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Region Cham
Donnerstag, 14. Dezember 2017 4

MZ-Serie

„Mir geht es gut“ – eine Lüge!

Domspatz Alexander Metz erzählt diesmal, warum man in einem Brief nach Hause nicht die ganze Wahrheit schreiben durfte.
Von Alexander Metz

1956: Domspatz Alexander im feschen Matrosenanzug Fotos: Metz

Cham.Schulunterricht war von Montag bis Samstag. Sonntags war kein Unterricht. Wir durften am Sonntag länger schlafen, bis 7 Uhr sogar. Um halb acht Uhr war Heilige Messe in der Hauskapelle. Immer zwei von uns mussten ministrieren. Davor hatte ich schreckliche Angst, weil ich mir die lateinischen Gebete nicht merken und sie auch nicht ohne Stocken aufsagen konnte.

Auch ging nicht in meinen Kopf, wann man stehen, wann man knien musste, wann man Wasser und wann Wein in den Kelch zu gießen hatte. Verfehlungen beim Ministrieren wurden manchmal auch direkt am Altar vor Gottes Antlitz bestraft, wie im Fall des Ache, der statt Wein Wasser in den Kelch gegossen hatte, und das nicht wenig.

Die Heilige Messe dauerte am Sonntag immer ganz besonders lange, weil der Herr Präfekt, der die Messe zelebrierte, jedes Mal eine ausführliche Predigt hielt. Und die galt es zu verinnerlichen, um sie am besten wortgetreu im Brief an die Eltern niederschreiben zu können. Briefe wurden zensiert.

Zum Frühstück gab es am Sonntag keine Semmeln, sondern eine dicke Scheibe Hefekuchen, für einen jeden von uns. Und Kaba. Den mochten wir lieber als den Malzkaffee, und darauf freuten wir uns. Der Herr Präfekt bekam am Sonntag keine Salzstange, die er genüsslich mit Butter bestrich und Bissen für Bissen genoss, sondern Hefekuchen wie wir.

Briefe, die nie ankamen

Nach dem Frühstück versammelten wir uns alle im Schulzimmer der vierten Klasse. Wir mussten nun einen Brief an die Eltern schreiben und ausführlich berichten, was wir in der Predigt gehört hatten.

Brief nach Hause aus dem Internat Fotos: Metz

Meinen ersten Brief schrieb ich an meine Mama, meine Pflegemutter, die ich so sehr vermisste, nicht ahnend, dass er bei ihr nie ankommen sollte. Der Herr Präfekt hatte ihn, wie von meinen Landshutern erwünscht, unterschlagen und an sie weitergeleitet. So war ich sicherlich ein undankbares Kind in ihren Augen; denn ich schrieb: Liebe Mama, mir geht es gut. Wie geht es Dir? Das war aber schon der erste Fehler, den ich beim Briefeschreiben machte. Der Herr Präfekt korrigierte: „Zuerst fragt man, wie es den Eltern und Geschwistern erginge. Und dann erst spricht man über sich selbst und schreibt, dass es einem gut geht.“

Dass es mir gut ging, war eine Lüge; denn ich hatte grausames Heimweh und schreckliche Sehnsucht nach meiner Mama. Ich hätte immer weinen können. Und ich hatte ständig Angst, irgendetwas falsch zu machen, etwas zu tun oder nicht zu tun, das dem Herrn Präfekten missfallen könnte. Nicht nur beim Ministrieren. Auch in der Schule ging es nicht mehr so gut wie in meiner alten Schule in Cham. Da hatte ich lauter Einser. Jetzt war ich oft wie gelähmt und hatte Angst, bei Tests und beim Abfragen zu versagen. Besonders schlimm war es, wenn ich einen Aufsatz schreiben musste.

Da ich nicht lügen durfte und wollte und bisher alles nur mit meiner Mama, meiner Pflegemutter, erlebt hatte, die ich aber nun aus meinem Leben streichen musste, versuchte ich in meinen Aufsätzen krampfhaft, Erlebtes auf meine echte Mutter zu übertragen, und das ging total schief. Wie hasste ich doch diese „Wie ich einmal“-Aufsätze!

„Einpassieren“ nannten es die Domspatzen, wenn sie ins Internat nach Regensburg kamen. Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Auch verstand ich es nicht, mich so gewählt auszudrücken, wie der Trauner Günter zum Beispiel, dessen Beschreibung vom Herbst mit dem „Ein Blatte trudelte vom Baume“ als Muster der feinen Ausdrucksweise vom Klassenlehrer hervorgehoben wurde. Ich kam halt aus ganz armen und einfachen Verhältnissen. Bei uns in Cham trudelte kein Blatt vom Baum. So ein Wort gab es bei uns schon gar nicht. Und die Blätter hat im Herbst der böhmische Wind gewaltsam heruntergerissen. Von wegen „trudeln“!

Die Predigt des Präfekten

Kaum hatte ich die ersten Zeilen meines Briefes zu Papier gebracht, da machte uns der Herr Präfekt darauf aufmerksam, dass wir auch über die Predigt zu schreiben hätten und ihm unsere Briefe offen im Kuvert übergeben müssten, damit er sie korrigieren kann. Er wollte nicht, dass Eltern und Geschwister den Eindruck bekämen, wir hätten nichts dazugelernt. Also schrieb ich, dem Auftrag des Herrn Präfekten gehorchend, an meine Mama: Heute hat der Herr Präfekt in der Heiligen Messe vom Kapitän gepredigt, der sein Schiff beim Untergang nicht verlassen wollte.

Eigentlich hätte ich schreiben wollen: Ich habe solche Sehnsucht nach Dir. Mein Herz ist schwer. Ich halte es hier nicht mehr aus ohne Dich. Es gibt für jedes Vergehen eine Strafe. Auch wenn es mich bisher noch nicht erwischt hat, habe ich dennoch ständig Angst. Ich malte meinen Brief an die Mama schön aus. Jede Buchstabenschleife wurde von mir mit einer Farbe gefüllt. Meine Briefmarken hatte ich in einem kleinen roten, ledernen Postkästchen, das mir die Tante Maja mitgegeben hatte, in der Hoffnung und der Erwartung, ich würde ihr jeden Sonntag in Liebe und Dankbarkeit einen Brief schreiben. Nun aber benutzte ich mit einem schlechten Gewissen die Marken für meine Mama in Cham. 20 Pfennig Portogebühr und eine 2-Pfennigmarke, das kleine, blaue Berliner Notopfer, die meine Mama immer mit dem Kommentar und wenig Spucke auf den Brief geklebt hatte: „Für de Saupreißn da obn in Berlin!“

Alle Teile zum neuen Buch „Der zerbrochene Engel“ von Alexander Metz finden Sie hier

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Es ist eine Ehre, Domspatz zu sein, sagte mein Gefühl. Und wenn du das nicht schaffst, ist alles aus. Dann bist du auch bei der Mutti und bei den Tanten in Landshut unten durch. Dann bist du verloren. So etwas wagte ich kaum zu denken; denn dann verschwamm in meinem Kopf alles zu einem undurchsichtigen Nebel, der in mir Panik auslöste. Nicht jeder Brief ging durch die Zensur des Herrn Präfekten. Meiner schon. Den Brief vom Jovankow hat er sogar zerrissen. Diesen Jungen mit dem komischen Namen mochte er nicht. Der gehörte auch zu den Bettnässern, die beim Abendessen nichts mehr zu trinken bekamen.

Ich schrieb auch noch einen zweiten Brief, an meine Mutti, meine echte Mutter, und an die Tante Maja:

Liebe Mutti, liebe Tante Maja,

wie geht es Euch? Mir geht es gut. Heute hat der Herr Präfekt in der Heiligen Messe vom Kapitän gepredigt, der sein Schiff beim Untergang nicht verlassen wollte ……

Die gute Schwester Adelheid

Die Schwester Adelheid war eine Nonne. Klein und zierlich von Statur. Ihre übliche Kleidung bestand aus einem langen, schwarzen Rock, schwarzen Strümpfen, schwarzen Schuhen und einer ebenso schwarzen Bluse, aus der ein weißer Kragen spitzte. Sie trug nicht die üblichen Drachenflügel einer geweihten Klosterfrau auf dem Kopf, sondern das Häubchen einer Novizin mit einem langen schmalen, gefalteten Tuch, eher einem Schal gleichend, der über Nacken und Rücken fiel und ihr Gesicht schmal und blass erscheinen ließ.

Der Autor und seine Bücher

  • Zur Person

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war Tochter aus einer Landshuter Brauerei, der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • Der versteckte Bua

    „Der versteckte Bua“: Das war der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheitserlebnisse der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • Der zerbrochene Engel

    „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966. Dabei sieht er sich nicht als Kronzeuge der Missbrauchsaffäre, die gerade aufgedeckt wurde. Metz sagt: „Ich will versöhnen, nicht anklagen“ Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und im Paperback( (11,99 Euro) erhältlich in Chamer Buchhandlungen.

Die Schwester Adelheid war eine liebevolle und gutmütige Frau von etwa vierzig Jahren oder auch jünger. Für Kinder sehen Erwachsene immer alt aus. Sie soll einmal eine Schauspielerin, ja sogar eine Filmschauspielerin, gewesen sein, sagte das Gerücht. Daran hatten wir auch keinerlei Zweifel, denn sie versuchte immer wieder, uns die klassische Bühnensprache eines Gustav Gründgens beizubringen. Und das meistens in unserer Freizeit, wenn wir auf der Wiese vor dem Internatsgebäude herumtollen wollten.

Sie schaffte es auch immer wieder, ein paar von uns einzufangen und in den Schulsaal Vier abzuschleppen. Dort setzte sie sich auf einen Tisch, um den sie Stühle für uns bereitgestellt hatte.

„Ned gschimpft is gnua globt“

„Klagönd sang dör altö Bardö, dass am Waldösrand ös laut wiedörhalltö“, musste ein jeder von uns rezitieren. Immer wieder. Das war nicht leicht. Nicht für die geduldige Nonne und schon gar nicht für uns, die wir die schlimmsten bayerischen Dialekte zu sprechen gewohnt waren. Ich redete damals total im Waldler-Dialekt mit den vielen „Aous“. Ein Bub war ein Baou und die Schuhe waren d‘ Schaou. Es gab viel zu tun für die gute Schwester Adelheid.

Trafen wir aber einigermaßen den Klang ihrer vorgegebenen Sätze, versäumte sie es nicht, einen jeden von uns zu loben. So etwas waren wir gar nicht gewohnt. Es galt in der Regel der alte Spruch „Ned gschimpft is gnua globt“. Und statt uns für dieses bisschen Liebe und Zuwendung dankbar zu zeigen, machten wir uns über die fromme Frau mit ihrem „altön Bardö“ lustig und rannten davon, so schnell wir konnten, wenn sie uns zum Sprechunterricht holen wollte.

Zu einer Signier- und Gesprächsstunde lädt Alexander Metz am 2. September in Cham ein. Er schreibt dazu: „Liebe Leser der Mittelbayerischen Zeitung, wenn Sie ein signiertes Buch erwerben wollen oder mich persönlich zu diesem Buch sprechen möchten, erreichen Sie mich am 2. September von 12 bis 13 Uhr in der Chamer Buchhandlung Baumeister in der Alrunastraße 3.“

Lesen Sie hier: Ein Chamer Domspatz, der „keine Wut“ hat – Alexander Metz kennen unsere Leser gut. In seinem zweiten Buch erzählt er von seiner Zeit als Regensburger Sängerknabe.

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