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Montag, 29. Mai 2017 27° 2

Geschichte

Grafenried — ein Ort der Begegnung

Die Ausgrabungsarbeiten im böhmischen Grenzgebiet in Grafenried stoßen auch überregional auf ein immer größeres Interesse.
Von Karl Reitmeier

  • Die Gesprächspartner standen den Fragen der Geografie-Studenten sowie von Dr. Gerhard Hopp gerne Rede und Antwort. Fotos: Reitmeier
  • Der neue Bürgermeister von Klenci, Jan Bozdech (2. v. r.), bekam von Helmut Roith eine Bierflasche aus der alten Brauerei.
  • Helmut Roith führte MdL Dr. Gerhard Hopp zu interessanten Fundstücken, wie diesen Granitbottich aus dem Jahre 1686, den er zu Tage befördert hat.
  • Die Geografie-Studenten der Uni Erlangen mit Dozent Josef Weber (links) zeigten sich nicht nur interessiert an den Ausgrabungsarbeiten, sondern auch am Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen.

Waldmünchen.Die Ausgrabungsarbeiten in Lucina/Grafenried, die in diesem hier erfolgten Umfang zweifelsohne einmalig im böhmischen Grenzgebiet sind, finden auch überregional ein immer größeres Interesse. Dies wurde deutlich bei einem hochkarätigen Besuch, denn neben MdL Dr. Gerhard Hopp hatten sich auch elf Geografiestudenten der Universität Erlangen mit Dozent Josef Weber eingefunden, um sich nicht nur über den aktuellen Stand der Ausgrabungsarbeiten informieren zu lassen, sondern auch Einblicke ins deutsch-tschechische Verhältnis zu bekommen.

So standen neben dem unermüdlichen Ausgraber Helmut Roith auch Wanderführer Franz Reimer (er hat sich auf dieses Gebiet spezialisiert), Projektleiter Zdenek Procházka, die Chefin des Informationszentrums Klenci pod Cerchovem, Zuzana Uhrová, Bürgermeister Markus Ackermann und Ortsbetreuer Hans Laubmeier als Gesprächspartner zur Verfügung. Eingefunden hatte sich auch der neue Bürgermeister von Klenci, Jan Bozdech, und der Vorsitzende des Museumsvereins, Karlheinz Schröpfer. Sowohl Tschechen als auch Deutsche waren sich einig, dass hier eine tschechisch-deutsche Begegnungsstätte entstehen soll.

Ein Ort zum Forschen

Helmut Roith verdeutlichte, „dass wir mit den Ausgrabungsarbeiten hier auch immer am Forschen sind“. Denn es habe sich gezeigt, dass bisherige geschichtliche Aufzeichnungen nicht immer der Wahrheit entsprechen. Warum ausgerechnet Grafenried für die Ausgrabungen gewählt wurde, hängt nach den Worten von Zuzana Uhrová damit zusammen, dass hier viele interessante Gebäude waren, was einzigartig sei.

Dozent Josef Weber wollte wissen, warum man Orte von deutscher Seite in Tschechien ausgräbt und was damit bezweckt werde. Eine Antwort lieferte Hans Laubmeier. Es solle dies eine Stätte zur Erinnerung werden, die verdeutlichen soll, was ein Krieg alles anstellen kann. Damit solle den Regierenden und Politikern auch vor Augen geführt werden, dass es keinen Sinn hat, sich gegenseitig zu bekämpfen. Laubmeier verwies auf seine Devise: „Reicht euch die Hand“. So schwebt Laubmeier vor, im ehemaligen Grafenried ein Schild mit einem Foto aufzustellen, an dem sich ein Deutscher und ein Tscheche die Hand reichen. Damit soll herausgestellt werden: „Wir wollen uns vertragen und wir wollen miteinander reden“.

„Reicht euch die Hand“

Da wurde sofort die Frage aufgeworfen, ob dies die tschechische Seite genauso sieht. Zuzana Uhrová entgegnete spontan, „dass wir in dieser Hinsicht einer Meinung sind“. Wenn hier alles freigelegt werde, könne man sich eher an die Geschichte erinnern und darüber nachdenken. Wenn dagegen alles zugewachsen wäre, „dann wüssten wir in einigen Jahren nicht mehr, was hier war und hier geschehen ist“.

Waldmünchens Bürgermeister Markus Ackermann ergänzte, dass aus diesem Ort des Schreckens inzwischen ein positiver Treff- und Kommunikationspunkt geworden ist.

Zuzana Uhrová erwähnte, dass aufgrund der Rad- und Wanderwege immer mehr Touristen zu Besuch kommen. Auch das Geocaching führe viele Leute in diese Gegend. Ackermann verdeutlichte, dass nicht nur eine touristische Aufwertung erfolgt sei, sondern dass inzwischen auch Schulklassen aus Bayern und Böhmen nach Lucina/Grafenried kommen und hier lebendige Geschichte vor Ort erleben können. Ackermann stellte fest, dass die tschechische Seite Geschichtsbewusstsein zeige und an Aufarbeitung interessiert sei.

Politik arbeitet Geschichte auf

Dr. Gerhard Hopp stellte fest, dass es für ihn als jungen Landtagsabgeordneten etwas ganz Besonderes sei, was hier in der Region grenzüberschreitend auf den Weg gebracht worden sei. Der Austausch auf höchster Ebene sei oft sehr zurückhaltend gewesen. Deshalb sei gerade das, was hier passiert, als Vorreiter-Rolle zu sehen. Der Landtagsabgeordnete bemerkte, dass die Politik dabei sei, das nachzuholen, was hier in Waldmünchen schon seit Jahrzehnten vollzogen werde.

Hans Laubmeier verwies darauf, dass Zdenek Procházka einer der Ersten von der tschechischen Seite war („da waren noch nicht einmal ehemalige Bewohner hier“), der zu dieser Zeit schon dafür gesorgt habe, dass der Friedhof sauber gemacht und vom Gestrüpp befreit wurde. Laubmeier verwies darauf, dass von der tschechischen Seite sehr viel Antrieb kommt. Dies veranlasste Bürgermeister Ackermann zu der treffenden Aussage: „Es kann nur funktionieren, wenn es von beiden Seiten kommt“. Er verwies darauf, dass sowohl auf der zwischenmenschlichen als auch auf kommunalpolitischer Ebene sehr gute Beziehungen aufgebaut wurden. Dadurch sei auch eine Vertrauensbasis entstanden.

Vertrauensbasis ist entstanden

Ackermann ergänzte, dass sicherlich Ressentiments punktuell vorhanden waren. Er verwies darauf, „dass die Grenze für alle eine Belastung war“. Für die deutsche Seite deshalb, weil hier das Ende der Welt war. Auch für die böhmischen Freunde sei dies eine Grenze gewesen. Deshalb sei jeder froh gewesen, als sie verschwand. Dass es Ängste und Sorgen gegeben habe, sei eine normale Sache. Aber im Grunde sei jeder Seite klar gewesen, „dass dies die Chance schlechthin ist – weg vom Ende der Welt, aber hin zum Mittelpunkt Europas“. Diese Chance sei auch genutzt worden.

Auf die Frage, wie es nun weitergeht, berichtete Ackermann, dass über das Aktionsbündnis Cerchov gemeinsam versucht werde, die Nachhaltigkeit zu sichern. Dafür werde derzeit ein Konzept erarbeitet.

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