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Menschen

Weg in die Politik führte über den Wein

Dr. Karl Vetter sprach in Cham über den Gang aus der Arztpraxis in den Landtag – und warum viele dem Beispiel folgen sollten.
Von Christoph Klöckner

Manchmal gab es auch nur ein Achselzucken vom Landtagsabgeordneten. Die Lösung in der Politik sei nicht immer einfach zu finden, erklärte Dr. Karl Vetter den Zehntklässlern. Foto: Klöckner

Cham.„In vino veritas“ – im Wein liegt die Wahrheit. Für Dr. Karl Vetter mag dies an diesem bestimmten Tag auf Ibiza besonders gegolten haben. Mit dem Wein kam die Wende im Kopf. Natürlich nicht nur – auch die Sonne, der Sand, das gute Urlaubsgefühl taten ihr Übriges für die Umkehr des Orthopäden zu Neuem. Und einige Stunden Diskussion mit seiner Frau Karin rund ums Thema Verantwortung, erklärt er den vier zehnten Klassen der Gerhardinger Realschule in Cham.

Es sei darum gegangen, dass immer nur geschimpft werde auf Politik und Politiker und sich keiner engagiere. Seine Frau habe irgendwann gesagt: „Dann mach es!“ Er habe schließlich nach Cham angerufen und seine Absage als Landtagskandidat der Freien Wähler für den Landkreis Cham wieder zurückgezogen.

Zu spät für den Rückzug

Dr. Karl Vetter bei den Gerhardingern in Cham Foto: Klöckner

Er habe zwar am nächsten Morgen überlegt, ob die Entscheidung wirklich gut war und wieder gezögert. Doch zurück habe er nicht mehr gekonnt, so Vetter, denn als er übers Internet nach Cham geschaut habe, habe er bereits als Kandidat im Bayerwald-Echo gestanden.

So wurde 2008 aus dem Arzt ein Berufspolitiker. Aus der wissenschaftlich-fundierten Diagnose wurde der ausdiskutierte Kompromiss. Bereut hat er den Schritt wohl nie – sonst würde er nicht für ihn werben, wie er es heute bei den Schülerinnen tut. Verantwortung zu übernehmen, um etwas vorwärtszubringen – das war das Ziel 2008. Letztlich ist daraus die Erkenntnis gewachsen, die er den 15- und 16-jährigen Mädchen ans Herz legt: Entweder man entscheidet mit, was geschieht oder andere entscheiden darüber.

Von Meinung und Kompromiss

„Politik ist spannend und hochinteressant“, sagt Dr. Vetter. „Ich arbeite weniger als früher, aber deutlich länger!“, beschreibt er den Vergleich zu seinem Mediziner-Job. Die Arbeit sei auch eine andere. Etwa solche Informationsveranstaltungen heute – seien die nun Arbeit oder nicht, fragte er in die Runde. Er sei der Überzeugung, dass es Weiterentwicklung nur gebe durch die Vielfalt der Meinungen, die in einem Kompromiss enden. Es sei für Demokratie nicht gut, wenn nur eine Partei bestimme.

„Politik ist spannend und hochinteressant.“

Dr. Karl Vetter

Es sei ein Klischee, dass die Jugend nicht interessiert sei an Politik – vielleicht nicht an Parteipolitik, aber doch an anderem Geschehen. Etwa an der Flüchtlingspolitik und dem Aufkommen der AfD. Dazu gab es aufmerksame Zuhörerinnen und einige Fragen. Karl Vetter zeigte an dem Beispiel auch, wie Politik funktioniert und was Politik auslösen kann. So habe die internationale und europäische Politik 2015 die Unterstützung der Länder vernachlässigt, in denen Flüchtlingslager bereits waren. Folglich gerieten die Menschen vor Ort in Not und machten sich auf den Weg.

„Was hätte man tun sollen?“, so seine Frage in die Runde. Er sei für die Aufnahme der hilfesuchenden Menschen gewesen und gegen eine Begrenzung – anders als etwa Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger. Wenn die Menschen „verrecken“ würden, könne man nicht sagen: „Bei 1000 ist aber Schluss!“ Sicher könne Deutschland nicht zwei Millionen Menschen aufnehmen, doch die die auf der Flucht seien, sollte man nehmen.

Es gebe bei den Freien keinen Fraktionszwang, Aiwanger habe eine harte Linie vertreten – „mittlerweile sind die Freien Wähler auf meiner Linie!“, so Vetter. Er sieht in den Flüchtlingen auch eine Chance für das Land, das sonst überaltert.

„Mittlerweile sind die Freien Wähler auf meiner Linie!“

Dr. Karl Vetter

„Erdogan ist kein Demokrat“

„Und was ist mit der Türkei?“ folgte eine Frage aus den Gerhardinger-Reihen. Die löste Achselzucken beim Landtagsabgeordneten aus. Sicher sei Erdogan kein Demokrat, doch müsse man andererseits eine Antwort zur Flüchtlingsfrage vor Ort finden und der Türkei dabei helfen. Und was seien die Alternativen, fragte er. Sollte man Grenzzäune entlang der Südgrenze Deutschlands aufstellen? Es gelte, zu helfen und die Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen, nicht weiter ins Chaos abrutschen zu lassen.

Politischer Lebensweg

  • Start

    Der 1953 geborene Dr. Karl Vetter ist gebürtig aus Roding und hatte lange mit Politik nichts am Hut. Er arbeitete als Orthopäde in eigener Praxis in Cham. Er habe einfach keine Zeit dafür gehabt, sagt er.

  • Partei

    Dennoch sei ihm die Politik, speziell der Gang zu den Freien Wählern, praktisch anerzogen worden. Sein Vater habe sich in Roding für eine Unabhängige Wählergemeinschaft engagiert, als es in Bayern bis dahin nur eine Partei gegeben habe.

  • Kreistag

    1996 sei er dann vom damaligen Freie-Wähler-Chef im Landkreis, Volker Heiduk, gefragt worden, ob er für den Kreistag kandidiere. Da habe er zugesagt und sei auch gewählt worden.

  • Abschied

    2008 kam dann der Sprung in den Landtag für die Freien Wähler. Verantwortlich ist er etwa für den Bereich Gesundheit. 2013 wurde er wiedergewählt. Und 2018 werde Schluss sein, sagte er. Der heute 63-Jährige will nicht mehr antreten. Und vielleicht wieder in die Medizin zurückkehren. (ck)

Die Flüchtlinge und die Politik habe das Problem AfD aufgebracht. Mancher wähle sie aus Angst, aus Protest oder, weil dort schnelle Lösungen versprochen würden. Monatelang habe Bayerns CSU und Horst Seehofer insbesondere gegen Kanzlerin Merkel geschimpft und Dinge losgelassen wie „Wer betrügt, der fliegt!“. Dadurch habe mancher Zuhörer gesagt, der Seehofer habe Recht – vor allem aber, weil Politik keine Lösungen angeboten habe. Das habe die Menschen „narrisch“ gemacht und in die Arme der AfD getrieben. Hätte man sich gleich zusammengesetzt und nach einer Lösung gesucht, wäre das ausgeblieben, meint Dr. Vetter.

Zu wenig Politik an der Schule

Die Leute seien zu wenig informiert, meinte eine Schülerin. Und der Politikunterricht komme zu kurz, ergänzte Lehrerin Sigrid Schmaderer. Nur eine Stunde pro Woche, da könne nicht viel informiert werden, sagte sie. Viel informiert werde auch nicht über das Handelsabkommen TTIP, sagt Vetter. Deshalb sei man dagegen, habe jetzt sogar eine Volksbefragung initiiert. Das Volk solle hier mitreden und es sollten immer die höheren Standards gelten, betont Dr. Vetter. Die Geheimnistuerei sei der falsche Weg. Zudem schließe man hier wieder die armen Länder wie Afrika aus.

Nachgefragt nach dem Bundesverkehrswegeplan erläuterte Vetter die einhellige Aufregung im Landkreis. Versprochen worden sei der Ausbau der B85 parallel zur A6. Die sei fertig – die B85 lange nicht. „Wir sind dran!“, so Vetter. Keine Lösung sah er darin, seinen Posten 2018 einfach mit der Bürgermeisterin zu tauschen – dafür sei er zu alt. Und auch zum Zusammenschluss der beiden Realschulen wusste er nur wenig zu sagen. Wichtig sei das Beste für die Schüler, sagte Dr. Vetter.

„Leute wie ihr!“

Im Wein lag somit in gewisser Weise für Dr. Karl Vetter die Wahrheit und der Weg zur Politik – eine Tugend, die viele Menschen heute gar nicht mehr damit zusammenbringen können. Andererseits ist die Wahrheit nicht immer schwarz-weiß und so einfach und klar zu erkennen, wie mancher zunächst denkt. Das machte Vetter dem Nachwuchs klar. und auch, dass nicht irgendein Prominenter die Republik regiere, sondern, „dass sind Leute wie ihr!“ Deshalb wiederholte er mehrfach den Appell an die Schülerinnen: „Beteiligt euch!“

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