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Region Cham
Freitag, 24. November 2017 10° 5

Kultur

Kunstvolle Raritäten aus Papier

Im Wallfahrtsmuseum wurde am Wochenende eine ganz besondere Ausstellung zum 25-jährigen Bestehen eröffnet.
Von Helga Brandl

Kreisheimatpfleger Hans Wrba (Mitte) erklärte den Ehrengästen die Raritäten in den Vitrinen. Fotos: Brandl

Neukirchen b Hl Blut.Gefühlsbetonte Poesie verschmilzt mit permanenter Geduld und einer gehörigen Portion Fingerspitzengefühl zu faszinierenden Papier-Kostbarkeiten des 18. und 19.Jahrhunderts, denen eine eigene Ausstellung gewidmet ist, die bis zum 18. April zu den üblichen Öffnungszeiten im Wallfahrtsmuseum bestaunt werden kann. Romantische Lieder von Liebe und Freundschaft – bravourös vorgetragen von Tourist-Leiterin Anne Baumeister mit Gitarrenbegleitung durch Hermann Seitz – stimmten die große Gästeschar im voll besetzten Pflegersaal auf die Betrachtung dieser Schätze ein.

Winzige filigrane Muster, mit feinen Messern aus Pergament geschnitten, exakte Miniaturmalereien und rührselige Bekundungen bildeten eine Symbiose und verblüfften die beeindruckten Betrachter der mannigfaltigen Exponate. „Mit dieser 72. Sonderausstellung schließt sich nach 25 Jahren, die das Wallfahrtsmuseum bereits existiert, ein Kreis“, fasste Bürgermeister Markus Müller die Erfolgsgeschichte in Worte und erinnerte an das Jubiläum, welches im Sommer diesen Jahres groß gefeiert wurde.

Dank an die Besitzer der Exponate

Bürgermeister Müller dankte dem Leihgeber der aktuellen wertvollen Kostbarkeiten aus einer umfangreichen Privatsammlung für die Zur-Verfügung-Stellung vieler exzellenter Werke und Arbeiten, die man ansonsten kaum zu sehen bekommt. Die erste erfolgreiche Ausstellung 1993 handelte von Gebetbuchbildern und Andachtsgrafik, während die derzeitige Sammlung – ähnlich ausgerichtet – zusätzlich einen Bogen vom religiösen Andachtsbild zum biedermeierlichen Freundschaftsbillet spannt. Auch Wallfahrtsandenken und Devotionalien aus Mariazell, Pribram, Altötting und Neukirchen sind Thema der Ausstellung.

Kreisheimatpfleger Hans Wrba, Experte für Andachtsgrafik, erläuterte die Abfolge und den Inhalt der jeweiligen Exponate und blendete in die Zeit des Biedermeier vor 200Jahren zurück, als titelzierende Blättchen seinen Adressaten erreichten und das ausgeprägte Bedürfnis der Freundschaft ein Denkmal zu setzen, sich in Glückwunsch- und Andenkenblättern, in Poesiealben und Stammbüchern ausdrückte.

Heimatforscher Ludwig Baumann probierte die Mechanik einer vergrößerten Hebelzugkarte aus.

Würde der Titel der Ausstellung „Nur mit Lieb gedenk ich Dein!“ als Whats-App-Botschaft auf dem Display eines Handys erscheinen, würde das zwangsläufig beim Empfänger ein mitleidsvolles Lächeln hervorrufen. Anders in der damaligen Zeit, als man den Freundschafts- und Andenkenkult noch vom 18. Jahrhundert übernommen hatte – wie überhaupt das Bild biedermeierlicher Stimmung und Seelenkultur ein Erbstück des 18. Jahrhunderts sei. Graphische Bildchen allgemein, als Freundschafts- und Liebesgaben, meist religiösen Inhalts, hatten eine sehr lange Tradition, die bereits vom 15. Jahrhundert an bezeugt sind. Seine dekorative Ausgestaltung mit Füllhörnern, Blumengirlanden, Engelchen und Rocaillen liefert die Vorlagen für die neuartigen Glückwunschkarten. Im geistlichen Schenkbild des 18.Jahrhunderts vermischten sich Symbole religiösen und weltlichen Inhalts, und oft ergaben sich recht wunderliche Verquickungen himmlischer und irdischer Liebe.

Entwicklung des Museums

  • Ort:

    Das ehemalige Pflegschloss avancierte zum kulturellen Zentrum der Marktgemeinde, während das Wallfahrtsmuseum zur Perle in der Museumslandschaft wurde.

  • KiS:

    Die Veranstaltungsreihe „Kultur im Schloss“ lockte seitdem weit 100 000 Museumsbesucher in die umfassend erweiterte Sammlung, Aktionen für Kinder und Sonderausstellungen.

Davon konnte man sich beim Rundgang im Dachgeschoss überzeugen. Vom Geist der Aufklärung beeinflusst, stellten die Karten der Biedermeierzeit vielfach eine säkularisierte Form des Andachtsbildes dar, dessen religiöse Emblematik im klassizistischen Zeitstil verweltlicht wurde. Der Jesusknabe verwandelte sich in Amor, Heilige und Märtyrer wurden zu einfachen Namenspatronen und ihre Attribute deutete man in Freundschaftssymbole um.

Das breitgefächerte Sortiment umfasste schlichte auf Glanzpapier gedruckte Bilder bis zu luxuriösen, aus einer Vielzahl von Materialien zusammengesetzten Kunstbillets, Falt-, Hebelzug-, Dreh- und Transparentkarten, Verwandlungsstück, die ihre Geheimnisse erst auf den zweiten Blick offenbarten. Die lange Zeit wenig beachteten und als Kitsch abgetanen Dinge sind – wie sich die Besucher persönlich überzeugen können – nicht ohne Reiz.

Von Alben und Stammbüchern

Eine kurze Betrachtung war den Poesiealben und ihren Vorläufern, den Stammbüchern gewidmet. Wie ihr Name verrät, haben sie ihren Ursprung in den Stamm- oder Wappenbüchern des Adels. Hans Wrba zitierte eher harmlose Einträge, die das Publikum amüsierten. Vielfach sind die Stammbücher als kleine Bändchen angelegt und als Loseblattsammlung in einer Buchattrappe vereinigt. Um 1850 hat sich dann das Stammbuch fast unmerklich in das Poesiealbum – zunächst für „höhere Töchter“ - verwandelt, bis die Stammbuchsitte allmählich zu einer Gepflogenheit der Schulkinder wurde.

Beachtenswert sind bei diesem Wiener Kunstbillet die filigranen aufgesetzten Blüten samt Blattwerk.

Zum Abschluss der Eröffnung dankte Bürgermeister Müller allen, die zum Gelingen dieser Ausstellung beigetragen haben. Der ausgiebigen Besichtigung aller Papier-Kunstwerke beim Rundgang im Dachgeschoss schlossen sich ein Imbiss und interessante Gespräche an.

Die Öffnungszeiten im Wallfahrtsmuseum sind Dienstag bis Freitag von 9 bis 12 und 13 bis 17 Uhr sowie Samstag und Sonntag 10 bis 12 und 13 bis 16 Uhr. Vom 1. November bis 15. Dezember nur Dienstag und Freitag. Die Ausstellung kann bis April besichtigt werden.

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