mz_logo

Region Cham
Mittwoch, 22. November 2017 3

Reportage

Tausend Tode fürs Leben im Mittelalter

Jedes Jahr nehmen rund 1500 Lagernde beim Cave Gladium allerhand auf sich – auch unser Reporter Johannes Schiedermeier.
Von Johannes Schiedermeier

Ob Hitze oder Schlammschlacht – auf dem Schlachtfeld im Mittelalterlager ist immer was los. Fotos: Schiedermeier

Furth im Wald. Gerade haben wir noch über den orangeroten Schein der Fackeln vor dem Zelt geredet, bei einem Becher Wein, untermalt vom Wetterleuchten rund um das Chambtal. Da fegt aus der völligen Windstille eine Böe durch die Zelte. Die Sonnensegel der Nachbarlager werden eingerissen, Teller und Pfannen scheppern durch die Gegend. All die eben noch honorig tafelnden Mitglieder von Merlins Tafelrunde stürzen ins Freie. Von den eben noch idyllisch leuchtenden Fackeln stieben in wildem Flug die Funken. Das Feuer und die Glut werden mit zwei großen Wasserkannen abgelöscht. Jeder verwendet, was ihm gerade in die Finger kommt. Eine Pfanne, Lederstiefel und ein Vorschlaghammer erdrücken die Glut im Gras.

Wetterleuchten über dem Cave Gladium

Eine zweite und dritte Böe ziehen die ersten Zeltheringe. Überall im Lager hallt das Klopfen der Hämmer. Minuten später ist der Spuk vorbei. Aus den Lagern tönen wieder Lieder. Irgendwo spielt ein Dudelsack. Es beginnt wie aus Kübeln zu regnen. Drinnen in den großen Zelten wird weiter das Mittalalter gefeiert, untermalt vom dumpfen Prasseln der Regentropfen – Cave-Zeit.

„Wieso tut Ihr das?“

99,5 Kilo in Stiefeln und Kleidung – in voller Rüstung bringt es der Ritter Johannes Schiedermeier auf 130 Kilo Kampfgewicht. Fotos: Schiedermeier

Alljährlich stehen etwa 300 Zelte mit rund 1000 Lagernden im Chambtal, wenn der Ruf erschallt: „Cave gladium! – Hüte Dich vor dem Schwert!“ Dann brennen nächtelang Fackeln und Feuer. Es wird gespielt, gesungen, geschmiedet und gekämpft. Vom Wetter hat sich in all den Jahren noch niemand aufhalten lassen. Man kennt sich, man hilft sich. Es wurden schon große Schlachten geschlagen bei 30 Grad und der Weg zu den Marktständen führte schon durch tiefen Schlamm. Doch viele kommen immer wieder. „Wieso tut Ihr das?“, fragen uns Freunde bei einem Besuch im Zelt. Ganz ehrlich? – Es gibt Momente, da fragen wir uns das auch. Zum Beispiel, wenn wir drei Stunden lang Stefans „Gurke“ aufgeladen haben, einen wunderschönen alten Daimler, der seit Jahren all unsere Zelte, Töpfe und Ausrüstung von Roding nach Furth fährt. Dafür braucht er eine dreiviertel Stunde, aber er kommt immer. Bis alles steht und jedes Zelt eingeräumt ist, vergeht ein halber Tag. Wieso tun wir das?

Der Zeltaufbau beim Cave Gladium

Merlin – Hüter des Gralszeltes. Kurz darauf tafelt die Runde fröhlich bei Kerzenschein. So ist Cave.Fotos: Schiedermeier

Vielleicht für diesen Moment, in dem wir alle bei Kerzenschein und einem Glas Wein Reh in Salzkruste verspeisen, während draußen der Feuerkorb leuchtet und der Dudelsack spielt. Wenn Nachbarn zu Besuch kommen, oder Freunde auf ein Bier. Vielleicht auch, weil wir so gern bei einer Marktrunde in den Schaffellen und Rüstungen stöbern.

Spaß bei der Küchenschlacht Fotos: Schiedermeier

Gemeinsam kochen, gemeinsam Küchendienst, keine Handys. Zumindest keine, die nicht gut versteckt wären. Vielleicht machen wir das ja auch deswegen, weil jeder auf dem Cave auf seine Weise spinnen darf. Es gibt Leute, die spinnen tatsächlich. Andere schnitzen, schmieden oder drechseln.

Am Freitag Windböen und kübelweise Regen, Samstag 28 Grad. Auf dem Schlachtfeld treffen sich die Roten, Grünen, Blauen und Orangen. Ubos Söldner organisieren das alte Motto „Schöner sterben in Furth“ heuer einmal ganz anders. Es sind diesmal nicht die beiden altbekannten langen Schlachtreihen und die zusammengeschweißten Kampfverbände, die aufeinander losgehen. Diesmal wird bei der Anmeldung eine Farbe zugelost. Jeder Ritter muss einen Haftungsausschluss unterschreiben. Denn auch, wenn die zwei Millimeter dicken Schlagkanten der Schwerter eine Münze balancieren können – es muss nicht immer scharf sein, um wehzutun.

Die Feldschlacht beim Cave Gladium

130,9 Kilo wiegt der komplette Ritter.Fotos: Schiedermeier

Nun ist er da, der Moment, in dem ich mich frage, warum ich das mache. In der Mittelalterkleidung bringe ich 99,5 Kilo auf die Waage. Jetzt kommen Schienbein- und Knieschoner, Tiefschutz, ein schwerer lederner Schlagschutz für den Oberkörper, Kettenhemd, Helm und Panzerhandschuhe. Am Ende greife ich mir Schild, Schwert und Speer und wiege 130,9 Kilo. Jetzt nur noch kämpfen. Wenn man alles eine Zeit lang trägt, spürt man es nicht mehr – ehrlich! Erst am nächsten Morgen beim Aufstehen …

Eine Schlacht unter Freunden

Wir kommen als Freunde und gehen als Freunde – so lautet heuer das Motto der Feldschlacht. Die Ubos haben sich einiges einfallen lassen. Meine Blauen sind heute etwas ausgedünnt. Wir sind nur vier. Die Roten haben rund 20 Ritter. Orange und Blau sind auch einige mehr. Jede Gruppe muss eine Karte ziehen. Bei uns steht: „Vernichte Rot!“ Ich formuliere es mal so: Wir haben nicht gesiegt. Aber wir hatten jede Menge Spaß.

Das Cave Gladium

  • Die Veranstaltung

    Das Cave Gladium ist ein Mittelalterlager vor den Toren von Furth im Wald mit rund 300 zelten und etwa 1500 Lagernden jedes Jahr.

  • Der Hintergrund

    Historisch erinnert das Lager an die geschlagenen kaiserlichen Truppen nach der Schlacht bei Taus, die vor Furth im Wald lagerten.

  • Das Umfeld

    zum Mittelalterlager gehören neben den 300 Zelten der Lagernden auch 100 Marktstände und ein Bereich mit Bühnen und Bewirtung.

Gewöhnungsbedürftig war auch das Gefühl, als mir mit den Worten: „Du hältst das schon aus“, der VIP-Kranz auf den Helm gesetzt wurde. Meine 40 Leibwächter sollten mich gegen die 40 Bösewichte verteidigen, die auf uns zukamen. Wenn ich ihre Fahne erreiche, haben wir gewonnen. Nett, wenn alle nur ein Ziel haben: dir eine überzubraten. Unser Trick – zu fünft durchbrechen. Der Rest hält die Bösewichte auf. Soweit die Theorie.

In der Praxis krachen wir sehr zuschauerfreundlich in die feindlichen Schilde und brechen durch. Zwei Meter vor der Fahne häufen sich dann die Toten. Ich lebe noch, der unter mir kaum noch. Das nützt aber nichts, weil auf mir noch zwei Tote liegen und gerade für die Zuschauer schöner sterben, während für mich die Fahne unerreichbare 20 Zentimeter entfernt ist. Dann macht ein Speer das Licht aus. Wie gesagt: Wir hatte unendlich Spaß. Deswegen machen wir das. Jeder spinnt auf seine Weise.

Dann heißt es abbauen, aufladen, verstauen. Stundenlang. Wieso tun wir das? Ganz ehrlich? Keine Ahnung! Aber wie sagte die beste Edelfrau von allen beim Abschied zu den Nachbarn: „Bis nächstes Jahr!“ Na dann.

Lesen Sie hier: Seit 15 Jahren gibt es das Cave Gladium in Furth. Auch dieses Jahr schrieb das Historien-Fest selbst wieder Geschichte.

Weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham lesen Sie hier

Erhalten Sie täglich die aktuellsten Nachrichten bequem via WhatsApp auf Ihr Smartphone. Alle Infos dazu finden Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht