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Region Cham
Freitag, 15. Dezember 2017 4

Bildung

Selbstkontrolle statt Handy-Sucht

Schulklassen im Landkreis Cham gesucht für Projekt „Handyfreie Woche“. Es soll klar machen, dass man vorsichtig sein muss.
Von Steffi Bauer

Schüler am Handy – heute eine alltägliche Sache. Doch die Technik kann zur Sucht werden. Foto: dpa

Cham.„Jetzt gehst du zum Festnetztelefon und wählst die Nummer.“ – „Ja, und dann?“ – „Dann sagst du einfach, was du sonst in der WhatsApp-Nachricht schreiben würdest.“ Erst muss die Mutter des Achtklässlers ein bisschen schmunzeln, weil er ganz offensichtlich noch nie ein normales Telefonat geführt hat. Später kommt sie dann doch ins Grübeln, wie viel sich innerhalb einer Generation in der Lebenswelt von Jugendlichen geändert hat.

Aber wie kam ihr Sohn eigentlich in diese Lage – Smartphone weg und damit die Möglichkeit, unterwegs einen Facebook-Post zu teilen oder eine Nachricht via WhatsApp zu verschicken, stattdessen dazu gezwungen, auf diesen unbeweglichen Telekommunikations-Dinosaurier, das Festnetztelefon, auszuweichen?

Das „Heiligste“?

Auch wenn es ihn vor ganz neue Herausforderungen stellte, zum Beispiel bei der Vereinbarung von Verabredungen: Dass der Achtklässler sieben Tage lang auf sein Heiligstes, sein Handy, verzichtete, war keine Strafmaßnahme, sondern eine freiwillige Entscheidung.

Er hatte sein Smartphone an Birgit Zwicknagel vom Verein der „Computermäuse Stamsried“ übergeben, die das Projekt „Handyfreie Woche“ im Rahmen eines Workshops für mehr Medienkompetenz an seiner Schule durchführte. Ein ganzes Jahr lang hatten die Mitglieder des Vereins suchen müssen, um überhaupt eine Klasse zu finden, die teilnehmen wollte. Im Mai startete dann das Projekt zusammen mit einer achten Klasse an einer Mittelschule in Ostbayern. Allerdings: Von den insgesamt 20 Schülern ließen sich überhaupt nur elf auf das Experiment ein, und als es dann ernst wurde, waren nur noch neun – acht Jungen, ein Mädchen – bereit, ihr Handy abzugeben. Und das, obwohl es die Option gab, dieses zurückzufordern, falls die „Schmerzgrenze“ früher erreicht werden würde.

Ein Schüler hielt es dann auch tatsächlich nicht aus: „Ich kann ohne mein Handy nicht leben“, sagte er zu Birgit Zwicknagel, als er es sich nach drei Tagen wieder bei ihr abholte. Die restlichen acht hielten durch – auch wenn es ihnen ganz offensichtlich sehr schwer fiel, das dokumentierten sie anhand eines Tagebuchs.

Großes Suchtpotenzial

Besonders zu knabbern hatten sie daran, sich nicht mehr mit Freunden über WhatsApp austauschen zu können, sich nicht mehr „Up to date“ oder sogar ausgegrenzt zu fühlen. „Gerade letztere Aussage zeigt mir, wie viel Suchtpotential in diesem Medium tatsächlich steckt“, stellt Birgit Zwicknagel fest.

Die Handysucht existiere, werde allerdings totgeschwiegen. Und das in Zeiten, in denen viele das Smartphone schon zur Einschulung, spätestens aber zur Kommunion auf dem Gabentisch liegen haben. „Teilweise verbringen die Schüler ihre Nächte am Handy oder auch am Laptop und sind dann tagsüber komplett übermüdet.“ Einigen Schülern war während des Experiments langweilig ohne ihr Handy. So langweilig, dass sie im Haushalt mitgeholfen, ja sogar den Rasen gemäht haben – was, wie eine Mutter betonte, bis dato noch nie vorgekommen sei.

Auch wenn die Teilnehmer angaben, dass die Tage länger waren und sie viel mehr Zeit im Freien verbracht haben, die Erleichterung war natürlich schon groß, als sie ihr Mobiltelefon nach einer Woche endlich wieder in den Händen halten konnten. Ein Schüler allerdings notierte in das Tagebuch, er habe erst ohne Handy gemerkt, unter welchem Druck er ständig gestanden habe – und er überlege, gleich noch eine Woche dranzuhängen. Im Nachhinein gaben alle Teilnehmer zu, nicht wirklich etwas verpasst zu haben in der handyfreien Zeit. Und noch etwas ist bemerkenswert: Die Matheprobe, die in der handyfreien Woche geschrieben wurde, fiel bei einigen der Teilnehmer deutlich besser aus als frühere Arbeiten.

Suche nach Freiwilligen

„Es war ein sehr aufschlussreiches Experiment“, stellte Birgit Zwicknagel nach der Auswertung der Tagebücher fest. Sie möchte das Projekt im neuen Schuljahr an einer oder mehreren Schulen im Landkreis Cham wiederholen, hat allerdings bisher noch keine Klasse gefunden, die mitmacht. „Es wäre sehr interessant, wie die Ergebnisse aussehen, wenn sich mehr Schüler beteiligen, gerne auch aus verschiedenen Schularten und Jahrgangsstufen.“

Um für die Schüler einen zusätzlichen Anreiz zu schaffen, soll es ein kleines Dankeschön fürs Mitmachen geben, zum Beispiel einen Tag in einem Freizeitpark, bei dem man Zeit mit der Familie und Freunden verbringen kann. Der gemeinnützige Verein sucht noch nach einem Sponsor, der die Kosten dafür übernehmen könnte.

Probleme mit dem Verzicht?

Das Ziel des Projekts sei übrigens nicht, sagt Birgit Zwicknagel, ohne Handy auszukommen, sondern kontrollierter damit umzugehen. „Spätestens wenn ein Schüler bei diesem Experiment nicht mitmachen will, muss man leider davon ausgehen, dass er ein Problem hat, was sein Verhältnis zu diesem Medium betrifft“, sagt sie.

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