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Region Cham
Montag, 19. Februar 2018 3

Vortrag

Hier gehören Geister zum Alltag

Ahnenglaube, Hexerei und Kannibalismus: Ein Missionar berichtet von seinen Erlebnissen aus 50 Jahren Papua-Neuguinea.

Als Missionar Reinhard Tietze nach Papua-Neuguinea kam, lebten die Eingeborenen oft noch sehr ursprünglich. Foto: Tietze

Waldmünchen.Das Café Bacherl, in dem seit Jahren die „Hutschastubn“ des Museumsvereins Waldmünchen zu besonderen Abenden einlädt, platzte aus allen Nähten, als Reinhard Tietze einen Vortrag zum Thema „Ahnenkult und Geisterglaube in Papua-Neuguinea“ hielt. Vorsitzender Karlheinz Schröpfer freute sich über die große Resonanz und stellte fest, dass der Referent durch seine langjährige Tätigkeit in der Entwicklungshilfe beste Einblicke in das Leben in dieser Region geben könne.

Das stellte Tietze dann auch in einem packend erzählten Teil seiner eigenen Lebensgeschichte unter Beweis. Noch dazu kam, dass Karin und Reinhard Tietze fast auf den Tag genau (am 26. Januar) vor 50 Jahren erstmals Papua-Neuguinea betraten, um dort für die Aktion „Brot für die Welt“ mit den Menschen vor Ort zu arbeiten. Die Bilder, mit denen Tietze den Zuhörern Fauna, Flora und Menschen näherbrachte, hatten dabei genauso Erinnerungswert, wie der Diaprojektor, der schon vor Jahrzehnten beim Unterricht in der Schule seine Dienst getan hat, wo Tietze junge Menschen im Bereich Landwirtschaft in Theorie und Praxis unterrichtet hat.

Plötzlich drohte Blutrache

Er hat aber nicht nur unterrichtet, sondern mit den Menschen in Papua-Neuguinea auch Straßen und Brücken gebaut, Teiche angelegt, ja sogar einen Flugplatz gebaut und vor allem auch darauf Wert gelegt, dass sie von Jesus Christus erfahren haben. Dabei war es ihm wichtig, dass die Leute erfuhren, dass nicht hinter jedem Ereignis ein Zauberer oder die Geister der Ahnen steckten, sondern, dass sich vieles auf ganz natürliche Art und Weise erklären lasse.

Als die Tietzes im Hochland von Papua ankamen, wurden sie mit einfachster Lebensweise konfrontiert. Sie hatten weder Strom noch fließendes Wasser. Und dazu kam der Geister- und Zauberglaube. Die Menschen fühlten sich von Geistern ihrer Verstorbenen, die in der Natur weiterleben würden, umgeben. Diese Geister müsse man gut behandeln, damit sie einem keinen bösen Zauber anhexten und in Ruhe ließen.

Reinhard Tietze (rechts) hatte viele Zuhörer bei seinem Vortrag. Fotos: wir

Bei jedem Missgeschick wurde nach einem Verantwortlichen gesucht, und oft jemand ausgemacht, dem man die Schuld in die Schuhe schieben konnte. Nicht selten kam es zu Racheakten. Auch Tietze erzählte, wie er einmal ins Visier einer Gruppe geriet. Gottseidank sei die Geschichte damals gut ausgegangen, als er einen Mann in seinem Haus versteckte, der bei einem Unfall ein Kind verletzt hatte. Wäre das Kind nicht wieder gesund geworden, dann hätten die Menschen damals eventuell die Blutrache ausgeführt, die sie ihm immer wieder angekündigt hatten. „Sie haben mir damals ein Stück Schweineleber zur Versöhnung gebracht“, so Tietze. Die Menschen seien der Ansicht, das Schwein sei wie der Mensch und die Leber der Sitz der Seele. Sie würden auch glauben, dass Haare, abgeschnittene Fingernägel und anderes als Zaubermittel eingesetzt werden können.

Dank: Der Vorsitzende des Museumsvereins, Karlheinz Schröpfer (r.), dankte Reinhard Tietze für sein Referat über Jahrzehnte in der Mission in Südostasien. Foto: Tietze

Tietze erzählte die Geschichte von seinem Schüler Frederic, der eines Tages nicht zur Schule kam. Von anderen wurde ihm berichtet, dass Frederic sterben würde. Tietze brachte den Jungen ins Krankenhaus, wo ein Arzt ihm volle Gesundheit attestierte. Ihm habe man aber eingeredet, dass er sterben müsse, weil die Geister das so wollen. Tietze habe dem Jungen dann behutsam erzählt, dass über den Geistern der Ahnen einer da sei, der viel stärker ist und er vor den Geistern keine Angst zu haben brauche. Tietze erzählte von Mannbarkeitsriten, von aktivem und passiven Kannibalismus, von der Totenbestattung und davon, dass es lange brauchte, bis man einer Krankheit auf die Spur kam, die nur Frauen betroffen hat. Sie kam daher, dass die Frauen das Gehirn und Innereien der Verstorbenen gegessen haben, die Männer davon aber nichts zu sich nahmen.

860 verschiedene Sprachen

Überhaupt könne man nur vorsichtig und einfühlsam diesem Ahnenkult und Geisterglauben begegnen, der über Jahrhunderte gewachsen sei. Die Menschen in Papua-Neuguinea lebten in und mit der Natur. Tietze zeigte ihnen zum Beispiel, wie man die Böden mit dem Mist, den Haustiere machen, ertragreicher machen könne und vieles mehr. Er erklärte ihnen auch, dass Tiere nicht plötzlich krank werden und sterben, weil ein anderer sie verhext hätte, sondern weil man sie nicht ausreichend versorgt habe.

Die Zuhörer erfuhren, dass Papua-Neuguinea 860 verschiedene Sprachen habe, dass die Einheitssprache Pigdin ist und noch immer große Unterschiede zwischen Stadt und Land herrschen. Papua und Neuguinea waren einst englische und deutsche Kolonien, wo auch die Missionierung eingesetzt habe. Tietze erinnerte hier an den Missionar Johann Flierl aus Sulzbach-Rosenberg, der 1886 der Erste war, der den Bewohnern von Papua-Neuguinea von Christus erzählte.

Tradition: Reinhard Tietze brachte zahlreiche Alltags- und Kult-Gegenstände aus Papua-Neuguinea mit, die er den Besuchern der Hutschastubn präsentierte. Foto: Tietze

Und der Referent stellte fest, dass Mission mit Entwicklungshilfe einhergehen müsse. Tietze hatte auch einige Utensilien mitgebracht wie eine Holzmaske mit einem großen Haken am Ende, wo man ein „Bilum“, eine Netztasche aufhängen und ein Baby darin vor den Geistern und ganz realistisch, vor Ratten schützen konnte. Oder auch Ketten aus Muscheln, welche Statussymbol waren. Auch als die Tietzes nach Papua-Neuguinea kamen, bezahlte man dort noch mit Muschelgeld. Dem Referenten hätte man stundenlang noch zuhören mögen, so Karlheinz Schröpfer, als er Reinhard Tietze mit einem Präsent am Ende für die vielen Informationen dankte. Am 5. Februar findet die nächste Hutschastubn als „Kappensitzung“ statt. (wir)

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