Polen oder dann Deutschland
Kazimierz Pajor, Pfarrer von St. Josef hat neben der Predigt einen EM-Spielplan in der Schreibtischschublade. Er schaut zu, so oft es geht
Pfarrer Kazimierz Pajor ist begeistert von der EM. Foto: Neufeld
Cham. Der Fußball rollt nicht nur auf den Spielfeldern in Polen und der Ukraine – er rollt auch hinein in die Kirchen und Pfarrämter von Cham. KazimierzPajor, Pfarrer von St. Josef, stellt klar: Geistliche dürfen sich für den Fußball begeistern – ganz ohne Frage. Er selbst würde jedes Spiel am Fernseher verfolgen, wenn er nur ein wenig mehr Zeit hätte. Er rollt mit seinem Drehstuhl zum Schreibtisch herüber und zieht mit einem triumphierenden Lächeln, einen ausgeschnittenen EM-Spielplan aus der Schublade. So weit möglich, dient ihm dieser als Orientierungspunkt für die nächsten Wochen. Stehen interessante Gruppenspiele an, dann sollte der Terminkalender ab 18 Uhr tintenblass sein.
Pajor lacht: „Ich habe zum Glück immer eine Alternative. Kommt die polnische Mannschaft nicht weiter, bin ich halt für die Deutschen. Wenn beide weiterkommen, versuche ich, neutral zu sein.“ Er ist erleichtert, dass die beiden Mannschaften nicht in einer Gruppe sind. Dann müsste er klar Stellung beziehen. Er beginnt zu rechnen: „Wenn Polen am Samstagabend das Spiel gegen Tschechien gewinnt und Deutschland als Gruppensieger hervorgeht, dann stehen sich die beiden Mannschaften am 22. Juni um 20.45 Uhr gegenüber.“ Ob seine Rechnung aufgeht, wird sich zeigen.
Pajor ist Pole, lebt und arbeitet aber schon seit Jahren in Deutschland. Auch Kaplan David Golka hat seine Wurzeln im polnischen Nachbarland. Wenn Golka im Hause ist, schauen sich die Geistlichen die Spiele gemeinsam an. Pajor erzählt, er schaue die Spiele am liebsten daheim und meide Public Viewing . Ihn stören die tausenden Kommentare der Zuschauer. Er zieht sich lieber ruhig zurück. „Das heißt aber nicht, dass ich ein emotionsloser Zuschauer bin“, sagt Pajor lachend. „Wenn es brenzlig wird, kann ich nicht still auf dem Sofa sitzen bleiben.“
Er verfolgt nicht allein die Spiele, sondern auch die gesellschaftliche und politische Bewegung in Polen. Seine Landsleute sind vom Fußballfieber gepackt, erzählt er. Selbst in Städten, die als „fußballfreie Zone“ erklärt wurden, versammelten sich in der vergangenen Woche tausende Fans auf öffentlichen Plätzen. Die polnische Fußballgeschichte hat seit 20 Jahren nur wenig zu erzählen. Polen verlor im Jahr 1972 das Spiel gegen Deutschland. „Es regnete damals fürchterlich im Münchener Stadion“, erinnert er sich. Nicht allein die Niederlage sollen den sportlichen Stillstand verursacht haben. Die politischen Veränderungen in Polen trugen ebenso dazu bei.

