90 Grad zu den Türmen der Klosterkirche, ziemlich genau hinter der Zwiebel von St. Jakob liegt Mekka. Das sieht der Vorsitzende der Islamischen Kulturvereins, Ibrahim Kurdi, auf seinem speziellen Kompass. . Fotos: Schiedermeier
Von Johannes Schiedermeier
CHAM. In aller Stille hat eine besondere Art der Integration stattgefunden. Wer aufmerksam durch den Chamer Friedhof geht, der kann sie sehen. Dort ruhen Christen und Mohammedaner friedlich nebeneinander. Manchmal sogar im selben Grab. Die Fremden sind schon so lange hier, dass sie einheimisch geworden sind. So wie Ibrahim Kurdi.
Kurdi (50) ist der Vorsitzende des islamischen Kulturvereins. Er stammt aus dem Libanon. Von dort kam er 1990 nach Cham auf der Flucht vor dem Grauen des Bürgerkriegs in seiner Heimat. Heute ist Cham seine Heimat geworden. Alle zwei bis drei Jahre besucht er seine Eltern im Libanon und seine große Gemeinschaft. Zurück will er nicht mehr. „Was soll ich dort? Meine Familie, meine sechs Kinder – alle sind hier.“ Sein siebtes Kind, sein Sohn Abdulwahab, starb 2008. Er ist auf dem Chamer Friedhof beerdigt worden. Nach islamischem Ritus. Sein Grab liegt direkt hinter der christlichen Friedhofskapelle.
Kompromisse mit dem Christentum
Der Kulturverein, der auch sonst die Tore seiner Moschee in Michelsdorf bereitwillig den Chamern öffnet, zeigt auch im Tod keine Berührungsängste und schließt Kompromisse mit dem christlichen Totenkult, ohne freilich auf die eigenen Gebräuche zu verzichten.
Ibrahim Kurdi, der seit Jahren einen Neu- und Gebrauchtwagenhandel in der Schillerstraße betreibt, besitzt einen ganz besonderen Kompass. In der Gebrauchsanweisung sind die deutschen Städte nach Gradzahlen säuberlich geordnet. Schließlich betet man im Islam möglichst Richtung Mekka, dem größten Heiligtum der Moslems. Auf dem Kompass steht neben „München“ die Zahl 250. Dreht man den Kompass so ein, dass der Zeiger auf 250 steht, dann muss man nur noch über den Turm der Moschee peilen, der ebenfalls verzeichnet ist. Dort liegt Mekka.
In diesem speziellen Fall auf dem Chamer Friedhof steht Kurdi neben dem Grab einer Frau aus dem Kulturverein, deren Grab das erste von zwölf sein soll, die den Mohammedanern in Cham als Grabstätten dienen werden. Von hier aus gesehen liegt Mekka ziemlich genau hinter dem Zwiebelturm der Jakobskirche. In diese Richtung sollen die Gesichter der Toten schauen.
Gemeinsame Beerdigungen
Wer in der Gemeinde stirbt, wird in weiße Tücher gewickelt und rituell gewaschen. Der Unterleib bleibt immer abgedeckt. Der Mann wird in drei Tücher gehüllt, die Frau in fünf. Auch im Tod soll sie vor den Blicken Fremder verborgen bleiben. Eingeäschert wird niemand. Die Toten werden von der Gemeinde begraben, so wie es der Prophet Mohammed gelehrt hat. Das passiert schnell. Schon nach dem nächsten Gebet. In islamischen Länder manchmal sogar nachts.
Denn die Muslime kennen fünf Gebete pro Tag. Hier macht der Kulturverein in Cham Kompromisse. Beerdigt wird nach dem Mittags- oder Nachmittagsgebet, weil sonst der Friedhof geschlossen ist.
Auch der vorgeschriebene Sarg wird verwendet, weil ihn die Friedhofsordnung vorschreibt. Die Mohammedaner benötigen eigentlich nur einen zwanzig Zentimeter hohen Grabhügel, der oben und unten von Steinen begrenzt wird. „Das ist nur, damit man sieht wo jemand begraben ist. Denn es ist nicht erlaubt, seinen Fuß auf das Grab zu setzen“, erklärt Kurdi.
Es ist immer Erde, die dich bedeckt
Der Kulturverein arrangiert sich gut mit den Chamern. Auf dem Friedhof ist oft die Zahl der trauernden Chamer genauso groß wie die der Moslems. Man kennt sich untereinander. Mancher Muslime ist mit einer Christin verheiratet. Das führt auch zu ungewöhnlichen Situationen. „Eine Frau hat gefragt, ob wir für ihren Mann die Segensgebete sprechen, auch wenn ein christlicher Priester die Beerdigung hält. Klar haben wir das gemacht“, sagt Kurdi. Allerdings hatte die Frau den Mann einäschern lassen. Da hilft dann auch der Kompass nicht mehr.
Ein Sarg, der in die Gruft gesenkt worden ist, wird von den Gemeindemitgliedern selbst mit Erde bedeckt. Erst dann gilt der Tote als beerdigt. Dann haben alle drei Tage Zeit, den Angehörigen ihr Beileid auszusprechen.
Der Vorsitzende des islamischen Kulturvereines hat sich fest vorgenommen, nächstes Jahr die Reise zur Kaaba nach Mekka zu unternehmen. Kurdi ist aber auch sicher, dass er sich auf dem Chamer Friedhof beerdigen lassen will, so wie seine Familie.
Einige der fünf muslimischen Grabmäler tragen Namenszüge der Integration.
„Manche fliegen ihre Toten 5000 Kilometer weit nach Hause. Das finde ich sinnlos. Es kostet 7000 bis 8000 Euro und man kann die Toten nicht einmal besuchen. Da ist Cham genauso gut wie jeder andere Ort. Es ist immer die Erde, die dich bedeckt.“