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Region Cham
Donnerstag, 18. Januar 2018 9

Aktion

Stottern – der Kampf um jede Silbe

Am 22. Oktober ist Welttag des Stotterns. Eine Patientin der Chamer Logopädin Theresa Nothaas erzählt von ihrem Alltag.
Von Claudia Peinelt

Die Logopädin Theresa Nothaas behandelt in ihrer Praxis einige Menschen, die Hilfe gegen das Stottern suchen. Foto: Peinelt

Cham.Marylin Monroe stotterte, Bruce Willis als Kind ebenfalls. Bei uns in Deutschland ist wohl „Der Graf“, Sänger der Band Unheilig, das prominenteste Beispiel. „Für einige Zeit verweigerte er das Sprechen fast vollständig“, hieß es einmal in einer Pressemitteilung dazu. Seine Lehrer rieten ihm damals sogar, keinen Beruf zu ergreifen, in dem er viel Kontakt zu Menschen hat.

In der Praxis von Theresa Nothaas sitzt Simone (Name geändert), sie 31 Jahre alt. Sie ist etwas nervös und hat ganz schwitzige Hände, als sie die Reporterin begrüßt. Nach einem kurzen Gespräch, indem ihr versichert wird, dass weder Foto noch Name veröffentlicht wird, wird sie ruhiger und als Außenstehender würde ich sie nicht als Stotterer bezeichnen. Simone fängt an zu erzählen – und man merkt ihr an, dass sie sich bemüht nicht ins Stottern zu geraten.

Das Sprechen vermeiden?

Hollywoodstar Bruce Willis hat als Kind gestottert und ist dadurch zum Theater gekommen. Im Interview sagte Willis, er habe als Kind unter Stottern gelitten. „Aber es hat mich zum Theater gebracht. Denn ich fand heraus, das ich nicht stottere, wenn ich auf einer Bühne stehe.“ So sei Stottern Auslöser seiner Karriere gewesen. Foto: dpa

Bereits in der ersten Klasse hatte Simone diese Beeinträchtigung. Doch da störte sie selber es noch nicht so. Freilich hänselten die Mitschüler sie da ab und zu und machten sich lustig, wenn sie wieder einmal nicht sofort ihren Namen sagen konnte, oder ihr beim Vorlesen das Wort einfach nicht über die Lippen gehen wollte. Doch zu einem richtigen Problem, wie sie sagt, wurde das Stottern erst, als sie mit 17 eine Lehre als Zahnarzthelferin begann.

Das Gehirn speichert die negativen Erfahrungen, die gemacht werden. „Mit der Zeit vermeidet man Telefonate, Small Talk gibt’s fast überhaupt nicht und besonders schwierig wird es für mich, wenn viele Leute da sind“, erzählt die 31-Jährige. Das Stottern bedeute für sie eine ziemliche Einschränkung im Leben.

Was die tatsächliche Ursache dafür ist, sei bis heute unzureichend geklärt, sagt Logopädin Theresa Nothaas. Bekannt sei, dass die Ursache aus genetischen, neurologischen und psychologischen Faktoren bestehe. „Stotterer sind nicht schlechter darin, beim Sprechen die passenden Wörter zu finden. Beeinträchtigt ist die Fähigkeit, die beabsichtigen Worte adäquat auszusprechen“, erklärt Nothaas.

Noch ein Star des Stotterns: In The King’s Speech von Regisseurs Tom Hooper aus dem Jahre 2010 spielt Colin Firth den britischen König Georg VI. darstellt. Der König stottert, was ein großes Problem ist. Er begibt sich in die außergewöhnliche Behandlung eines außergewöhnlichen Sprachtherapeuten der ihm hilft. Foto: dpa

Das bestätigt ihre Patientin. Sie erzählt ein Beispiel. Es sei noch gar nicht lange her, da sei sie mit einer ganzen Gruppe beim Essen gewesen. Sie hatte sich ein Gericht ausgesucht. „Bis die Bedienung zu mir kam, dauerte es etwas und ich wurde immer unsicherer, ob ich das Gericht, das ich mir ausgesucht hatte, auch aussprechen konnte. Als die Bedienung bei mir war, bestellte ich mir aus Angst, dass ich ins Stottern komme, etwas anderes“. Simone erzählt weiter: „Beim Stottern gerät mein Redefluss ins Stocken. Ich hänge wiederholt an einem Wort fest, was sich in Lautwiederholungen, Dehnungen oder völliger Blockaden äußert. Ich weiß zwar genau, was ich sagen möchte, kann das Wort aber nicht aussprechen“. Jemand, der davon nicht betroffen sei, könne sich nicht vorstellen, wie peinlich dies sein könne.

Individuelle Probleme

Der Welttag des Stotterns ist seit 1998 immer am 22. Oktober eines jeden Jahres. In Deutschland wird der Tag genutzt, um mit Aktionen Aufmerksamkeit für die Schwierigkeiten, die jeder einzelne Stotternde bewältigen muss, zu schaffen. Er bietet Gelegenheit, gehört und gesehen zu werden (Mehr dazu: <a target="_blank" id="d136100e369" href="http://www.bvss.de" title="">www.bvss.de</a>).

Doch kein Stotterer ist wie der andere. Das bestätigt die Logopädin. „Jeder Stotternde stottert anders und in den unterschiedlichsten Situationen. Zusätzlich zu dieser Sprechbehinderung könnten andere Auffälligkeiten zum Vorschein kommen. Dazu zählen zum Beispiel sprachliche Phänomene wie der Einsatz von Füllwörtern sowie nicht sprachliche Erscheinungen wie Blinzeln, Zittern der Lippen, Mitbewegen der Gesichts- und Kopfmuskulatur, Schwitzen oder eine veränderte Atmung. Simone kann davon ein Lied singen. Beim Singen jedoch wird fast nie gestottert.

„Re-re-rehhhlein“ – der deutsche Schauspieler Hajo Knut Hinz machte als Hajo Schulz mit seinem Stottern in der ARD-Kultserie „Lindenstraße“ die Probleme des Sprachfehlers einem breiten Publikum bekannt. Mit dem gestotterten Rehlein sprach er dabei seine Serien-Lebensgefährtin Berta Griese an. Foto: dpa/WDR

Die Patientin erzählt davon, wie sehr ihr eine Intensivtherapie geholfen habe. Sie durfte zwei Wochen lang keinen Kontakt zur Familie haben. Dies sollte helfen, sich auf sich selbst zu konzentrieren. „Man lernt eine flüssige Sprechweise, Symptome werden bearbeitet und Sprachtechniken erlernt, begleitend erhält man nützliche Tipps zur richtigen Atemtechnik“, erklärt Simone. „Mitmenschen reagieren sehr unterschiedlich auf so eine Beeinträchtigung. Manchmal tut ihre Reaktion weh. Mir wäre manchmal lieber, sie würden mich auf mein Stottern ansprechen, anstatt es zu belächeln. Und noch etwas: Stottern hat mit Intelligenz nichts zu tun“, betont die 31-Jährige. Theresa Nothaas ergänzt noch, dass im Übrigen mehr Männer als Frauen stottern – warum, weiß keiner.

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