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Region Cham
Donnerstag, 23. November 2017 3

Arbeit

Kann man als Mini-Putzfrau leben?

Jeder vierte Beschäftigte im Landkreis Cham hat einen Mini-Job. Eine Ausstellung zeigt die „Chancen und Risiken“.
Von Ernst Fischer

Putzfrau ist eine der häufigsten Beschäftigungen für Mini-Jobber. Auch in der Gastronomie und im Handel sind solche Jobs häufig. Foto: dpa

Cham.Es hört sich so gut an: 50 Stunden Arbeit im Monat, dafür gibt’s 450 Euro bar auf die Hand – und der Staat geht leer aus: keine Steuern. Mini-Job heißt das Zauberwort auf dem Arbeitsmarkt, das ausgerechnet die Rot-Grüne Schröder-Regierung mit ihrer Agenda 2010 einmal erfunden hat und das viele wahlgebeutelte Genossen heute am liebsten schnell wieder loswerden wollten. Denn: Mini-Jobs haben zwei Seiten. Und die schlechte Seite ist prekär. Sie trifft immer die Kleinen.

Trotzdem: Mini-Jobs boomen, auch bei uns im Landkreis Cham. 12 500 Menschen gehen hier einer solchen Beschäftigung nach – als Verkäuferin, als Putzfrau, als Bedienung in der Gastronomie oder auch mal Gehilfe beim Gärtner oder am Bau. Letzteres aber ist eher selten. Die große Masse der Mini-Jobber sind Frauen: 72 Prozent hier bei uns im Landkreis Cham.

„Minijob? Da geht noch mehr!“ So heißt eine bundesweite Wander-Ausstellung, die am Montag im Gebäude der Chamer Volkshochschule eröffnet wurde. Das Jobcenter und die Arbeitsagentur haben die Präsentation organisiert, die in dieser Woche für alle Interessenten zu sehen ist, die mehr zum Thema Minijob wissen wollen.

Die Rentenfrage beim Minijob

Der Titel der Ausstellung ist missverständlich. Denn: Hier geht’s nicht darum, noch mehr Minijobs das Wort zu reden. Jobcenter-Geschäftsführer Josef Beer sprach in seiner Eröffnungsrede von „Chancen und Risiken“. Und seine Warnung: „Wer ausschließlich in einem Minijob bleibt, der wird einmal Probleme bekommen.“

Beispiel Rente: Für ein Jahr Minijob mit 450 Euro Lohn gibt’s maximal 4,43 Euro Rente. Das wären nach 40 Jahren gerade mal 177,20 Euro. Beispiel Krankenversicherung: Minijobber sind nicht krankenversichert, auch wenn der Arbeitgeber einen minimalen Pauschbetrag dafür bezahlt. Wer also nicht bei seinem Partner mitversichert ist, der muss sich selbst darum kümmern – macht im Monat rund 150 Euro.

Also: Der Minijob ist etwas für die Frau des gutverdienenden Personalchefs einer Kaufhauskette, die nach der Kinderpause in ihren Beruf als Bürokauffrau wieder reinschnuppern möchte. Die alleinerziehende Frau Meier aber wird mit einem Minijob als Putzfrau in der Mittelschule keine dauerhafte Perspektive haben, ihren zwei Kindern eine gehobene Ausbildung finanzieren zu können.

Dorothea Seitz-Dobler, die Frauenbeauftragte der Schwandorfer Arbeitsagentur, und Johann Liegl vom Chamer Jobcenter spielten solche Rollen mal kurz vor für das Ausstellungspublikum in der VHS-Aula. Das Happy-End ihrer Geschichten: Beide Frauen fanden einen neuen festen Job: die alleinerziehende Mutter als Altenpflegerin, die Hausfrau als Bürokauffrau. Und wie sieht‘s im wahren Leben aus? Wie viele Minijobber finden hier bei uns eine feste Anstellung? Keine Antwort. Solche Zahlen gibt es nicht, sagen die Chefs von Jobcenter und Arbeitsagentur, Josef Beer und Hans-Peter Hausladen auf unsere Nachfrage.

Und wie viele feste Arbeitsplätze haben 12 592 Minijobs hier bei uns schon gekostet? Auch dazu: „keine konkreten Erkenntnisse“. Aber Hans-Peter Hausladen winkt ab und zitiert solche Zahlen: In zehn Jahren von 2006 bis 2016 ist die Zahl der Minijobs von 9772 gestiegen auf 12 592. Aber die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze noch viel mehr: von 40 449 auf 49 973.

Was ist, wenn Ehen scheitern?

Josef Beer vom Jobcenter: „Ich glaube, Minijobs bieten mehr Chancen als Risiken.“ Da gehe es darum, „Netzwerke aufzubauen“. Und überhaupt: „Ein Minijob im Lebenslauf macht sich immer noch besser als überhaupt keine Beschäftigung.“

Die Organisatoren der Ausstellung (v. li.): Josef Beer, Johann Liegl und Dorothea Seitz-Dobler Foto: Fischer

Maria-Luise Segl, die Frauenbeauftragte am Landratsamt, war auch unter den Eröffnungsgästen. Ihre Einschätzung zum Minijob: „Sicher nur kurzfristig! Ich kenne genug Frauen, die ein Problem im Alter bekommen, wenn Ehen scheitern.“ Segl: „Männer sind keine garantierte Altersversorgung.“

Übrigens: Nach der Ausstellungseröffnung gab’s eine Info-Veranstaltung für Betroffene. 25 Teilnehmer: 23 Frauen, zwei Männer.

Wissenswertes zum Minijob:

Zwei Arten von Minijobs gibt es: Beschäftigung, wo der Monatslohn nicht höher als 450 Euro beträgt, oder Arbeit, die nicht länger als drei Monate oder 70 Tage im Jahr dauert. Die Höhe des Lohns ist dabei unerheblich.

Rechte der Minijobber: Anspruch auf Mindestlohn (8,84 Euro) oder bezahlten Urlaub

Sozialversicherung: Der Arbeitgeber zahlt in die Rentenversicherung 15 Prozent vom Lohn, der Minijobber 3,7 Prozent. Minijobber haben Anspruch auf Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung. Krankenversichert ist der geringfügig Beschäftigte nicht. Dafür muss er selbst sorgen oder in einer Familienversicherung.

Der Chamer Arbeitsmarkt:

71 700 „zivile Erwerbspersonen“ unter den 126 000 Einwohnern im Landkreis Cham könnten einer Arbeit nachgehen.

49 973 Arbeitnehmer hatten nach neuesten Zahlen der Arbeitsagentur aus dem Jahr 2016 eine sozialversicherungspflichtige feste Beschäftigung (2006: 40 449 Beschäftigte).

12 592 Mini-Jobber standen 2016 als geringfügig beschäftigt in der Statistik (2006: 9772). Das heißt: Jeder vierte Arbeitnehmer im Landkreis hat rein statistisch einen Mini-Job.

In der Praxis ist die Rechnung komplizierter: 8332 Menschen arbeiten ausschließlich im Mini-Job (2006: 7818). Davon sind 1800 Rentner.

Die Zahl der ausschließlichen Mini-Jobber im erwerbsfähigen Alter liegt aktuell bei 6700, wenn man auch die 200 Hartz-IV-Empfänger dazurechnet, die mit einer solchen Beschäftigung wieder den Weg in ein festes Arbeitsverhältnis suchen. Sie dürfen übrigens von 450 Euro-Mini-Lohn noch 170 Euro behalten.

Frauen sind mit 72 Prozent die große Mehrheit bei den Mini-Jobbern.

1480 Arbeitssuchende sind aktuell im Landkreis Cham registriert. Mit den knapp 50 000 festen Arbeitsplätzen und den 6700 ausschließlichen Mini-Jobbern ergibt das gut 58 000 Menschen, die arbeiten wollen.

Hans-Peter Hausladen, Chef der Chamer Arbeitsagentur. Wir haben ihn nach Zahlen zum Thema Minijobs im Landkreis gefragt.

Die „stille Reserve“: Bei 71 700 „zivilen Erwerbspersonen“ im Landkreis Cham bleiben knapp 14 000 Menschen, die aktuell keine Arbeit wollen, Mütter mit Kindern zum Beispiel. Bei der Arbeitsagentur heißt dieses Potenzial auch die „stille Reserve“.

Kosten Mini-Jobs feste Arbeitsplätze? Dazu gibt es keine Zahlen bei der Arbeitsagentur.

Sprungbrett zum festen Arbeitsplatz? Auch dafür gibt es keine Chamer Zahlen. Nach einer bundesweiten Studie wechseln 17 Prozent der Mini-Jobber-Frauen in Vollzeitarbeit, 29 Prozent in Teilzeit mit 20 bis 34 Stunden, 24 Prozent werden wieder Hausfrau.

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