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Gesundheit

Mensch – verspiel nicht dein Leben

Die Chamer Caritas plant eine neue Selbsthilfegruppe Glücksspielsucht. Ein Betroffener berichtet über seine Krankheit.
Von Claudia Peinelt

Ganz offen erzählt ein Klient von Claudia Streit über seine Spielsucht und seine Abstinenz. Fotos: cci

Cham.Spielsucht ist Kontrollverlust. Wer spielsüchtig ist, ist krank. Auf einer roten Leinentasche steht: „Verspiel nicht dein Leben“. Am Mittwochabend sitzt ein junger Mann im Zimmer der Fachambulanz für Suchtprobleme. Claudia Streit ist seit einigen Monaten seine Ansprechpartnerin. „Seit ich 18 Jahre bin, spiele ich. Mit 20 Euro habe ich angefangen, so hin und wieder“, erzählt der junge Mann. Er kommt gerade von der Arbeit und möchte mit Claudia Streit eine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht aufbauen. Er selber ist spielsüchtig, jedoch abstinent. 13 Wochen verbrachte er in der Fachklinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld in Hessen.

Bis es dazu kam, brauchte es etwas an Zeit und Einsehen. Er spielte Poker, bis zum Abwinken. Meistens in Tschechien. Man ist jung, hat kein Geld und ist gestresst von der Arbeit, Familie und hat vielleicht sonstige Probleme. „Da ist so ein Abend im Casino Abwechslung, man kommt runter“, so Thomas (Name geändert).

Jeden Tag ins Casino

Sein Umfeld wusste von seiner Spielsucht und seine Frau bat ihn immer wieder, nicht schon wieder zu spielen. „Doch dann zieht es dich wieder hinein, an die Tische, und dann gewinnst du auch noch. Mal mehr, mal weniger. Ich war soweit, dass ich jeden Tag in der Woche in die Tschechei bin.“

Eines Tages reichte es seiner Frau. Sie fuhr zu seinem Chef und erzählte ihm vom Problem ihres Mannes. „Mein Arbeitshandy klingelte und ich musste ins Chefbüro“, erzählt er und weiß heute, dass das der entscheidende Punkt war. Zusammen mit seinem Chef besuchten sie Claudia Streit in der Fachambulanz. „Es war bewundernswert, wie sich der Chef von Thomas für sein Problem interessierte und jegliche Hilfe zusicherte“, weiß Streit zu berichten. Thomas Begeisterung hielt sich damals noch in Grenzen. „Drei Tage nach dem Beratungstermin verzockte ich gleich mal 1600 Euro. Und da merkte ich schließlich, dass es so nicht mehr weiter gehen konnte“.

Streit kümmerte sich darum, dass der Spielsüchtige einen Platz in der Fachklinik in Bad Hersfeld bekam. Die Wartezeit betrug zwei Monate. Ab diesem Zeitpunkt spielte Thomas nicht mehr, versichert er beim Gespräch. Und dann kam der Tag, an dem er in die Fachklinik abreiste. Zwei kleine Kinder und eine Ehefrau ließ er zurück. In der Klinik angekommen, hieß es gleich mal zwei Wochen komplettes Ausgangsverbot und jegliches Besuchsverbot. „Am Anfang hasst du diese Klinik, doch jetzt im Nachhinein bin ich dankbar dafür was ich dort alles für Hilfestellungen bekommen habe“.

Die Selbsthilfegruppe

  • Fachambulanz

    Die Fachambulanz für Suchtprobleme gründet eine Selbsthilfegruppe für Glücksspielsucht. Bei Rückfragen steht Claudia Streit unter der Telefonnummer (0 99 71) 84 69 16 oder per Email info@suchtambulanz-cham.de zur Verfügung.

  • Start

    Beginn ist am 27. März von 18.30 bis 20 Uhr.

  • Treffen

    Jeden letzten Montag im Monat im Gruppenraum der Caritas-Geschäftsstelle Cham, Klosterstraße 13, Cham. Weitere Termine sind der 24. April, 29. Mai und 26. Juni.

  • Leitung

    Die Leitung hat Sozialpädagogin Claudia Streit, sie steht unterstützend den Gruppenmitgliedern bei.

  • Ziel

    Auf dem Weg aus der Glücksspielsucht kann die Begegnung mit ebenfalls Betroffenen die Möglichkeit bieten, sich durch offene Gespräche auszutauschen und sich gegenseitig im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe zu unterstützen. Es haben sich bereits fünf Klienten von Claudia Streit angemeldet.

  • Situtaion

    Glücksspiele werden vermehrt übers Internet angeboten. Dabei sieht die Gesetzeslage eindeutig solch ein Angebot nicht vor.

  • Krankheit

    Ein Mensch, der zu viel spielt, kann die Fähigkeit verlieren, sich zu entscheiden, ob er dem Glücksspiel nachgehen möchte oder nicht. Spielsucht ist eine Krankheit.

Farbige Karten zeigen dem Süchtigen dort auf, welche Stufe er in der Therapie erreicht hat. Am Ankunftstag erhält man eine blaue Karte, die man bis zum siebten Tag behält. Ab dem siebten Tag wechselt die Karte zu gelb und bedeutet, dass die Süchtigen mit einem Mitpatienten aus der eigenen Gruppe raus aus der Klinik dürfen, ab dem 15. Tag mit zwei Mitpatienten aus allen sieben Gruppen. Außerdem muss derjenige um 22 Uhr in der Klinik sein und es gibt keine Essensbefreiung. Bei der grünen Karte, die es ab dem 40. Tag gibt, darf der Patient bis 22 Uhr alleine raus und am Wochenende sogar bis 23 Uhr. Die rote Karte ist dann etwas kritisch. Wer diese bekommt, hat gegen die Regeln verstoßen und fällt eine Woche zurück. „Der schwierige Weg ist jedoch die Zeit nach der Therapie“, so Thomas. Jeder, der wieder spielen will, findet auch die Möglichkeit dazu. Der junge Mann erzählt, dass er in der Therapieklinik Bewältigungsstrategien gegen viele Stresssituationen beigebracht bekam.

Die Frau führt das Hauptkonto

Nach 13 Wochen ist er sicher, dass er nicht mehr spielen will. Er holt seinen Geldbeutel aus der Hosentasche, macht ihn auf und es sind 50 Euro darin. Seit er aus der Therapie zurück ist, hat er ein eigenes Konto mit einem eigenem Taschengeld.

„Meine Frau führt das Hauptkonto und das ist auch gut so. Trotz meiner Einsicht und meinem großen Willen, nicht mehr zu zocken, ist es immer noch schwierig, wenn ich größere Geldbeträge zur Verfügung habe“, erzählt Thomas ganz ehrlich. Und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist von großer Bedeutung für alle Abhängigen, erklärt Claudia Streit.

Thomas hat es geschafft und kann mit seiner Spielsucht umgehen. Er rührt keinerlei von Kartenspielen an und auch sonstige Spiele sind tabu für ihn. „Ich spiele lediglich mit meinen zwei Kindern Mensch ärgere dich nicht“, sagt er. Eine Selbsthilfegruppe findet er als große Stütze und als wichtig für den Erfahrungsaustausch.

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