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Dienstag, 12. Dezember 2017 5

Historie

Grafenried: Mosaiksteine der Geschichte

In vielen Arbeitsstunden hat Helmut Roith im Sommer eine Brauerei freigelegt. Seine Mission im verschwundenen Dorf Grafenried aber geht weiter.
Von Petra Schoplocher

  • Die Arbeit eines Sommers: Helmut Roith (rechts) hat mit Hilfe von Alois Rötzer die Grafenrieder Brauerei fast vollständig freigelegt. Fotos: Schoplocher
  • Das nächste Projekt: der Friedhof
  • Fundstück aus der Brauerei
  • Aufgetaucht: ein Erdbunker

Grafenried.Die Samstage, an denen die Schubkarre von Helmut Roith um die Mittagszeit noch unbenutzt ihr Dasein fristet, dürften in diesem Jahren an einer Hand abzuzählen sein. Denn eigentlich hat der 54-Jährige an einem „normalen“ freien Tag da schon die ersten Fuhren hinter sich, hat Steine freigelegt, Bewuchs beseitigt, Aushubmaterial durchgesehen und mitunter auch über das eine oder andere Teil gestaunt, das er da in dem verschwundenen Dorf Grafenried zu Tage gefördert hat.

An diesem Tag ist alles ein wenig anders. Zusammen mit Alois Rötzer, einem gelernten Brauer, erlaubt er einen Einblick in das, was sie zusammen seit Mai geschafft haben. So recht können sie es ohnehin selbst nicht glauben. „Die Brauerei ist wirklich schon sehr gut zu erkennen“, meint auch Franz Reimer, der seit langer Zeit Führungen anbietet und sich immer mal wieder vom Fortgang der (ehrenamtlichen!) Arbeit von Helmuth Roith überzeugt. „Wie viel Kubik werden das gewesen sein, ein paar hundert?“, fragt Reimer scherzend in die Runde – wohl wissend, dass das Engagement des Treffelsteiner mit Worten nicht zu beschreiben ist.

Dabei hat Helmut Roith mit dem „alten“ Grafenried gar nichts zu tun – ¨im Gegensatz zu vielen Besuchern, die sich nach der Grenzöffnung und seit Beginn der Ausgrabungen auf die Spuren ihrer Vorfahren begeben. Helmuth Roith ist bei einer Wanderung eher zufällig auf die Überreste der alten Siedlung gestoßen. Er war berührt und hatte sofort das Gefühl, dass „ich da etwas tun will“.

Arbeit auch bei Schnee

Das war 2003 und ehe er wirklich mit Pickel, Schaufel, Hammer, Spachtel und Besen Hand anlegen durfte – immerhin liegt Grafenried ja im heutigen Tschechien – vergingen noch fast acht Jahre. Seitdem aber verbringt Helmut Roith jede freie Minute in Grafenried. „Auch bei Schnee kann man was tun“, kontert er die Bemerkung nach einer vermeintlich vom Wetter verordneten Winterpause. Und wenn der Frost tatsächlich einen Einsatz im Freien unmöglich macht, „bleibt ja noch die Dokumentation“. Denn Roith und auch sein Helfer Rötzer halten jeden Schritt mit der Kamera fest und bringen besondere Funde in Sicherheit. Die größten Funde aber sind die Entdeckungen, wie die der wohl ersten Glashütte Grafenrieds, die ersten Schätzungen nach aus den Jahren um 1500 stammen dürfte. Noch mehr bewegt die beiden Männer aber die Brauerei, die sie faktisch von Mai bis jetzt fast vollständig freigelegt haben. Ans Tageslicht gekommen sind dabei auch ein Erdbunker in Plattenbauweise, den wohl die Grenzposten errichtet haben, und ein besonderes Becken.

Alois Rötzer kann anhand der nun zugänglichen Räume und Keller die Bierherstellung nacherzählen. Den Platz der Garbottiche hat er ebenso ausgemacht wie die 15 Quadratmeter große Malztenne samt dazugehöriger Dorre aus Erfurt und der Sudpfanne. Wenn Alois Rötzer von der gestohlenen Eisentür spricht, die sie ausgegraben hatten, liegt das erste und einzige Mal Missmut in der Luft. „Das ärgert mich wahnsinnig“, sagt Rötzer.

Ziegel mit eingebrannten Jahreszahlen, Grenzsteine, Wasser- und Kanalleitungen, einfache Gegenstände wie Töpfe oder Bierflaschen, sie alle erzählen Geschichten – und geben dennoch nicht alle Geheimnisse preis. Die Eisenschlacke etwa, die sich auf dem Weg zum Friedhof findet, gibt den Ehrenamtlichen Rätsel auf.

„Es geht ums Erhalten“

„Es geht nicht ums Graben, sondern ums Erhalten“, beschreibt Roith seine Motivation und berichtet von Betroffenen, die auf einmal vor den Häusern ihrer Vorfahren stehen. „Da wird es auf einmal ganz still“, beschreibt er diese Stimmung. Er selbst lässt solche Momente des Nachdenkens nicht zu, denn „da können einem schon die Tränen kommen“, gibt er mit Blick auf die Mauern, die einstmals einen Gasthof samt Metzgerei trugen, zu.

Wie Wut und Trauer gibt es für Helmut Roith zwischen Steinen und Gestrüpp auch das Gefühl, den Kampf gegen das Vergessen ein Stück weit gewonnen zu haben. Weiter machen will er trotzdem „so lange ich kann“. „Du musst schon mindestens 200 Jahre alt werden“, sagt Franz Reimer, als er das hört. Zwei Wünsche haben die Männer: Es bedürfte langsam auch finanzieller Mittel, um die freigelegten Flächen zu schützen, für die ein nicht zu unterschätzender Pflegeaufwand nötig ist.

„Die Natur ist schnell und holt sich das ihre wieder“, sagt Franz Reimer. Und Helmut Roith, der sich wie alle an dem Mammutprojekt Beteiligten über die Aufgeschlossenheit vor allem auch jüngerer Leute freut, findet, dass es langsam für die Politik an der Zeit wäre, sich für Grafenried stark zu machen.

Helmut Roith weiß aber auch so, was er als nächstes vor hat. Wenn die Brauerei „fertig“ ist, steht der Friedhof an. Zwar ist dank eines Arbeitseinsatzes im Sommer der Zugang enorm verbessert, der 54-Jährige aber möchte die Kapelle freilegen, Erde abtragen und der letzten Ruhestätte für so viele Menschen wieder ein schönes Erscheinungsbild geben. Und auch dort wird er mit jeder Schubkarrenfuhre gegen das Vergessen angehen.

Auf den Spuren des Dorfes

  • Ausgrabungen

    Das ehemalige Grafenried (tschechisch Lucina) ist eines der Dörfer, aus denen die deutsche Bevölkerung – damals 222 Personen in 42 Häusern – nach Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben und die Gebäude zerstört wurden. In Grafenried dienten zwei Gebäude bis 1964 der Grenzwache, später fielen auch diese Häuser der Natur zurück. Übrig blieben zunächst Kindergarten und Kirche St. Georg, wobei letztere Ende der 1960er Jahre zerstört wurde. Die Überreste der Kirche aus dem Jahr 1775 wurden 2011 freigelegt und teilweise renoviert. Die Ausgrabungen sind ein deutsch-tschechisches Gemeinschaftprojekt unter Federführung des Hobby-Archäologen Zdenek Prochazka aus Domažlice.

  • Projekt

    Angestoßen hat die Ausgrabungen der Grafenrieder Ortsbetreuer Hans Laubmeier, umgesetzt hat es vor allem aber einer: der 54-jährige Helmut Roith aus Treffelstein. Dessen Projekt nach der Kirche war der Pfarrhof, auch ein Gasthaus mit angegliederter Metzgerei hat er schon freigelegt. In diesem Sommer haben sich freiwillige Helfer auf Initiative der Städtischen Wälder Domažlice des Friedhofs angenommen: Auch er ist nun teilweise wieder begehbar, wenngleich Helmut Roith „hier noch viel vorhat“. Viel weiter als gedacht ist Helmut Roith über den Sommer mit der Brauerei, die sich unterhalb eines bereits anschaulich freigelegten Gasthauses befindet, das eine Zeit lang nach der Vertreibung noch von den Grenzposten genutzt wurde. (ps)

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