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Ein Park zwischen alten Gräbern

Verlassene Orte: Auf dem „alten Friedhof“ in Bad Kötzting wurden einst Menschen, die der Pest zum Opfer fielen, beerdigt.
Von Stefan Weber, MZ

  • Clemens Pongratz ist Heimatforscher und von der Anlage fasziniert, die 1982 für Bestattungen geschlossen wurde. Fotos: Gabi Schönberger
  • Die Zeichen der Zeit gehen auch an Grabmälern nicht spurlos vorbei.
  • Eines der ältesten Grabmale, die heute noch vorhanden sind.
  • Ein Blick in den ältesten Teil des Friedhofes. Hier setzten sich begüterte Bürger des Marktes auch größere Denkmäler, die noch erhalten werden.

Bad Kötzting.Es ist Ende des 16. Jahrhunderts, als der Platz eng wird rund um die Kirche Mariä Himmelfahrt. Die Pest hat das Dorf Zeltendorf unweit des Marktes Kötzting heimgesucht. Die Leichen der unter Qualen Gestorbenen werden zuhauf durch das Tor der Kirchenburg gekarrt, wo sie an der Mauer der Kirche ihre letzte Ruhestätte finden. Schließlich wird es dem damaligen Landrichter zu viel, vielleicht auch, weil er über dem Torbogen gewohnt hat, durch den die Karren mit den Leichen gezogen werden. 1584 schreibt er an die Regierung, dass der Markt einen neuen Friedhof brauche, und noch im selben Jahr wird im Norden Kötztings eine Fläche zum Gottesacker geweiht, die Opfer des „Schwarzen Todes“ aus dem Ort verbannt.

So beginnt die Geschichte, die Clemens Pongratz zu erzählen hat. Eine Geschichte, die vor über vier Jahrhunderten begann, und die für den „alten Friedhof“ der heutigen Stadt Bad Kötzting zumindest in seiner ursprünglichen Bedeutung fast exakt 400 Jahre später, am 1. Januar 1982, endete. Heute ist der ehemalige Pestfriedhof eine Parkanlage, Bestattungen gibt es hier nicht mehr.

7000 Quadartmeter Ruhe

Doch der Friedhof wurde nicht „aufgelassen“, die Steine nicht entfernt und die Familien auch nicht dazu gedrängt. Wer heute durch die rund 7000 Quadratmeter große Anlage geht, der spürt nichts mehr vom Leid der Angehörigen. Der Tod ist hier nicht mehr zu Hause, es ist Frieden eingekehrt. Wer heute durch den früheren Friedhof geht, der genießt die Ruhe und wirft einen Blick auf die teils aufwendig gestalteten Grabsteine – und wundert sich, dass keiner älter als Ende des 19. Jahrhunderts zu finden ist.

„Bis 1835 war es üblich, die Bürger weiterhin an der Kirche zu bestatten“, erklärt Pongratz. Danach wurde das zwar verboten, doch die Kötztinger nahmen es bis 1890 „nicht ganz so ernst“. Wer „Geld hatte“, bestand auf seine Grabstätte in Nähe der Kirche. Pech für die „Hartnäckigen“: Deren Gräber sind mittlerweile verschwunden, die auf dem „alten Friedhof“ nicht. Allerdings: Als alle Bürger hier zwingend bestattet werden mussten, wurde der Platz eng, und so verschwanden zunehmend ältere Gräber, um die sich niemand mehr kümmerte. Die ersten Erweiterungen gab es erst um 1900 und 1933.

Aus dieser Zeit stammen aber auch die aufwendigsten Grabsteine. Türme aus weißem Stein, mit Zinnen verziert. Große Monolithen, rundherum mit Gold beschriftet – und sogar ein großer Vogel mit Laterne im Schnabel findet sich auf einem Grab. Manche Grabsteine sind etwas schief, doch so lang sie der regelmäßigen Überprüfung durch den Steinmetz standhalten, dürfen sie stehenbleiben. Große und auch heute noch bekannte Familien der Stadt haben hier ihre Grabstätten. Bei vielen steht nur noch der Grabstein zum Andenken. Die Einfassungen wurden entfernt –so kann die Stadt die „Grabpflege“ durch einfaches Mähen mit übernehmen. Es gibt aber noch viele, die ihre Gräber pflegen, auch wenn es keine Beerdigungen mehr gibt.

Dass der so lange genutzte Friedhof heute ein im weitesten Sinne „verlassener Ort“ ist, liegt auch daran, dass er irgendwann einmal zu klein geworden ist. Gab es im 16. Jahrhundert vielleicht 1000 Einwohner – wie Clemens Pongratz nur schätzen kann – so sind es heute über 7000. Dazu überholt den früheren Pestfriedhof die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die mit zwei Weltkriegen mehr Tote hervorbrachte, als die tödlichen Seuchen der frühen Neuzeit.

Erweiterungen im Wandel der Zeit

Wer sich auf dem Gelände umsieht, der bemerkt auch die verschiedenen Epochen, in denen der Friedhof in Quadraten immer wieder erweitert wurde, bis es schließlich keinen Platz mehr gab. Heute grenzt er an einer Seite an eine Berufsschule, an den beiden Längsseiten stehen Wohnhäuser und an der Seite des Hauptportales grenzt ein zentraler Platz des Stadtnordens an. 117 Gräber kamen 1944 dazu – das ist auch die Jahreszahl, die sich an vielen Grabsteinen findet. Mit Ende des Zweiten Weltkrieges kamen viele Menschen auf der Flucht in den Ort, die hier ab 1950 in einer zusätzlichen Erweiterung in rund 80 Gräbern eine Ruhestätte fanden. Sogar 1960 wurde die Fläche noch einmal vergrößert.

Hohe Bäume säumen den Weg, Bänke sind aufgestellt. Vieles erinnert schon an einen Park. Doch zeugen auch Zeichen des Verfalles davon, dass dieser Ort der Ruhe inmitten der Stadt eben doch ein klein wenig „verlassen“ ist. Grabplatten an der Friedhofsmauer sind entfernt worden oder heruntergefallen. Die Ummauerung selbst – deren Alter in Teilen gar nicht mehr beziffert werden kann – drohte einzufallen und muss gestützt werden. Doch das alles sind Maßnahmen, die viel Geld kosten würden – und das, obwohl die Stadt zwar die Pflege der Anlage übernimmt, jedoch keine Gebühren mehr von den Besitzern der Gräber verlangt. Dabei ist die Stadtkasse leer. „Das wird bestimmt noch Jahre in Anspruch nehmen“, sagt Markus Hofmann, der Bürgermeister der Stadt. Ein Konzept für die Gestaltung zur „echten“ Parkanlage gibt es noch nicht, auch keine Kostenschätzung. „Aber da wird eine Million Euro nicht reichen“, meint er. So wird der alte Friedhof in Bad Kötzting zur finanziellen Mammut-Aufgabe für die Stadt. An Auflösung will dennoch niemand denken, dafür ist er ein viel zu wertvoller Ort der Ruhe und der Erinnerung an hektischen Tagen.

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