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Freitag, 19. Januar 2018 5

Landwirtschaft

Das Dilemma beim Milchpreis – unlösbar?

Die Chamer Grünen diskutieren mit Bauern auch über TTIP – ohne Ergebnis. Aber: „Wir wissen, woran wir arbeiten müssen.“
Von hans Schmelber

Cham.Keine schlechte Idee, die der Kreisvorsitzende der Grünen Michael Doblinger da hatte – eine gemeinsame Veranstaltung des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) mit den Grünen. Die Hauptredner: Dr. Hans-Jürgen Seufferlein, Geschäftsführer vom Verband der Milcherzeuger Bayern e.V. (VMB) und Gisela Sengl, die stellvertretende Fraktionssprecherin und agrarpolitischen Sprecherin der Grünen im Landtag.

Das Komplizierte am Milchmarkt

Die örtliche Landwirtschaft vertraten am Montagabend im Hotel am Regenbogen BBV-Geschäftsführer Franz Kerscher, Kreisobmann Josef Wutz, Kreisbäuerin Johanna Fischer und der Kreisvorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) Roland Decker. Michael Doblinger sprach bei seiner Einführung von einer „Marktumkehr“, die jetzt kommen müsse.

Dr. Hans-Jürgen Seufferlein beschrieb die Situation so: „Es geht nicht um einen Eimer Milch, der überläuft, dann geben wir halt etwas weniger in den Eimer und alles ist in Ordnung.“ Der Milchmarkt sei wesentlich schwieriger und auch anders als die anderen landwirtschaftlichen Märkte. Denn: „Milch ist ein verderbliches Gut.“

Milchquote ist nicht das Problem

Das Problem sieht Dr. Seufferlein nicht beim Auslaufen der Milchquote. Die Kriste habe 2014 begonnen mit dem Wendepunkt der Weltagrarmärkte. Viele EU-Länder verkauften ins Ausland, wo aber durch den stark gefallenen Ölpreis die Geldmittel fehlen. Der Geschäftsführer vom Verband der Milcherzeuger forderte ein qualitatives Wachstum statt Export. Milchproduktion müsse wertschöpfungsorientiert sein und nicht nach Masse ausgerichtet.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Gisela Sengl sagte in Richtung Dr. Seufferlein: „An ihre Qualitätsforderung kann ich sehr gut anknüpfen.“ Und weiter: „Ich verstehe auch nicht, warum ein bayerischer Bauer Milch für den Weltmarktpreis produzieren soll.“ Sengl bemängelte, dass trotz des äußerst niedrigen Milchpreises der Käse im Verkaufsregal genauso viel kostet wie früher. „Da stimmt grundsätzlich was am Markt nicht“, erklärte sie. Bei den Rohstofflieferanten als letzte in der Kette werde immer gespart. Wenn die Verbraucher wirklich regionale Ware wollten, dann müssten sie auch bereit sein, mehr dafür zu bezahlen.

Sengl sprach im Bereich Bio von einer Unterversorgung. Der Biomarkt wachse kontinuierlich, und Deutschland importiere in diesen Bereich. In Schleswig-Holstein werde jetzt schon schwedische Bio-Milch eingeführt.

TTIP wird nach Einschätzung von Gisela Sengl nichts bringen. Die Amerikaner produzierten in allen Bereichen billiger als wir.

Kopf schütteln über Amerikaner

Auch Dr. Seufferlein kam noch kurz auf TTIP zu sprechen. „Man kann nur den Kopf schütteln, wie die Amerikaner da vorgehen“, sagte er: „Unsere Standards sind wesentlich besser, und diese gilt es zu verteidigen“.

„Was beide Seiten jetzt dargestellt haben, wird die Diskussion sicher nicht einfach machen“, stellte Michael Doblinger dann fest. Und sein letztes Wort: „Wir haben heute Abend keine Lösung gefunden, aber wir wissen, woran wir arbeiten müssen

Stimmen in der Diskussion

.“Erste Wortmeldung: „Europa macht den Weltmarktpreis kaputt“, sagte ein Diskussionsredner und fragte: „Wir Deutsche sind Exportweltmeister, warum haben wir den niedrigsten Preis?“

Der Bauernverband sei mittlerweile ein absolutes Sprachrohr der Milchindustrie, aber nicht für die Erzeuger, sagte ein Kritiker: „Uns wird immer vorgegaukelt, es wird wieder besser, aber genau das Gegenteil ist der Fall.

Ein Landwirt bündelte ein ganze Reihe von Vorwürfen und prophezeite, dass von den jetzt gut 15 000 Bauern in zehn Jahren dann noch vielleicht 1000 übrig sind.

Milchtankstellen seien keine Lösung. „Wir haben schon fünf im Landkreis, wie viele sollen es denn werden?“, fragte der Landwirt: „Bio ist auch keine Lösung“!

„Bio ist zwar recht und schön“, meinte ein anderer Landwirt, aber der Biobereich werde schwieriger werden. „Dann müssen wir eben eine Bio-Kampagne machen“, forderte dazu Gisela Sengl und richtete an die CSU den Vorwurf, die Discounter in Bayern groß gemacht zu haben: „In jedem Dorf steht schon fast ein Aldi oder Lidl“, sagte sie.

Die Grünen-Abgeordnete zeigte sich aber auch „sicher, dass nur Bildung und gute und qualifizierte Beratung weiterhelfen“. Die Landwirtschaftsämter müssten wieder stark gemacht und damit die staatliche Beratung forciert werden. „Brunner ist im Grunde genommen ein guter Minister, aber ihm fehlt das Geld“, sagte Gisela Sengl.

Milchbauer Johann Nagl meinte, es sei traurig, im reichsten Land der Welt als Landwirt einen Antrag auf Überleben stellen zu müssen.

Die Goldsteig-Molkerei habe von 2014 auf 2015 um 50 Millionen Euro weniger Milchgeld ausgezahlt, sagte ein Landwirt aus Ränkam. Von 2015 auf 2016 seien es gut 100 Millionen weniger gewesen. Dem ländlichen Raum würden damit 150 Millionen Euro entzogen.

Mehr Staat forderte einer, ein anderer weniger Einfluss. Es war ein Abend der Gegensätze und gegenteiliger Meinung.

Erstaunlich war, dass kein Vertreter des BBV das Wort ergriff.

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