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Region Cham
Dienstag, 21. November 2017 7

Viechereien

Samtpfötchen und harte Bandagen

Die Gemeinde Arrach hat eine Preiserhöhung der Tierfreunde Bad Kötzting in den falschen Hals bekommen und kündigt Verträge.
Von Johannes Schiedermeier

Die Betreuung von Katzenbabys ist extrem aufwendig und überfordert die Gemeinden. Die Katzenhilfe Höhhof hat mit Inge Semmelbauer eine Spezialistin, die auch Katzenkinder ohne Mutter groß kriegt.Foto: Schiedermeier

Landkreis.Der Ton zwischen den Gemeinden und den Tierschützern kann schrill werden, wenn es ums Geld geht. Schlagzeilen machten bis vor kurzem noch die Gemeinden Falkenstein und Traitsching, die sich wegen teurer Fundkatzen mit den zuständigen Schutzorganisationen stritten.

Nun hat die Gemeinde Arrach wegen ihrer Samtpfötchen härtere Bandagen angezogen. Bürgermeister Sepp Schmid riet seinen Gemeinderäten, einer Verteuerung der Pauschalen nicht zuzustimmen. Das Gremium folgte dem Vorschlag einstimmig. Der Tierfreundekreis hatte die bis 31.12. gültige Vereinbarung mit neun Gemeinden fristgerecht aufgekündigt und gleich neue Verträge beigelegt. Darin stiegen die Preise von 25 auf 75 Cent pro Einwohner, oder alternativ bei Anwendung einer Fallpauschale von bisher 62 Euro auf 120 Euro pro Fundkatze.

„Das ist nicht vermittelbar!“

Bürgermeister Sepp Schmid hält die Kosten für nicht mehr vermittelbar. Er will in seinem Bauhof einen Zwinger errichten lassen. „Ich habe selbst Hunde und wir haben den alten Zwinger niedergerissen und werden nun neu bauen. Dabei lassen wir uns vom Veterinäramt beraten“, sagt Schmid auf Anfrage unseres Medienhauses.

Und das rentiert sich dann? Darum geht es momentan offensichtlich gar nicht. Schmid sagt, dass man in einer Gemeinde, die bei 2000 Euro für den Kindergarten jeden Cent umdreht, eine Zahlung von gut 1800 Euro wegen ein paar Fundkatzen pro Jahr nicht vermitteln könne.

Auch der Vorsitzende des Tierschutzvereins Cham, Jörn Hund, verlangt von den Partnergemeinden eine Fallpauschale pro Fundkatze von 120 Euro. Ausnahmen sind verletzte Tiere, bei denen hohe Tierarztkosten auflaufen.Foto: ck

Hintergründig geht es aber auch um die Art und Weise, wie die Sache gelaufen ist. „Wir haben auf Anfrage ein paar Schmierzettel zugefaxt bekommen. Angefordert hatten wir die Nachweise für die letzten drei Jahre“, sagt Schmid. Der Vorsitzende des Tierfreundekreises, Wilfried Oexler, habe kurz nachdem die Entscheidung im Gemeinderat gefallen sei, die Geschäftsleitende Beamtin angerufen, und ihr gesagt, dass er das Veterinäramt einschalten werde. „Das hat er inzwischen auch getan“, sagt Schmid.

Der Bürgermeister ist sauer. Er fühlt sich unter Druck gesetzt und hat nun auch seine private Mitgliedschaft gekündigt. „Da wird man schon angeschwärzt, obwohl der Vertrag noch das restliche Jahr läuft. Das kommt bei mir als Erpressungsversuch rüber.“ Schmid räumt ein, dass der Vertrag mit den Tierfreunden wohl über die Jahre zu einer gewissen Vollkasko-Mentalität unter den Bürgern geführt habe. „Früher hatten wir ein bis zwei Fundkatzen pro Jahr. Heute haben wir zehn bis zwölf“.

Tierschutz-Regelungen im Landkreis Cham

  • Die Anfänge:

    Die Streit um die Zuständigkeiten im Tierschutz hat eine lange Tradition. Einst hatte der Landkreis Cham das – obwohl er dafür nicht zuständig war – mit einem Zuschuss von 12 000 Euro pro Jahr an den Chamer Tierschutzverein geregelt. Eigentlich wäre das Sache der Gemeinden. Das klappte so lange, bis einige Gemeinden ausscherten.

  • Die Lösung:

    Seit einigen Jahren sind die 39 Gemeinden nun wieder selbst zuständig für die Tiere, die in ihrem Bereich aufgefunden werden.

  • Der Streitpunkt:

    Wenn es zu Streitigkeiten kommt, geht es meist immer um dieselben Probleme. War es ein Fundtier? War es nur herrenlos? Im zweiten fall wäre die Gemeinde nicht kostenpflichtig.

  • Das Urteil:

    Seit einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes im März 2016 ist zumindest die Vorgehensweise klar geregelt. Die Richter vertraten die Auffassung, dass der Finder das Tier bei der Gemeinde abgeben muss. Eine reine Information des Tierheimes an die Gemeinde sei nicht ausreichend. Das Urteil wurde aber nicht rechtskräftig, weil der Deutsche Tierschutzbund Revision eingelegt hatte.

  • Der Status quo:

    Momentan haben die meisten Gemeinden die Angebote der Tierschutzorganisationen im Landkreis angenommen. Sie liefern die Fundkatzen gegen eine Pauschale von 120 Euro bei der Katzenhilfe Höhhof, oder beim Tierschutzverein Cham ab. Die Tierfreunde Bad Kötzting boten denselben Service bis vor kurzem für 25 Cent pro Einwohner, oder 62 Euro pro Katze an. Die jetzt geplante Erhöhung auf 75 Cent pro Einwohner oder 120 Euro hat eine Kontroverse mit der Gemeinde Arrach ausgelöst. Dort beschloss man – wie manche anderen Gemeinden – das Problem mit einer eigenen Unterbringung im Bauhof zu lösen.

„Der Vorsitzende Oexler hat angerufen und gefragt, ob die Gemeinde das darf“, bestätigt Friedrich Schuhbauer. Der Pressesprecher des Landratsamtes sagt auch gleich die Antwort der Oberen Baubehörde: „Die Gemeinde darf das, aber sie muss sich an die bekannten tierschutzrechtlichen Auflagen halten.“

Tierfreund Oexler: „Blöd gelaufen!“

Der Vorsitzende des Tierfreundekreises Bad Kötzting hat schon eine fertige Stellungnahme zuhause auf dem Tisch liegen: „Über die schlaf ich nochmal, wenn das alles schon so hochkocht“, meinte er. Seine Ansicht: „Das ist blöd gelaufen.“ Er habe bisher Rückmeldungen von zwei Gemeinden. „Eine hat die 75 Cent akzeptiert. Die andere will 50 Cent pro Einwohner zahlen.“ Von einem Erpressungsversuch könne keine Rede sein. „Es geht es doch nur darum, dass wir mit anderen Tierschutzorganisationen gleichziehen wollen, weil wir bei den Unkosten pro Katze momentan privat drauflegen.“ Natürlich gebe es die Informationen über die letzten drei Jahre: „Da steht auch alles drin. Es war mir nur zu blöd, 30 Seiten auf das Fax zu legen und das noch so kurzfristig.“

Oexler warnt die Gemeinden vor der Annahme, dass es mit Aufnahme, Fütterung und Versorgung getan sei. „Katzen kann man nicht bei Minusgraden im Zwinger halten. Ist da wirklich jemand 24 Stunden im Bauhof verfügbar? Wer kümmert sich um die Bürokratie, um Weitervermittlung, Kastration, Fütterung, Fahrt zum Tierarzt ...?“

Oexler möchte den Brand nicht mit Benzin löschen. Er ist bereit, in jedem Gemeinderat Rede und Antwort zu stehen. Und was Arrach betrifft? „Ich bin selten so gründlich missverstanden worden. Das müssen wir wohl in einem Vier-Augengespräch ausräumen“, kündigt er an.

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