Cham 21.10.2012, 16:59 Uhr

Mekka liegt hinter dem Kirchturm

Die islamische Kulturgemeinde bettet ihre Toten in Cham zur Ruhe. Ein spezieller Kompass zeigt die Richtung, in die der Verstorbene schauen soll.

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90 Grad zu den Türmen der Klosterkirche, ziemlich genau hinter der Zwiebel von St. Jakob liegt Mekka. Das sieht der Vorsitzende der Islamischen Kulturvereins, Ibrahim Kurdi, auf seinem speziellen Kompass. . Fotos: Schiedermeier

90 Grad zu den Türmen der Klosterkirche, ziemlich genau hinter der Zwiebel von St. Jakob liegt Mekka. Das sieht der Vorsitzende der Islamischen Kulturvereins, Ibrahim Kurdi, auf seinem speziellen Kompass. . Fotos: Schiedermeier

Von Johannes Schiedermeier

CHAM. In aller Stille hat eine besondere Art der Integration stattgefunden. Wer aufmerksam durch den Chamer Friedhof geht, der kann sie sehen. Dort ruhen Christen und Mohammedaner friedlich nebeneinander. Manchmal sogar im selben Grab. Die Fremden sind schon so lange hier, dass sie einheimisch geworden sind. So wie Ibrahim Kurdi.

Kurdi (50) ist der Vorsitzende des islamischen Kulturvereins. Er stammt aus dem Libanon. Von dort kam er 1990 nach Cham auf der Flucht vor dem Grauen des Bürgerkriegs in seiner Heimat. Heute ist Cham seine Heimat geworden. Alle zwei bis drei Jahre besucht er seine Eltern im Libanon und seine große Gemeinschaft. Zurück will er nicht mehr. „Was soll ich dort? Meine Familie, meine sechs Kinder – alle sind hier.“ Sein siebtes Kind, sein Sohn Abdulwahab, starb 2008. Er ist auf dem Chamer Friedhof beerdigt worden. Nach islamischem Ritus. Sein Grab liegt direkt hinter der christlichen Friedhofskapelle.

Kompromisse mit dem Christentum

Der Kulturverein, der auch sonst die Tore seiner Moschee in Michelsdorf bereitwillig den Chamern öffnet, zeigt auch im Tod keine Berührungsängste und schließt Kompromisse mit dem christlichen Totenkult, ohne freilich auf die eigenen Gebräuche zu verzichten.

Ibrahim Kurdi, der seit Jahren einen Neu- und Gebrauchtwagenhandel in der Schillerstraße betreibt, besitzt einen ganz besonderen Kompass. In der Gebrauchsanweisung sind die deutschen Städte nach Gradzahlen säuberlich geordnet. Schließlich betet man im Islam möglichst Richtung Mekka, dem größten Heiligtum der Moslems. Auf dem Kompass steht neben „München“ die Zahl 250. Dreht man den Kompass so ein, dass der Zeiger auf 250 steht, dann muss man nur noch über den Turm der Moschee peilen, der ebenfalls verzeichnet ist. Dort liegt Mekka.

In diesem speziellen Fall auf dem Chamer Friedhof steht Kurdi neben dem Grab einer Frau aus dem Kulturverein, deren Grab das erste von zwölf sein soll, die den Mohammedanern in Cham als Grabstätten dienen werden. Von hier aus gesehen liegt Mekka ziemlich genau hinter dem Zwiebelturm der Jakobskirche. In diese Richtung sollen die Gesichter der Toten schauen.

 

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