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MZ-Serie

Wer hat im Betrieb etwas zu sagen?

Betriebsräte vertreten die Interessen der Arbeitnehmer in Unternehmen. Im Landkreis Cham gibt es solche Gremien nur selten.
Von Jana Wolf

In unserer Echo-Themenwoche gehen wir ab heute sechs Tage lang der Frage nach: Wie viel Mitbestimmung gibt es im Landkreis Cham? Foto: Wolf

Cham.Wir arbeiten immer mehr – am Arbeitsplatz, im Ferienjob, im Haushalt und Garten oder bei der Erziehung der Kinder. Gut 45 Stunden pro Woche hat das Statistische Bundesamt für einen erwachsenen Bundesbürger im Durchschnitt errechnet. 20,5 Stunden davon werden mit Erwerbsarbeit ausgefüllt, fast zwei Stunden mehr als noch ein Jahrzehnt zuvor. Die restlichen 24,5 Stunden sind unbezahlte Tätigkeiten. Wir müssen wir immer mehr leisten. Das sind die Fakten.

Und wir wollen bei der Arbeit gehört werden. In unserer individualisierten Gesellschaft sehen wir uns selbst nicht nur als Arbeitskraft, die rund um die Uhr funktioniert. Wir wollen uns selbst verwirklichen – und unsere Arbeitszeit mitgestalten. Ab heute gehen wir eine Woche lang der Frage nach: Wie viel Mitbestimmung gibt es im Landkreis Cham?

Keiner erfasst die Betriebsräte

Wir sprechen mit Gewerkschaftern, Betriebsräten und Arbeitgebern und wollen wissen: Wie treten Arbeitnehmer für ihre Interessen ein? Wird ihre Stimme gehört? In welchen Unternehmen gibt es Betriebsräte und was können sie erreichen?

Eines gleich vorweg: Es gibt keine Zahlen, wie viele Unternehmen im Landkreis einen Betriebsrat haben. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) erfasst lediglich die Unternehmen, die im Handels- und Genossenschaftsregister gelistet sind: 9292 Die Betriebsräte sind nicht erfasst.

Erzieherinnen und Sozialarbeiter protestieren im Kita-Tarifstreit mit Transparenten mit der Aufschrift „Wir sind es wert“. Foto: dpa

Auch im Landratsamt gibt es dazu nichts Konkretes. Und selbst der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Dachorganisation aller Gewerkschaften, kann keine Zahlen liefern. Während die Wirtschaftskraft der Region in Statistiken genau erfasst wird, gibt es über die Interessensvertretung der Menschen, die sie erbringen, keine Informationen. Was sagt das über die Mitbestimmung in der Region aus? Wir fragen bei den einzelnen Gewerkschaften nach.

Die IG Metall betreut hier die Betriebsräte in 14 Unternehmen. Dazu zählen neben Siemens mit 730 Mitarbeitern auch der Automobilzulieferer Continental in Roding (641 Mitarbeiter), der Verpackungshersteller Gebhardt in Cham (378) oder der Fenster- und Fassadenbauer Schindler in Roding (278). Den 14 von der IG Metall betreuten Unternehmen stehen allerdings 16 entgegen, in denen die Gewerkschaft nicht vertreten ist.

Zollner und Mühlbauer sind „ohne“

Der größte Arbeitgeber, die Zollner Elektronik AG in Zandt, deren Senior-Chef 2016 als „Manager des Jahres“ ausgezeichnet wurde, hat keinen Betriebsrat. Das gleiche gilt für den Maschinenbauer Mühlbauer in Roding. Bei der Gewerkschaft sorgt das für Missmut. Jürgen Scholz, der Bevollmächtigte der IG Metall Regensburg: „Der Landkreis Cham ist eine ziemlich mitbestimmungsfreie Zone.“

Die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) betreut nur fünf Unternehmen im Landkreis: die Allemann GmbH in Grafenwiesen, RKT Rodinger Kunststoff-Technik, den Ableger der Röchling Gruppe in Roding, Uvex in Lederdorn und Flabeg in Furth im Wald. Auch bei der IG BCE bleibt der größte Player im Branchenfeld, die Ensinger GmbH in Cham, außen vor. „Keiner hat dort Lust, etwas mit uns zu machen“, sagt Hartmuth Baumann, der Bezirksleiter der Gewerkschaft. Er sieht den Landkreis Cham in Sachen Mitbestimmung als „Ausreißer in der Fläche“. Es gebe deutlich weniger organisierte Betriebe als in benachbarten Landkreisen.

„Keiner hat dort Lust, etwas mit uns zu machen.“

Hartmuth Baumann, Bezirksleiter der Gewerkschaft

Für die IG Bauen-Agrar-Umwelt fällt die Bilanz noch schlechter aus. Kein einziges Unternehmen aus dem Baugewerbe ist in der Gewerkschaft organisiert. In den Landkreisen Schwandorf, Neumarkt und Regensburg sei die Gewerkschaft besser vertreten, sagt Herbert Allert, der im Bezirksverband Oberpfalz für das Baugewerbe zuständig ist. „Seit 25 Jahren fahre ich in den Landkreis Cham und versuche dort Betriebsräte zu gründen. Aber keine Chance!“ Mehr als 80 Prozent der Mitglieder hier seien nicht in der Heimat beschäftigt, sondern pendeln in andere Landkreise.

Mitbestimmung

  • Träger

    Mit wirtschaftlicher Mitbestimmung ist die Teilhabe der Arbeitnehmer an Entscheidungen in Unternehmen gemeint. Träger der Mitbestimmung sind Betriebsräte und Aufsichtsräte.

  • Privatwirtschaft

    Für die Privatwirtschaft ist die Mitbestimmung im Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) geregelt. Darin steht: Um einen Betriebsrat zu wählen, müssen wenigstens fünf wahlberechtigte Arbeitnehmer ständig beschäftigt sein.

  • Gesetz

    Das Gesetz räumt Arbeitnehmern das Recht zur Betriebsratswahl ein; es gibt aber keine Verpflichtung dazu. Die Initiative muss von Arbeitnehmern bzw. ihren Gewerkschaften ausgehen. Der Arbeitgeber darf sie nicht behindern.

Die Bilanz der Gewerkschaft Ver.di: Etwa 20 Prozent der Betriebe haben einen Betriebsrat gewählt. „Darunter ist ungefähr die Hälfte von Ver.di begleitet beziehungsweise in Ver.di organisiert“, sagt Alexander Gröbner, der Oberpfälzer Geschäftsführer. Welche Unternehmen und Betriebe das im Detail sind, darüber gibt Gröbner keine Auskunft.

Fehlt Chamern die Streitkultur?

Was sind die Gründe dafür, dass für Gewerkschaften die Luft im Landkreis Cham so dünn ist? Werner Schwarzbach, der Vorsitzende des DGB-Kreisverbandes Cham, sagt: „Streitkultur gibt es hier nicht.“ In seinen 25 Jahren als Gewerkschafter habe er nur selten erlebt, dass Leute auf die Straße gehen und protestieren. Gewerkschaftliches Engagement sei nicht gern gesehen. „Die Leute haben vielleicht Angst, dass der Arbeitgeber etwas erfährt“, sagt Schwarzbach. Der 63-Jährige bedauert, dass es hier auch kaum gewerkschaftlichen Nachwuchs gibt. Seine DGB-Mitstreiter seien alle Rentner oder Pensionäre.

Hartmuth Baumann von der IG Bergbau ist in seiner Analyse vorsichtiger. „Vielleicht herrscht einfach eine gute Atmosphäre in vielen Unternehmen.“ Arbeitnehmer würden sich oft erst an die Gewerkschaft richten, wenn es Probleme gibt oder ein Eigentümerwechsel ansteht. Viele Unternehmen im Landkreis seien aus familiären Strukturen heraus entstanden oder traditionell geprägt, sagt Baumann. In diesen Strukturen gibt es offensichtlich keine Kultur der Mitbestimmung durch die Arbeitnehmer.

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

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