mz_logo

Region Cham
Montag, 23. Oktober 2017 12° 7

Wirtschaft

Frauenpower in einer „Männerdomäne“

Gleich zwei Frauen als Obermeisterinnen im Chamer Handwerk – das ist neu und bringt einiges durcheinander.
Von Christoph Klöckner

Neuer Wind fürs männerdominierte Handwerk: Daniela Buschek, Innungsobermeisterin der Maler, und Sabine Schneider, Innungsobermeisterin des Friseurhandwerks, fragen nach, packen vieles anders an und haben eine eigene Sicht der Dinge. Foto: Klöckner

Cham.Eines ist beim Gespräch mit Sabine Schneider und Daniela Buschek schnell klar: Vormachen lassen sich diese beiden Frauen nichts! Was unklar ist, wird nachgefragt – passt etwas nicht, wird‘s auch gesagt – Kuscheln gibt es nicht. Das schafft Klarheit, kommt aber nicht immer gut an und mischt festgefahrene Männerwelten durcheinander. Womöglich ein Grund, warum der Amtsvorgänger der Obermeisterin der Friseure, Sabine Schneider, erst alle Männer seines Fachs abfragte für eine Nachfolge – bevor er bei ihr landete.

Nachfragen sind nunmehr an der Tagesordnung: „Nur so geht es vorwärts!“ Vielfach werde ihr dieser Part gerne von den männlichen Kollegen überlassen. In der Anfangszeit habe sie, wenn sie sich im Führungskreis meldete, die Frage in den Gesichtern gesehen: „Was sagt sie denn jetzt wieder?“ Dann habe immer Totenstille geherrscht. Doch mit dem neuen Kreishandwerksmeister Georg Braun sei ein Mann der Spitze, der offen sei und etwas bewegen wolle, so beide.

Auch die Außenwirkung der zwei Handwerksfrauen ist eine andere. Als Frau werde sie angesprochen – von Frauen – wenn sie zweimal das Gleiche auf dem Bild in der Zeitung trage, sagt Maler-Innungsobermeisterin Daniela Buschek. Bei Männern sei das egal. Dabei würde etwa einem Martin Schulz von der SPD eine neue Brille und ein wegrasierter Bart gut tun, sagt ihre Obermeister-Kollegin.

Zweiklassengesellschaft droht

Sabine Schneider, die in ihrem Geburtsort Waldmünchen seit 1993 ihren Friseursalon führt, hat schon immer ihren Kopf durchgesetzt. „Friseurin habe ich immer werden wollen“, sagt sie. Deshalb sei sie in der zehnten Klasse vom Gymnasium gegangen – nicht wegen der Noten – sondern um ihren Berufstraum zu verwirklichen. „Damals wurden meine Eltern vom Direktor einbestellt“, erinnert sich Sabine Schneider. Wie sie zulassen könnten, dass ihr Kind solch einen Beruf erlerne und Zeit „verplempere“, so der Vorwurf. Ihr Vater sei gegen ihre Jobwahl gewesen, ihre Mutter habe sie unterstützt. Sie sieht heute die Gesellschaft auf dem Holzweg, wenn übers Handwerk die Nase gerümpft wird und Studium als das einzig Glücklichmachende dargestellt wird. In Großstädten zeige sich die Folge: einen Handwerker zu bekommen, sei vielerorts schwer. Daraus werde künftig eine Zweiklassengesellschaft: Manche könnten sich Handwerker leisten, andere nicht mehr. Politik rede zwar vom „Goldenen Boden“ des Handwerks, meine das aber gar nicht ernst. Das Handwerk müsse gemeinsam auftreten und Stärke zeigen, um etwas zu bewegen, so beide Frauen unisono. Etwa um die Regelungswut auf Europaebene zu bremsen.

Viele Jugendliche, die bei ihr Praktikum machen, hätten Spaß an der Arbeit, sagt Daniela Buschek. Praktikant bedeute nicht mehr nur Fegen – Aufgabe und Verantwortung gebe es auch für sie. Und auch Computer hätten längst Einzug ins Handwerk gehalten, betont Sabine Schneider.

Hahn im Korb beim Handwerk

  • Anlaufprobleme

    Die Männer des Handwerks haben auf Führungsebene erst lernen müssen, dass Frauen mit am Tisch sitzen. Schließlich sind bei der Vollversammlung des Handwerks unter 60 Männern gerade vier Frauen: „Die Anrede lautete in den Einladungen immer Herr Obermeister Sabine Schneider.“

  • Generationswechsel

    Doch sei ein Generationswechsel in Gange – wobei Obermeister zu lange brauchen, bis sie ihre Ämter abgeben, findet Schneider. Der Verjüngung der Mitglieder gehe viel schneller. Vieles habe sich schon gewandelt, so beide Obermeisterinnen. Arbeiten über Maß gebe es nicht mehr, sagt Daniela Buschek. Bei ihren 15 Mitarbeitern sei die 40-Stunden-Woche maßgeblich.

  • Veränderung

    Auch werde mittlerweile Leistung gut bezahlt, sagt Sabine Schneider, die drei Angestellte hat. Und noch etwas ist heute anders, wenn das Handwerk zusammenkommt. Es gibt immer einen Hahn im Korb, wenn Sabine Schneider als bayernweit Delegierte fürs Handwerk unterwegs ist. Die Ehepartner sind nämlich immer mit eingeladen.

  • Ende der Frauenprogramme

    Bisher hieß das immer, „Frauenprogramm“ für die Obermeistergattinnen, sagt Sabine Schneider. Dann hieß es Männer nach rechts zur Beratung Frauen nach Links zum Freizeitprogramm. Doch wie Angela Merkels Joachim Sauer einst ist jetzt Dr. Herbert Weidacher zum bislang weibliche Kaffeekränzchen gestoßen – seit kurzem verheiratet mit Sabine Schneider. Somit ändert sich auch dort einiges. (ck)

Nach Lehre und Meisterausbildung arbeitete Sabine Schneider fünf Jahre in München. Für eine Selbstständigkeit sei dort die Lage schwierig gewesen – sie wich nach Waldmünchen aus. Ging in den Salon, in den sie schon als Kind reinschnupperte – auf dem Weg zur Schule – nur um den „tollen“ Geruch aufzunehmen.

Daniela Buschek hat ihren Beruf auch selbst gewählt. Ihre Eltern ließen es ihr offen. „Wir waren drei Mädels zu Hause, die anderen beiden wollten nicht ins Handwerk“, sagt sie. Nach der Gesellenprüfung habe sie in Regensburg eine Anstellung gesucht – und bittere Erfahrungen gemacht: „Keiner wollte dort eine Frau!“ Mancher habe sich verleugnen lassen, um nicht mit ihr sprechen zu müssen.

Sie wie Daniela Buschek sehen jeden Abend das, was sie und ihre Mitarbeiter vollbracht haben und können sagen: „Toll geworden!“ Auch diese Erfolgserlebnisse machen Handwerk aus. Das bringe Antrieb, Motivation und das Lob der Kunden: „Das Herzblut, das man reinsteckt, bekommt man zurück!“ Bayernweit sei die Führung des Handwerks überdeutlich mit Männer besetzt. Geschätzte gut 80 Prozent der Führungsposten, so die Innungsobermeisterinnen, sind in Männerhand. Doch auch hier habe der Wandel begonnen.

Lesen Sie hier: Die 21-Jährige Michelle Gleißner beherrscht ihr Handwerk als Friseurin in Gleißenberg. Das beweist auch die Auszeichnung als Kammersiegerin.

Keiner wollte eine Gesellin

Wobei im Metier von Daniela Buschek die Grundlagen etwas anders sind, als bei Sabine Schneider. Im Maler- und Lackiererhandwerk Meisterinnen zu finden, sei schwierig. Frau am Bau sei selten – als sie 1999 in Kelheim ihre Lehre begonnen habe – sei sie dort eine Exotin gewesen. Der Ton war rau, die Arbeit schwer – lange habe sie auf Baustellen mitgearbeitet, sei erst ab 2007 ins Büro gewechselt. Im Friseurhandwerk ist das umgekehrt: 30 weibliche Azubis, ab und zu ein männlicher, sagt Sabine Schneider.

Sie habe sich immer für berufspolitische Dinge interessiert, betont die Innungsobermeisterin. In ihrem Handwerk seien es heute im übrigen eher die Männer statt der Frauen, die für die Mode auf dem Friseurstuhl sitzen. Bei der Farbenwahl sei oft die Frau maßgeblich – diese Erfahrung hat Daniela Buschek gemacht. Wenn Frau sage, das passe, gebe es nur wenig Männer, die widersprechen würden: „Die haben ein Grundvertrauen in ihre Frau.“

Weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham lesen Sie hier

Erhalten Sie täglich die aktuellsten Nachrichten bequem via WhatsApp auf Ihr Smartphone. Alle Infos dazu finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht