kindlich naive Liebe auf den ersten Blick aber sollte in keiner Weise erwidert werden.

Ein hübscher Jungtheologe

Auch meine Tante Maja war ganz angetan von diesem hübschen Jungtheologen. „Mei habt’s ihr schöne Herren hier“, sagte sie unverblümt scherzend in ihrer Art. „Könnt’s ned no a Sekretärin brauchen?“

Der Herr Direktor und der Herr Präfekt schienen diesen Spaß zu verstehen, lachten aber dennoch etwas verlegen.

Eigentlich hatte ich angenommen, dass uns auch der Herr Domkapellmeister persönlich empfängt. So wie im Film „Du bist nicht allein“. Er aber war an diesem Tag nicht zu sehen.

Mein Schlafzimmer wurde mir vom Herrn Direktor persönlich zugewiesen. Es lag im ersten Stock der Dompräbende. Direkt gegenüber vom Waschraum. Zimmer Nummer zwei. In ihm waren sechs Betten untergebracht, jeweils drei hintereinander auf jeder Seite, zum Fenster hin verlaufend. Es gab keine Stockbetten wie in Etterzhausen. Der Herr Direktor teilte mir das mittlere Bett auf der linken Seite zu. Mein Freund Werner sollte zwei Schlafzimmer weiter unterkommen.

Die Tante Maja half mir beim Auspacken des Koffers und beim Einräumen meines Schrankes draußen auf dem eher düsteren Gang. Sie hatte mir in der letzten Ferienwoche noch ein paar fesche Sachen zum Anziehen gekauft. Mit fünfzig Prozent war meine Mutter daran beteiligt.

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Fesch nannte sie das Zeug, das mir wieder einmal das Gefühl geben sollte, aus gutem Hause zu stammen, etwas Besseres zu sein. Eine Stoffhose, zwei Hemden, Socken und Hausschuhe. Wegen der Hausschuhe wurde ich von den anderen Klassenkameraden verspottet. Sie bezeichneten sie wegen der roten Farbe als Salonpantöffelchen. Was habe ich mich dafür geschämt! Aber auf Strumpfsocken konnte ich auch nicht laufen, also musste ich die roten Schlappen bis zu den nächsten Ferien tragen. Da brachen sie rein zufällig auseinander.

Mein misslungenes Vorsingen bei der Prüfung in Etterzhausen warf seinen Schatten voraus. Ich wurde dem allerletzten, dem 2b-Chor, zugeteilt. Dieser Schlag saß tief. Meine Enttäuschung war unermesslich. Noch dazu war ich nun chormäßig von meinem allerbesten Freund Werner getrennt. Aber unsere Freundschaft sollte ohnehin schon bald den Erziehern ein Dorn im Auge werden.

Die Hierarchie der Chöre

Es gab verschiedene Chöre mit jeweils etwa 15 bis 20 Sängern, die einer gewissen Hierarchie angehörten. Der erste und beste Chor, der von allen Domspatzen begehrte und angestrebte Konzertchor, den der Herr Domkapellmeister höchstpersönlich leitete, war der 1a-Chor. Der 1b-Chor war die Vorstufe zum Konzertchor und das Sprungbrett zu diesem. Für den Choral-Gesang im Hohen Dom wurde der 2a-Chor eingesetzt. Der letzte Chor in dieser Hierarchie war der 2b-Chor. Und genau in diesem war ich gelandet.

Die erste Singstunde in der neuen Welt war für mich nach dem Haustus, der Teepause, am ersten Schultag genau um 17 Uhr. Wir hatten uns pünktlich in einem Klassenzimmer des Musikgymnasiums einzufinden. Dort erwartete uns ein Herr Ried. Ein schlanker, blonder, junger Mann, leicht bis schwer cholerisch. Er sprach mit heller Stimme, die aber bedrohlich wirkte, wenn er irgendeinen gesanglichen oder anderen Missstand zu entdecken glaubte.

Der Autor und sein neues Buch

  • Kindheit:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • Resonanz:

    „Der versteckte Bua“, so lautete der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • Versöhnung:

    „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966. Dabei sieht er sich nicht als Kronzeuge der Missbrauchsaffäre, die gerade aufgedeckt wurde. Metz sagt: „Ich will versöhnen, nicht anklagen“

  • Buchhandel:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

Für das Zuspätkommen gab’s ein Ziehen an den Schmalzfedern, den kurzen Haaren an den Schläfen, so sie nicht ausrasiert waren, für einen falschen Ton eine Ohrfeige. Zog einer bei einer solchen Gelegenheit seinen Kopf den Schlag abwehrend beiseite, sagte der Ried mit seinem unverkennbar preußischen Akzent: „Nüch faische sain!“ (Nicht feig sein!) Es hagelte nur so die Watschn. Fast keiner blieb verschont. Ich überstand allerdings alle Chorproben beim Ried ungestraft. Aber Angst verspürte ich vor jeder Singstunde.

Der 2b-Chor hatte keine Verpflichtungen, weder das Singen im Dom beim Hochamt oder gar bei Konzerten. Ein echtes Domspatzenleben begann wirklich erst im 2a-Chor. Der wurde von einem ziemlich fettleibigen Chorerzieher, den wir den Presssack nannten, geleitet.

Mein Ziel war es, so bald als möglich wenigstens in den 2a- Chor zu kommen. Mein Traum wäre der 1b-Chor gewesen, nicht nur, weil Werner in diesem Chor sang, sondern auch weil dessen Leiter, der den Spitznamen „die Ente“ zu ertragen hatte, bei allen Domspatzen sehr beliebt war.

Die Ente war auch für die Stimmbildung der Konzertsänger verantwortlich, und somit war ihr Chor das Sprungbrett zum Konzertchor, zu Konzertreisen, Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen.

Stolz aber war ich schon ein wenig, den Sprung aufs Gymnasium geschafft zu haben. Dazu gehörte, dass nun jede Stunde ein anderer Lehrer, den wir mit „Herr Professor“ anreden mussten, den Unterricht hielt. Auch wechselten wir für bestimmte Fächer, Musik und Zeichnen zum Beispiel, den Unterrichtsraum.

Die Tage der Eingewöhnung

Der Musikunterricht fand im Raum 214 statt, im ersten Stock des Gymnasiumtrakts. Dort gab es nicht nur einen Konzertflügel, sondern auch ein richtiges Radio für Langwelle, Mittelwelle und UKW und ein Tonbandgerät, mit dem man Aufnahmen machen konnte. Ein Paradies für jeden Musiker.

Dennoch waren die ersten Tage im Domgymnasium für mich insgesamt sehr gewöhnungsbedürftig. Mich bedrückte vor allem ein Gemisch aus Angst, Heimweh und Enttäuschung. Werner nahm das Ganze eher gelassen.

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