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Samstag, 16. Dezember 2017 10

Justiz

Verbrannter Bub: Paar muss lange in Haft

Die Eltern hatten das Kind seinen Qualen überlassen. Dass ihnen der drohende Tod bewusst war, glaubt der Richter nicht.
Von Marion von Boeselager

Die Mutter des schwer verletzten Buben muss für drei Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Foto: Roland Beck/dpa

Cham.Sie hatten ihren fünfjährigen Sohn mit lebensbedrohlichen Verbrennungen tagelang ohne ärztliche Hilfe seinen Qualen überlassen: Gestern sprach die Jugendschutzkammer des Landgerichts Regensburg unter Vorsitz von Richter Carl Pfeiffer die Urteile gegen die zunächst wegen Mordversuchs durch Unterlassen angeklagten Eltern aus Waldmünchen. Die psychisch kranke Mutter (37) des schwer verletzten Kindes wurde wegen schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassung sowie fahrlässiger und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Ihr voll schuldfähiger Ehemann (37) , bei dem der Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung entfiel, muss für fünf Jahre ins Gefängnis.

Von einem bedingten Tötungsvorsatz der Eltern, wie zunächst angeklagt, ging die Kammer jedoch nach der Beweisaufnahme nicht mehr aus: „Das Gericht kam nicht zu dem Ergebnis, dass die Eltern tatsächlich den Tod ihres Kindes billigend in Kauf nahmen.“ Die Angeklagten hätten sich zwar nach dem Brandgeschehen im Internet über die Gefahren der Verletzungen für das Leben ihres Kindes informiert. Doch sei nicht erwiesen, dass ihnen die konkrete Todesgefahr bewusst war, sagte Pfeiffer. Laut medizinischem Gutachter wäre der Tod des Buben bei weiterem Laufenlassen „sicher eingetreten. Es war nur eine Frage der Zeit.“

Bub mit Benzin übergossen

Die Vorgeschichte: Nach der Geburt ihres fünften Kindes war bei der Angeklagten hebephrene Schizophrenie aufgetreten. Sie war zuletzt nicht mehr in der Lage, sich adäquat um ihre Kinder zu kümmern. Die Tochter und vier Söhne verwahrlosten. Im September letzten Jahres wollte die Frau im Garten des von der Familie angemieteten Hauses in Waldmünchen Diebesgut verbrennen. In unmittelbarer Nähe ihrer kleinen Söhne hantierte sie fahrlässig mit Benzin und offenem Feuer. Dabei wurde der kleine Bub mit dem Brennstoff übergossen und ging in Flammen auf. Wie es genau dazu kam – ob die Mutter das Kind bewusst anspritzte, ob versehentlich oder ob sie aus Schreck den brennenden Kanister von sich schleuderte – blieb ungeklärt. Die Mutter erstickte die Flammen. Der Vater trug das Kind ins Haus und kühlte die Brandwunden – 15 bis 18 Prozent des Körpers waren betroffen – mit Wasser. Doch anstatt sofort den Notarzt für den Buben zu rufen, versuchten sie tagelang erfolglos, die Verletzungen „mit Hausmittelchen in Griff zu bekommen“, so der Vorsitzende Richter.

Aufmerksame Tankwartin

Sein Leben verdanke der Bub einer aufmerksamen Tankwartin, die das Paar mit dem Kind sah und die Behörden verständigte, sowie einer Mitarbeiterin des Jugendamtes, die „nicht lange fackelte“ und sofort zur Familie fuhr. Doch da hätten die Eltern, insbesondere die Mutter, zunächst versucht, den Unfall zu verschleiern. Nur durch Zufall entdeckte die Angestellte das kurz vor dem Kreislaufkollaps stehende Kind auf einem Sofa im Obergeschoss. Es kam sofort auf die Intensivstation einer Klinik und wurde in der Folge mehrfach operiert. Neben den physischen zeigten sich auch psychische Folgen der Tragödie, so Pfeiffer. „Das Kind ist selbst- und fremdaggressiv. In dem kleinen Jungen wurde diese Wut ausgelöst, die – da ist sich das Gericht sicher – aus dem Alleingelassensein in seinem Zustand resultiert.“

Keine Unterbringung

  • Drogen:

    Obwohl die Eltern in den vergangenen Jahren regelmäßig Drogen, vor allem Amphetamine, konsumierten, werden sie nicht in einer Entziehungsanstalt untergebracht. Der Grund: Der psychiatrische Gutachter ging nicht vom Vorliegen einer Sucht aus.

  • Schizophrenie:

    Weiter führte der Sachverständige aus, die Schizophrenie der Mutter sei medikamentös gut eingestellt. Von ihr gehe keine Gefahr für die Allgemeinheit aus. Aus diesem Grund muss sie auch nicht in die Forensik einer psychiatrischen Klinik. (mov)

Als Motiv für die Untätigkeit hatte der Angeklagte während der Ermittlungen angegeben, man habe befürchtet, das Jugendamt werde ihnen die Kinder wegnehmen, auch weil dann die zuletzt mangelhafte Versorgung und Betreuung der Kinder offensichtlich werden würde.

Zugunsten der Angeklagten wertete das Gericht deren im letzten Wort geäußerte Reue. Doch bestand für ihren Sohn absolute, konkrete Todesgefahr, so das Gericht. Er war erst fünf Jahre alt und wurde vier Tage lang von seinen Eltern mit seinen Schmerzen im Stich gelassen. „Er wird für sein Leben physisch und psychisch gezeichnet sein.“

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