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Donnerstag, 8. Dezember 2016 -1° 4

MZ-Serie

Im Winterhotel der Flattermänner

„Geheime Orte“: Die Redaktion Cham steigt ins Fledermaus-Land hinab. Das Bergwerk am Eck bietet vielen Arten Unterschlupf.
Von Daniel Haslsteiner

Arrach.Herrje, wo hab ich Sie da nur wieder hingeführt, lieber Leser? Das Wasser steht mir ja fast bis zu den Knien. Und mit 1,86 hab ich Vorteile. Allerdings nicht nur. Denn mit Aufrechtstehen ist in diesem stockdunklen, stickigen Minenschacht nichts. Büßerhaltung. Und dann hängt da noch eine Traube Fledermäuse direkt über uns. Aber eigentlich sind die ganz putzig, wie sie da so baumeln – zu fünft, sich mit den Füßchen am Felsen einklammernd, aneinander geschmiegt, schlafend. Und im Gegensatz zur nasskalten Schneeschmelze außerhalb des alten Bergwerks ist es hier wenigstens trocken – jedenfalls, wenn man an der Decke hängt.

Wir sind in einem ehemaligen Quarzstollen am Eck oberhalb von Arrach. Wo einst Rohstoffe für die Glasmanufakturen des Bayerwalds gefördert wurden, überwintern jetzt Fledermäuse. Es ist eins von sechs großen Quartieren im Landkreis, die der LBV kennt und – mit Unterstützung der Besitzer – betreut. Dieses hier seit 1989. Es ist kein besonders großes, wie LBV-Kreisgeschäftsführer Markus Schmidberger erklärt, der uns auf dieser Reise begleitet. Dafür sei es ein besonders wertvolles, sagt er: „Neun von 18 im Landkreis Cham bekannten Fledermausarten überwintern hier.“

Tiere werden streng geschützt

Der Eingang zum Bergwerk ist nicht leicht zu finden. Zusätzlich schützt ein Gitter die Fledermäuse vor Störenfrieden. Foto: Tschannerl

Neun Arten hört sich ja erstmal ziemlich viel an. Die konkreten Zahlen sind dann doch ernüchternd. „35 bis 40 Tiere leben hier“, sagt Schmidberger. Doch selbst in den größten Winterquartieren des Landkreises seien es nie mehr als 90 Tiere. Kein Wunder also, dass die kleinen Flattermänner vom Gesetz streng geschützt werden. Und was das bedruckte Gesetzespapier theoretisch vorsieht, wird hier am Eingang der Mine ganz konkret: Ein dickes Stahlgitter blockiert den gigantischen Trichter in den Berg.

Geheime Orte

  • Die Serie

    In unserer Serie besuchen wir geheime Orte rund um Cham. Wir nehmen Sie, unsere Leser, mit auf eine Entdeckungstour zu verstecken Winkeln, unterirdischen Gemäuern und geheimnisvollen Räumen in der Gegend.

  • Wir wollen Ihnen in dieser Serie nicht nur trocken Fakten vermitteln, sondern Sie auf einen persönlichen Ausflug mitnehmen.

Durch eine Luke im Gitter hangeln wir uns in den Vorraum der Mine. Hier darf um diese Jahreszeit normal niemand rein. Denn noch bis Ende März halten die letzten Tiere Winterschlaf in den drei Stollengängen, die auf beiden Seiten des Vorraums tiefer in den Berg hineinführen. Hoch über uns quert gut sichtbar eine Quarzader die Decke.

Fledermaus-Experte Markus Schmidberger vom LBV (r.) und MZ-Reporter Daniel Haslsteiner in der großen Vorhalle des Vergwerks. Foto: Tschannerl

Der Fels ist reich an besonderem Gestein. Und dieses Gestein bereitet den Fledermaus-Schützern immer wieder Probleme. Es lockt die Steineklopfer an, darum auch das Stahlgitter. Zwar habe Schmidberger Verständnis für deren Hobby, sagt er, doch kollidieren Hobby und Artenschutz eben manchmal. Und da steht er auf der Seite der Fledermäuse: „Immer wieder wurden die Schlösser an der Gitter-Luke aufgebrochen.“ Inzwischen habe man einen Pakt mit den Steinesammlern geschlossen. Die Luke ist über die Sommermonate offen, wenn sie im Winter draußen bleiben.

Wir lassen den Vorraum hinter uns und steigen mit Schmidberger hinab zu einem kleinen Minenschacht. Vorsicht, lieber Leser, passen Sie auf die Felsbrocken am Boden auf, die kommen leicht ins Rollen. Schmidberger kontrolliert den Mini-Schacht mit einer Lampe. Keiner zu Hause. „Hier findet man die winterfesteren Arten“, sagt er. Aber die haben schon aus dem Winterhotel ausgecheckt.

Keine Panik vor Flattermännern

In diesem Schacht haben es sich die Fledermäuse gemütlich gemacht. Foto: Tschannerl

Also gehen wir in den etwa 30 Meter langen Schacht gegenüber. Schon nach wenigen Metern, Sie erinnern sich, stehen wir tief in der braunen Brühe. Erdreich, Totholz und was weiß ich noch alles, haben dieses Gebräu über Jahrzehnte angedickt. Doch offenbar ist das genau die Wohlfühlatmosphäre, in der Fledermäuse gerne überwintern. Schon nach wenigen Metern stoßen wir auf erste Tiere. Kleine Wasserfledermäuse und die deutlich voluminöseren Großen Mausohren hängen von Decke und Wänden, die Flügel wie einen Mantel um die Körper gewickelt. Mit jedem Schritt tiefer in den Schacht entdecken wir neue Fledermäuse. Passen Sie bloß auf, lieber Leser, dass Sie die Tiere nicht durch eine ungeschickte Bewegung ins Wasser schubsen. Das wäre deren Ende. Wir müssen jetzt leise sein, damit wir die Tiere nicht wecken. Auch die Lichtkegel der Lampen sollen den Flatterern fernbleiben.

Hier finden Sie alle Teile unserer Reihe „Geheime Orte“

Gleich fünf Fledermäuse der Art Großes Mausohr „clustern“ sich aneinander zum Winterschlaf. So fühlen sich die Tiere wohlig warm. Foto: Tschannerl

Am Ende des Schachts finden wir eine besonders eindrucksvolle Fledermaus-Formation – besagte Gruppenklammerer. „Clustern“ wird diese Strategie genannt, erklärt Schmidberger. Für was das gut ist? Schutz vor Kälte. Ähnliche Strategien haben auch wir Menschen. Sie kennen das vielleicht, lieber Leser, von kalten Februarsonntagen unter der Decke mit der Holden. Da wird auch den Fledermäusen gleich wärmer. Wir stören sie nicht länger und waten durchs Wasser bis zum Ende des Schachts. Entgegen aller Erwartungen finden wir dort weder Graf Dracula noch Klaus Kinski. Kein Grund zur Panik also.

Angst vor Fledermäusen ist trotzdem ein wichtiges Thema für Schmidberger. Viel zu weit verbreitet sei die noch immer. Er und seine LBV-Kollegen hätten es oft nicht leicht, Besitzer von Sommerquartieren für Fledermäuse zum dauerhaften Asyl für die Tiere zu überreden. Oft ekeln die sich vor den Tieren. Aber entgegen mancher Mythen wird wohl kein Bayerwäldler in absehbarer Zeit von Fledermäusen ausgesaugt. Denn die Tiere hier in der Region fressen Insekten.

Aber Fledermäuse brauchen eben auch Sommerquartiere zum Überleben. Dass es die Flattermänner überhaupt noch in der Region gibt, wäre ohne die Winterquartiere in den Minenschächten undenkbar. Doch wie finden die Fledermäuse diese Hotels? Genau wisse man das nicht, sagt Schmidberger. Es sei jedoch zu beobachten, dass die Tiere auch über Artgrenzen hinweg miteinander kommunizieren. „Und da gibt es die Theorie, dass sie sich gegenseitig auf diese Höhlen aufmerksam machen“, sagt Schmidberger. Fantastisch, diese Fledermäuse oder, lieber Leser? Und wann wir Ihnen den nächsten geheimen Ort verraten? Bleiben Sie gespannt.

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