Mit einem solchen Heimtierausweis können die Hunde aus Rumänien legal über die „Tierhilfe Hoffnung“ Tübingen nach Cham gebracht werden. 2012 hat das Tierheim bisher 27 solcher Hunde verkauft. Foto: dpa
Von Johannes Schiedermeier
CHAM. „Jetzt haben wir auch einen kleinen Ausländer in der Familie“, hat der Mann gesagt. Und dann gab es da noch sechs Welpen. „Die hatten auch alle blaue Pässe und waren schon verkauft. Die waren alle aus Rumänien.“ Das hat das Hundeherrchen im Tierheim doch überrascht. Der Mann wollte an diesem Tag selbst einen Hund abholen und hat dem „Bayerwald-Echo“ seinen eigenen Hundepass gezeigt – auch ein rumänischer Heimtierausweis. „Ich dachte, die wären immer voll? Warum kriege ich dann für meine 150 Euro einen Hund aus Rumänien?“, wunderte er sich. Seinen Namen will er nicht gnenne. „Der Hund ist prima und ich will den auch behalten. Aber es wundert mich eben.“
Das Veterinäramt im Chamer Landratsamt, das für die Überwachung des Tierheimes zuständig ist, bestätigt die Beobachtungen des Hundebesitzers: Eine zweimalige Überprüfung der Bestandsbücher in den letzten Wochen habe ergeben, dass dort 2012 insgesamt 27 Hunde aus Rumänien verzeichnet und vermittelt worden sind. Das berichtet Oberregierungsrat Norbert Wittmann.
Recherchen ergaben, dass die „Tierhilfe Hoffnung Tübingen“ der Lieferant ist. Der eingetragene Verein mit dem Zusatz „Hilfe für Tiere in Not“ wird geleitet von Ute Langenkamp. Sie beliefert sich dort praktisch selbst, weil sie in Rumänien „das laut Guinnessbuch der Rekorde größte Tierheim der Welt“ führt, wie ihre Homepage nicht ohne Stolz vermerkt. Es handelt sich um die sogenannte „Smeura“, übersetzt „Himbeere“. Eine ehemalige Fuchsfarm, auf deren Gelände 80 Angestellte Langenkamps rund 3500 Hunde betreuen, die auf den Straßen Rumäniens zusammengefangen werden.
„Die Papiere sind alle in Ordnung“
Dort pflegt man sie mit recht barbarischen Methoden zu töten. Inzwischen sorgen deutsche Spendengelder für einen regen Abfluss aus der „Smeura“ nach Tübingen. „Zu Stoßzeiten im Sommer kommen schon mal wöchentlich zwei Fahrzeuge mit je 30 Hunden“, berichtet Dr. Theodor Bauer, der stellvertretende Leiter des Veterinäramtes Tübingen. Der Verein habe dafür seit zwei Jahren ordnungsgemäße Papiere und besitze eine Handelserlaubnis für Hunde in Deutschland.
Ein Anruf beim Verein Tierhilfe Hoffnung Tübingen zeigt, dass die Spendenhilfe aus Deutschland scheinbar klappt. Es wird uns angeboten – „so wie beim Tierheim in Tasching auch“ – die bestellten Hunde kostenlos vor die Haustüre zu liefern, in der gewünschten Stückzahl.
Auch die Papiere sind in Ordnung. Ein Tierarzt prüft für das „Echo“ die vorliegenden Unterlagen und bescheinigt: „Voll durchgeimpft und gechippt.“ Auch die Chipnummer stimmt und ein Anruf beim Kollegen in Rumänien bezeugt die Legalität des Passes: „Ja, das haben wir gemacht.“
Wie aber ist Vorsitzender Hund auf die Idee gekommen, sich aus Rumänien einzudecken? „Wenn wir Plätze freihaben, sollen wir diese Hunde dann jämmerlich vergasen lassen?“ Da ficht ihn auch die Tatsache nicht an, dass im Paragraf 1 seiner Vereinssatzung steht: Sitz des Vereins ist Cham. Seine Tätigkeit erstreckt sich auf das Gebiet des Landkreises Cham. Mitleid mit Tieren kennt keine Grenzen, argumentiert Hund. Sonst dürfe man ja auch keine Hunde außerhalb des Landkreises abgeben, oder von anderen Tierheimen Notfälle annehmen.
Andere sehen das anders. Der Tierschutzverein Tübingen arbeitet zum Beispiel nicht mit der Tierhilfe Tübingen zusammen. Heiderose Noe begründet das Verhalten ihres Vereines damit, dass grundsätzlich keine ausländischen Hunde aufgenommen würden, weil der Wirkungskreis auf die Stadt und den Landkreis Tübingen begrenzt seien. „Wir bekommen einen Personalkostenzuschuss der Stadt und Geld von den Gemeinden für die Aufnahme der Fundtiere. das wollen wir nicht aufs Spiel setzen.“
„Das löst kein Problem im Ausland“
Auch der Tierschutzbund Bayern, bei dem die Chamer Mitglied sind, steht dem Hundeimport sehr ablehnend gegenüber. Nicole Brühl, Präsidentin des Landesverbandes, erklärt zur Haltung des Verbandes: „Wir sind da strikt dagegen. Das löst die Probleme im Ausland nicht und schafft neue im Inland. Davon haben wir genug. Immer wieder müssen wir anfragen, ob überquellenden Heimen in Deutschland nicht von anderen Tierheimen geholfen werden kann. Das passiert auch immer wieder. Wir werden dort eine Stellungnahme anfordern und dem Vorstand vorlegen.“
Sind die niedlichen Welpen aus Rumänien keine zu große Konkurrenz für die einheimischen Fund- und Abgabehunde? Nein, sagt Hund. Er habe erst letzte Woche einen sechsjährigen Schäferhund abgegeben. Es geht beides. Hat das Tierheim Cham wie Ute Langenkamp eine Erlaubnis für Hundehandel? „Ich handle nicht mit Hunden. Das ist Quatsch“, sagt Hund. Schließlich müsse man die Kosten des Tierheimes gegenrechnen, dessen Personal die Tiere versorge.
Das Tierheim bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. In Bayern gibt es dazu noch kaum Rechtsprechung. In anderen Bundesländern schon. Das Landgericht Schleswig stellt zum Beispiel fest: „Für eine Gewerbsmäßigkeit im Tierschutzrecht ist es ausreichend, wenn eine selbstständige, dauerhafte und planmäßige Tätigkeit vorliegt.“
Im Landratsamt wiegt Oberregierungsrat Wittmann bei der Einschätzung der Faktenlage noch etwas unschlüssig mit dem Kopf. „Wir haben da ein Auge drauf und sind noch zu keinem Ergebnis gelangt.“ Zudem sei es für den Vorsitzenden Hund einfach, eine Handelserlaubnis zu bekommen: „Die notwendige Sachkenntnis wurde ihm durch Nachweis langer ehrenamtlicher Tätigkeit auf diesem Gebiet ja bereits bescheinigt. Und die Räume dafür kann er auch nachweisen.“ Hund will diese Erlaubnis gar nicht: „Wir handeln nicht. Ich brauche keine.“
„Unsere Vemittlungsquote stimmt“
Hundeimporte aus Süd- und Osteuropa sind schon immer umstritten. So schreiben Dr. Sylvia Heesen und Dr. Burkard Wendland für die Organisation „Tierärztliche Vereinigung im Tierschutz“ (TVT): „Die offensichtlich einfache Vermittlung von oft sehr jungen Hunden aus den Tierheimen eröffnet einen Markt, der regelmäßig weiter aus dem Ausland bedient wird.“ Die Tierärzte sind überzeugt: „Mit der Vermittlung der importierten Hunde in Deutschland wird über die Mitleidskomponente letztlich ein Geschäft abgewickelt.“ Die Tierärzte fordern sogar eine Prüfung der Einschläferungsquote einheimischer Hunde durch das Veterinäramt.
In Cham sieht Vorsitzender Hund keinen Anlass zur Sorge: „Unsere Vermittlungsquote stimmt. Wir wissen, dass wir mit der Aufnahme einiger rumänischer Straßenhunde die Welt nicht retten werden. Aber sollten wir sie deswegen sterben lassen?“