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Freitag, 15. Dezember 2017 4

MZ-Serie

Im Kloster am richtigen Platz

Mit 19 Jahren hat sich Christina Vögerl fürs Kloster entschieden. Jetzt ist sie Deutschlands einzige Novizin bei den Mallersdorfer Schwestern.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Mallersdorf. Antenne Bayern hört sie noch immer gern. Doch ansonsten unterscheidet sich Schwester Chiaras Alltag grundsätzlich von dem ihrer Altersgenossen: Armut, Gehorsam, Keuschheit. Das sind seit gut einem Jahr die Koordinaten in ihrem Leben. Mit 20 Jahren ist sie mit Abstand die jüngste Schwester im Kloster Mallersdorf und zugleich das jüngste Ordensmitglied in ganz Deutschland. Seit April vergangenen Jahres lebt sie im Kloster. Ihre Kleider hat sie verschenkt, jetzt trägt sie schwarze Ordenstracht. Am weißen Schleier ist sie als Novizin zu erkennen. Ihr dunkelblondes Haar liegt als Pony über der Stirn, die Ohren sind vom Schleier bedeckt. Eine Kreuz-Brosche aus Metall, das Erkennungszeichen der „Armen Franziskanerinnen von der heiligen Familie zu Mallersdorf“, hat sie angesteckt. „Jeder muss seinen Weg gehen“, sagt die junge Frau mit Nachdruck in der Stimme, „ich fühle mich am richtigen Platz“.

1993 kommt Christina Vögerl in Bad Kötzting im Landkreis Cham zur Welt. Ihre Mutter ist Religionslehrerin, die Familie geht am Sonntag regelmäßig in die Kirche. „Mein ganzes Umfeld war religiös geprägt“, erzählt sie. Christina singt im Kirchenchor und übernimmt den Lektorendienst im Gottesdienst. Schon während der Firmvorbereitung denkt sie über das Klosterleben nach. Jahrelang hat sie das Thema im Hinterkopf. 2009, sie ist erst 16 Jahre alt, wagt sie den ersten Schritt: Das Kloster Mallersdorf bietet jungen Frauen Schnuppertage an, um das Leben der Ordensschwestern kennenzulernen. Drei Tage und zwei Nächte verbringt Christina im Kloster, nimmt an den Gebeten und Gottesdiensten teil. „Das war eine gute Gelegenheit, um ins Gespräch zu kommen“, erinnert sie sich. „Ich bin zur Ruhe gekommen und habe Kraft geschöpft.“ Drei Jahre später, im Oktober 2012, steht sie erneut vor der Klosterpforte. Inzwischen hat sie ihr Abitur gemacht und studiert in Gießen Medizin. Sie verbringt „Stille Tage“ in Mallersdorf und genießt die Zeit fernab vom Konsumdenken. „Ich bin mit der konkreten Frage hingefahren, ob ich ins Kloster will oder nicht.“ Drei Nächte bleibt sie und ist sich danach schon ziemlich sicher, dass hier ihre Zukunft liegt. „Ich wollte die Entscheidung nicht jahrelang hinausschieben“, erzählt sie. Drei Monate später kommt sie zum dritten und letzten Besuch auf Probe nach Mallersdorf, dann steht ihr Entschluss: „Ich habe mich gefragt: Was kann es Bedeutenderes geben als Christus?“, beschreibt sie nüchtern ihre Gedanken. Ihre Antwort fällt eindeutig aus ohne schwärmerisch zu klingen: „Christus ist das Wichtigste, also folge ich ihm.“

Einzige Tochter

So logisch die Entscheidung aus Sicht der jungen Frau sein mag, ihr Umfeld tut sich schwer damit. „Für meine Mutter und meinen Vater war es schwierig, ihr bin ja ihr einziges Kind“, erzählt sie. Ihre Eltern seien überrascht gewesen, hätten es aber geahnt. Als diese hören, dass man auch als Klosterschwester einen Beruf erlernt, sehen sie die Entscheidung ihrer Tochter mit weniger Sorge. Enge Freundinnen loben Christinas Mut. „Das passt zu dir“, sagen sie. Aber Christina bekommt auch abfällige Kommentare zu hören. „Im Kloster ist es schlimmer als bei der Bundeswehr“, wird sie gewarnt. Heute kann sie darüber lachen. Damals wollte sie zunächst nicht, dass ihr Entschluss in ihrer Heimatstadt gleich an die große Glocke gehängt wird. Zu ihrer offiziellen Einkleidung am 28. Dezember 2013, bei der sie ihre Ordenstracht erhält und nach einem halben Jahr Vorbereitung ins sogenannte Noviziat aufgenommen wird, lädt sie außer ihrer Familie nur die drei besten Freundinnen ein. Die Feier findet im schlichten Rahmen einer Vesper statt, dabei ist es auch für den Orden ein besonderes Ereignis: Christina ist die einzige Novizin in Deutschland, nur in Afrika hat der Orden noch zwei weitere Anwärterinnen.

Aus Christina Vögerl wird mit dem Noviziat Schwester Chiara. „Den Namen habe ich beim Gang über den Friedhof entdeckt“, erzählt sie. Jede der mehr als 800 Ordensschwestern heißt anders. Ein Gelübde hat sie noch nicht abgelegt, das Noviziat ist eine zweijährige Probezeit, erst danach folgt die zunächst zeitlich begrenzte Profess. Schwester Chiara könnte also im Moment jederzeit ihre wenigen Sachen packen und die Klostermauern hinter sich lassen. Doch diese Option spielt für sie keine Rolle. „Wenn ich nicht daran glauben würde, dass es die richtige Entscheidung war, hätte ich es erst gar nicht gemacht.“ Was sie so sicher sein lässt, ist schwer zu fassen. Eine Art „Gotteserlebnis“ hatte die junge Frau jedenfalls nicht. Aber das macht ihr keinen Kopf, Schwester Chiara neigt nicht zum Grübeln. Der Verzicht auf eine Partnerschaft und eigene Kinder sei ihr zwar sehr bewusst, sie habe vor ihrem Klostereintritt auch „mal einen Freund“ gehabt, erzählt sie. Dass die Beziehung auseinandergegangen sei, habe aber mit ihrem Gang ins Kloster nichts zu tun. Was sie so sicher macht, dass sie sich nicht eines Tages verlieben könnte? „Man weiß nie, was kommt“, entgegnet sie gelassen.

Frage der Berufswahl

Die nächste wichtige Entscheidung ist die Berufswahl. Schwester Chiara möchte studieren, als Fächer kommen sowohl Medizin als auch Theologie infrage. Das Thema hat aber noch Zeit, sie soll sich erstmal einleben. „Jede Schwester hat einen anderen Charakter, darauf muss ich mich einstellen“, sagt sie. Morgens um kurz vor fünf beginnt ihr Tag mit einem Morgengebet. Vormittags arbeitet sie in der Küche. Auch die Nachmittage sind ausgefüllt: Sie übt mit Kindern aus Migrationsfamilien Deutsch, besucht alte Ordensschwestern im Altenheim des Klosters und hilft in der Wäscherei. Dazu kommen mehrere Gebetszeiten täglich und der Unterricht zu den Ordensregeln. Im Kloster wohnt die junge Frau in einer kleinen Ausbildungsgemeinschaft zu der auch ihre Noviziats-Leiterin gehört. „Wir frühstücken zusammen, der Rahmen ist familiärer als im großen Speisesaal“, erzählt Schwester Chiara.

Drei Wochen Urlaub hat sie im Jahr, Zeit um Familie und Freunde zu besuchen. Im ersten Noviziatsjahr dürfen ihre Eltern nur vier- bis fünfmal zu ihr ins Kloster kommen. Ansonsten sind die sozialen Kontakte der Ordensschwester eingeschränkt. „Der Freundeskreis dünnt sich aus“, räumt sie ein. Vier bis sechs enge Freunde seien ihr geblieben, besucht hätten sie sie aber noch nicht. Die junge Schwester nimmt es pragmatisch: „Das Leben draußen ist nicht immer leicht, genauso ist es hier drin.“

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