„Zwei Herzen in der Brust“ –Paolo Sedda sen. und jun. haben ihre Straßen-Pizzabar mit italienischen und deutschen Fähnchen geschmückt.
Von Ernst Fischer
Landkreis. Paolo Sedda ist ein Mann von Erfahrung, 64 Jahre, das volle Haar glatt zurückgekämmt, es glänzt wie Silber in der Chamer Sonne. Das lieben die Frauen an männlichen Wesen dieses Baujahres. Meint Man(n)! Paolo sagt: „Ich liebe das Leben. Und ich liebe die Frauen.“ Dabei wollten wir nur über Fußball reden.
Fußball ist das Leben. Oder umgekehrt. Sagt Paolo. Der Mann ist ein weiser Mann. Also. Lassen wir mal die Frauen sein! Reden wir lieber echt über Fußball.
Paolo Sedda lehnt an der Bar beim Steh-Italiener unter den „Arcaden“ in der Fuhrmannstraße. Die Straßen-Pizzeria hat sein Sohn Paolo (40) vor ein paar Wochen aufgemacht. Und Paolo senior rührt in seinem Caffè. Fußball…, sinniert er, „…es wäre so schön im Leben, wenn es den Zusammenhalt überall so gäbe wie im Fußball!“ Dann rührt er weiter in seinem Caffè: „…aber meistens ist es nur so, wenn man gewinnt.“
Das Glück, wenn Man(n) gewinnt
Dabei geht’s ja nur um ein Spiel: Deutschland gegen Italien – ein Fußballspiel. Am Donnerstagabend ab 20.45 Uhr passiert es zum achten Mal bei einer Welt- oder Europameisterschaft. Siebenmal vorher gab es nur einen Sieger: Italien. Und wer gewinntam Donnerstag?
Wir haben uns in Cham auf die Suche nach der italienischen Fußball-Seele gemacht. Soviel vorweg: Der Italiener ist Diplomat. Paolo Sedda sagt es so, wenn man ihn nach einem Tipp fragt: „Ehrlich gesagt, es ist sehr schwierig, vielleicht 2:1, aber für wen, das weiß ich auch nicht.“ Und dann schaut er wieder versonnen in seinen Caffè: „Hauptsache, wir sehen ein schönes Spiel!“
„Forza, Italia!!!!“ – Alessandro Pappacino steht hinter der Bar in seiner Trattoria Gallo Nero und brüllt den Azzurri-Schlachtruf in sein Handy. „Mein Freund Martin ist dran“, erklärt er. Martin ist Chamer. Er hat gerade 3:0 für Deutschland getippt am Telefon. Alessandro hat ihm sein „Forza Italia!“ dagegen geschmettert. Das wird der Freundschaft zwischen den beiden nichts tun. Das hört man.
Alessandro zeigt Flagge für Italien im Lokal Gallo Nero. Aber richtig stolz ist er, wenn Sohn Giuseppe mit den Bambinis des ASV Cham gewinnt. Fotos: Fischer
Alessandro lacht und holt seine italienische Fahne raus, die er hinter der Eingangstür zum Lokal geparkt hat. Die wird er am Donnerstagabend wieder groß nach draußen hängen. Einen Tipp, wie’s ausgeht, will er nicht abgeben. Aber er sagt, was er sich wünscht: „Wenn Italien gewinnt, dann gibt es Prosecco frei für alle Gäste.“ Koch Nino hat gerade aus der Küche geschaut und es gehört. Er lacht: „Alessandro weiß genau, dass das nicht passiert.“
Prosecco für alle
Und wenn tatsächlich die Deutschen gewinnen? „Ist egal!“ Alessandro erzählt von seinem sechsjährigen Sohn Giuseppe. Dem hat der Papa zwei Trikots geschenkt. „Und er liebt das italienische genauso wie das deutsche.“ Giuseppe spielt übrigens bei den Bambini des ASV Cham. Und die haben gerade 5:1 gegen Michelsdorf gewonnen. Sowas zählt echt im Leben von Papa Alessandro. Und er sagt es so leise, dass du es bestimmt verstehst: „Ich tue alles für meinen Sohn.“ – Am Donnerstagabend, da wünscht sich der Wirt vom Gallo Nero „nur ein gutes Spiel“. Kann ja sein, dass die Italiener doch nicht gewinnen.
Paolo Sedda senior steht vor der Arcaden-Bar seines Sohnes und schaut auf das Leben in der Chamer Fuhrmannstraße. Vor über 40 Jahren ist er einmal nach Deutschland gekommen¨. Als Werkzeugmacher in Stuttgart hat er seine erste Mark verdient. Heute gehört ihm die Pizzeria „Nina“ in Michelsneukirchen. Und der Sohn hat den Steh-Italiener unter Chamer Arcaden. Paolo jun. ist in Deutschland geboren und hat gerade wenig Zeit: Die große Straßen-Pizza muss in den Ofen. Paolo jun. kommt nur kurz heraus: „Der Bessere soll gewinnen.“
Diese Diplomaten, die Italiener! Und was ist mit der Politik, die viele in diese Fußball-EURO 2012 gern hineindenken möchten? Spielt nicht der Euro-Versager Italien gegen den Klassenprimus in Europa? Das mag vielleicht im Viertelfinale so gewesen sein. Sagt Paolo: „Die Griechen haben den Mund gegen Deutschland vorher ein bisschen zu voll genommen.“ Aber Deutschland und Italien, die wollen echt nur spielen.
„Wir sind so!“ Sagt Paolo: „Das ist das Gute in Italien: Wenn man spielt, dann rückt alles andere zur Seite.“ Wer denkt noch an Euro-Krise daheim in Apulien, wenn Pirlo einen Elfer genial provokativ ins englische Netz schlenzt? Wer redet noch von Bestechungsskandal im italienischen Fußball, wenn das Team im Halbfinale gegen Deutschland steht!
Was würde es bedeuten für das geplagte Land, wenn Italien Fußball-Europameister würde? Paolo bleibt dabei: Fußball ist nur ein Spiel. Die Politik spielt im wahren Leben. Und: „Was die Politik braucht, das sind richtige Politiker“. Die da sind? – „Figuren, auf die man stolz sein kann“, sagt Paolo. Mario Monti, der jetzt den Scherbenhaufen von Berlusconi in Rom aufkehren soll, „der ist so einer“. Aber sonst? Da dreht Paolo zwischen Rom und Berlin die Hand nicht um.
Deutschland – Italien, ein Spiel der Saubermänner gegen Dolce Vita? – von wegen! „Der Unterschied ist nur der“, sagt Paolo: „In Italien wird über alles offen geredet. Und in Deutschland wird viel vertuscht.“
Fußball und Politik
Paolo redet von den Wulffs dieser Welt oder den Guttenbergs. – „Und wenn sie beim Mogeln erwischt werden, dann sagen sie: Was soll’s?“ Berlusconi hat’s nicht anders gemacht.
Fußball ist ein Spiel. Das ist nicht immer gerecht. „Da brauchst du Gluck“, weiß Paolo. „Gluck“, wie es die Italiener beim Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen England hatten. So ist Fußball „gerecht“.
Aber denken wir dran, wie Chelsea zuletzt gegen Bayern spielte! Oder Italien gegen Deutschland, immer wenn es um einen Titel geht. –Schaumermal! Oder gehen wir gleich auf einen Prosecco zum Alessandro?