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Donnerstag, 18. Januar 2018 9

Hintergründe

Patchwork-Familie: Wer erbt wann?

Wenn Regelungen aus dem Jahr 1900 auf das Familienbild des 21. Jahrhunderts treffen, gilt es, den Durchblick zu bewahren.
Von Elke Nicole Kestler

In ihrer Kolumne verdeutlicht unsere Expertin anschaulich die Problematik, die sich ergibt, wenn Ehegatten in einer Patchwork-Familie ihre Erbrechtsnachfolge nicht aktiv regeln. Foto: Karolin Krämer/dpa

Cham.Der Familientyp „Patchwork“ ist auf dem Vormarsch. Ungefähr jede zehnte Familie mit Kindern ist heute zusammengewürfelt. Dann treffen erbrechtliche Regelungen aus dem Jahr 1900 auf das moderne Familienbild des 21. Jahrhunderts. Denn den gesetzlichen Regelungen zum Erbrecht liegt ein traditionelles Familienbild zugrunde, das von einer lebenslangen Ehe mit gemeinsamen Kindern ausgeht. In Anbetracht der Anzahl der Scheidungen wird eine lebenslange Gemeinschaft mehr und mehr zur Ausnahmeerscheinung. Zweitfamilien entstehen.

Das Gesetz kennt nur ein Erbrecht für leibliche Kinder und Verwandte oder miteinander verheiratete Personen. Stiefkinder, also die Kinder des neuen Ehepartners, werden gesetzlich nicht bedacht. Miteinander nicht verheirateten Partnern steht ebenfalls kein gesetzliches Erbrecht zu. Was passiert nun beim Tod, wenn keine letztwillige Verfügung vorhanden ist?

Die leiblichen Kinder

Elke Nicole Kestler Foto: Archiv, wim

In die Zweitehe bringt jeder Partner ein Kind aus einer früheren Beziehung mit. Aus der neuen Beziehung gehen weitere zwei Kinder, K1 und K 2, hervor. Stirbt der Mann, ohne ein Testament zu hinterlassen, erben seine Frau, K1 und K2 sowie das leibliche Kind des Mannes aus der ersten Ehe. Das Kind der Ehefrau aus erster Ehe erbt nichts. Waren die Partner nicht verheiratet, dann erben ausschließlich die leiblichen Kinder des Verstorbenen.

Unsere Expertin

  • Elke Nicole Kestler:

    Unsere Autorin ist Rechtsanwältin und Fachanwältin für Erbrecht.

  • Kontakt:

    Kanzlei Waldmünchen, Obere Bräuhausstraße 1, 93449 Waldmünchen, Telefonnummer (0 99 72) 30 03 69 0, Faxnummer (0 99 72) 30 03 69 50 0, E-Mail-Adresse buero@anwalt-kestler.de . Die Internetseite ist unter www.anwalt-kestler.de zu finden.

  • Telefonische Erreichbarkeit:

    Montag bis Freitag von 8.30 bis 12.30 Uhr sowie von 13 bis 16 Uhr

Dieses Beispiel verdeutlicht anschaulich die Problematik, die sich ergibt, wenn Ehegatten in einer Patchwork-Familie ihre Erbrechtsnachfolge nicht aktiv regeln. Wollen die Ehegatten sämtliche Kinder in gleichem Maße bedenken, müssen sie handeln und ihren Willen in einem Testament niederlegen.

Oft wollen sich die Ehegatten zunächst einmal gegenseitig als Alleinerben einsetzen und Kinder erst im zweiten Todesfall bedenken.

In einer Familie, die dem herkömmlichen Familienbild entspricht, wird häufig die Form des sogenannten Berliner Testaments gewählt. Das liegt daran, dass die Ehegatten sich zumeist erst einmal gegenseitig absichern möchten und den Kindern erst dann alles zuwenden möchten, wenn auch der überlebende Ehegatte verstorben ist.

Das Vater- oder Muttergut

Die leiblichen Kinder des jeweils verstorbenen Ehegatten sind dabei beim ersten Erbfall enterbt. Ihnen steht dann vom Gesetz der Pflichtteilsanspruch zu, das sogenannte Vater- oder Muttergut. Meist sind es die Kinder, die nicht aus der gemeinsamen Ehe stammen, die ihren Pflichtteil unverzüglich einfordern. Ist nun der länger lebende Ehegatte nicht in der Lage, diesen Pflichtteil finanziell aufzubringen, so sieht er sich der Gefahr gegenüber, beispielsweise das Familienheim oder andere Besitztümer, die die Familie nicht verlassen sollen, veräußern zu müssen. Diese Zwangslage gilt es vorrangig zu vermeiden.

Haben die Ehegatten unterschiedlich viele Kinder mit in die Ehe gebracht, möchten aber sämtliche Kinder im Schlusserbfall mit derselben Quote bedenken, erhalten die leiblichen Kinder möglicherweise eine Erbquote, die die Pflichtteilsquote unterschreitet. Dann besteht ein Anspruch auf Aufstockung bis zur Höhe des Pflichtteils.

Übrigens: Auch einem Stiefkind stehen dieselben erbschafts- und schenkungssteuerlichen Freibeträge wie einem leiblichen Kind zu, wenn der Stiefelternteil ihm Vermögen in einem Testament zuwendet.

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