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Montag, 24. April 2017 14° 2

Geschichte

Wahre Dokumente des Schreckens

Die Todesmärsche durch die Region Cham wurden nach dem Krieg untersucht. Seit kurzem kann man die Dokumente online einsehen.
Von Martin Hladik

Solche Originaldokumente aus der Nachkriegszeit über die Nachforschungen der UNRRA zu den Todesmärschen von Flossenbürg nach Cham sind seit Herbst auf der Internetseite des ITS zu sehen. Foto: ITS Bad Arolsen

Cham.Dokumente, Daten und Forschungen zu den Todesmärschen im Landkreis Cham gibt es wenige. Und wenn es sie gibt, waren sie bislang schwer zugänglich, weil sie in zentralen Archiven gelagert sind. Seit Herbst ist der Zugang etwas einfacher geworden. Der ITS (International Tracing Service) in Bad Arolsen hat einen kleinen Teil seiner Dokumente online gestellt. Ein guter Teil dieser Dokumente wiederum beschäftigt sich mit den Todesmärschen von Flossenbürg nach Cham. Durch die neue Technik sind die fast 70 Jahre alten Dokumente de facto erstmals einer breiteren Öffentlichkeit – von Forschern, über interessierte Laien bis hin zu Schulprojekten – zugänglich.

Bisher musste man, um solche Dokumente einzusehen, weite Anreisen in Kauf nehmen. Eine Möglichkeit ist seit wenigen Jahren das Archiv der Gedenkstätte des KZs Flossenbürg. Viele Unterlagen zu den Todesmärschen, die dort zu finden sind, stammen auch aus dem Archiv des International Tracing Centers (ITS) in Bad Arolsen bei Kassel. Der ITS ist ein Dokumentationszentrum zur NS-Verfolgung und der Überlebenden.

25 000 Dokumente

Das Online-Archiv des ITS steht seit Oktober unter https://digitalcollections.its-arolsen.org/ zur Verfügung. Es zeigt insgesamt 25 000 Dokumente – von insgesamt über 30 Millionen des Archivs – darunter auch ein gutes Dutzend, die den Landkreis Cham betreffen.

Es handelt sich dabei um Dokumente, die die UNRRA (Nothilfe- und Wiederaufbauorganisation der Vereinten Nationen) im Frühjahr und Sommer 1946 aufgenommen hat. Weil auf der Strecke von Flossenbürg nach Cham viele Gräber bekannt waren und das Gebiet in der US-Besatzungszone lag, sollte hier exemplarisch einer der Todesmärsche dokumentiert und untersucht werden. Dafür wurden die Bürgermeister entlang der vermuteten Todesmarschstrecken befragt. Zum Teil mündlich, zum Teil nur durch solche Fragebögen wie auf dem Foto zu sehen. Dies berichtet Josephine Ulbricht im Jahrbuch des ITS mit dem Titel „Auf den Spuren der Todesmärsche“.

Spur ist nachzuvollziehen

Die Spur der Todesmärsche ist anhand dieser Original-Dokumente durchaus nachzuvollziehen. Dabei hilft die Abfragemaske der ITS-Seite. Sie erlaubt ein Auffinden der Dokumente per Karte oder gegliedert nach Bezirken, Landkreisen und Gemeinden durchsuchbar. Neben Dokumenten zu den Todesmärschen sind online auch Akten des Kindersuchdienstes und persönliche Gegenstände zu sehen, die den Inhaftierten der KZs abgenommen wurden.

International Tracing Service

  • Gedenktag

    Der 27. Januar ist in Deutschland der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der International Tracing Service (ITS) ist ein Dokumentationszentrum über NS-Verfolgung.

  • Die Aufgaben

    Klärung des Schicksals von Verfolgten des NS-Regimes, Auskünfte an Überlebende und Angehörige; Forschung, Erinnerung und Pädagogik; Aufbewahrung, Konservierung und Erschließung von Dokumenten.

  • Archiv

    Das Archiv hat rund 30 Millionen Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus und der unmittelbaren Nachkriegszeit.

  • Entstehung

    Die Aufsicht über das Archiv haben Vertreter aus elf Mitgliedsstaaten. Entstanden ist der ITS aus der Arbeit der UNRRA (UN-Hilfsorganisation) seit 1946. Arolsen lag genau in der Mitte der vier Besatzungszonen. Von hier aus wurde unter anderem die Familienzusammenführung organisiert.

Allerdings sind die rund 25 000 Dokumente und Effekte, die hier zu finden sind, nur ein winziger Bruchteil der rund 30 Millionen, die es in Bad Arolsen gibt. Aber auch schon dieser winzige Teil an Dokumenten hat etwas bewirkt, berichtet Dr. Christian Groh. Er leitet das Archiv in Bad Arolsen. Er erzählt, dass die Söhne eines niederländischen Widerstandskämpfers so von einer Brieftasche ihres Vaters erfahren haben, die ihm vor dem Transport in ein Konzentrationslager abgenommen wurden. In der Brieftasche war ein Abschiedsbrief ihres Vaters, der kurz vor der Befreiung starb. Die Söhne konnten den Brief nach 70 Jahren erstmals lesen.

Das jetzige Online-Archiv befindet sich noch im Aufbau, berichtet Groh. So könne es durchaus falsche Zuordnungen geben. So wurden am Anfang beispielsweise Dokumente dem hiesigen Lambach zugeordnet, die inhaltlich aber zu Lambach in Österreich gehören. Solche Unstimmigkeiten werde man nach und nach beseitigen, verspricht Groh. Zudem sei man bemüht, weitere Dokumente online zugänglich zu machen, was aber letztlich auch eine Geldfrage ist, wie eine Mitarbeiterin betont. Die Online-Bereitstellung ist teuer.

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