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Montag, 18. Dezember 2017 5

Menschen

Hans Stangl hat Krebs – und steht im Leben

Der Unternehmer aus Roding hat einen Gehirntumor. „Warum ich?“, das fragt er sich nicht. Er kämpft mit Realismus gegen die Krankheit.
Von Frank Betthausen

Am Montag war er erstmals wieder von morgens bis abends in der Firma in Roding. Hans Stangl unterhält sich hier mit einem seiner Mitarbeiter über das Gehäuse einer Einspritzpumpe. Foto: Betthausen

Roding.Er hat es beim Autofahren gemerkt. Zweimal kurz hintereinander randelte Hans Stangl mit der rechten Wagenseite an einem Hindernis an. „Das ist nicht meine Art“, dachte er sich. Als er zu Hause und in der Firma beim Gehen auch noch gegen Möbelstücke stieß, war ihm klar: Da stimmt etwas nicht. Stangl ging zum Hausarzt, der ihn zur Kernspintomographie nach Wörth schickte. Am 27. März hatte der Unternehmer und Lokalpolitiker der Freien Wähler Gewissheit darüber, wie viel nicht stimmte. Die Diagnose: ein Tumor, ein Glioblastom, das sein rechtes Sehfeld einschränkte. Stangl sagt es in der ihm eigenen, direkten Art: „Das habe ich auch gesehen, dass da ein ganz schönes Teil im Kopf drinhängt.“

Er ist wieder voller Tatendrang

Inzwischen ist es weg – das Teil am Hinterkopf. So gut es ging. Wegen der Verletzungsgefahr können hirneigene Tumore nie ganz entfernt werden. Am 31. März lag der 53-Jährige bei den Barmherzigen Brüdern in Regensburg unter dem Messer. Es folgten eine 30-tägige Chemotherapie mit Hartkapseln, die er zu Hause einnehmen konnte, und die Bestrahlung am Medizinischen Versorgungszentrum der Barmherzigen Brüder Cham.

„Der erste Step“, wie Stangl es nennt, endete vor zwei Wochen. Nach dieser Phase sagt der Rodinger: „Mir geht’s momentan richtig gut.“ Abgesehen von Kopfschmerzen, gegen die er Weihrauch-Tabletten nimmt, fühlt er sich voller Tatendrang und Kraft. Nicht immer zur Freude seiner Frau, die ihn einbremsen muss, wenn er – so wie neulich – bei Saharahitze daheim Heu macht. Aber Stangl will und braucht diesen Ausgleich.

Lokalpolitiker und Unternehmer

  • Roding Roadster

    Hans Stangl hat sich als ehrlicher Lokalpolitiker und Unternehmer einen Namen gemacht. Er verlieh dem Landkreis mit dem legendären Roding Roadster überregionale Bekanntheit.

  • Freie Wähler

    Für die Freien Wähler sitzt Stangl im Rodinger Stadtrat und im Kreistag. 2014 kandidierte er im Landratswahlkampf gegen Franz Löffler.

  • Familie

    Hans Stangl kam am 16. Juli 1961 in Unterlintach auf die Welt. Er ist seit 30 Jahren mit Monika Stangl verheiratet und hat drei Töchter: Stefanie (29), Susanne (28) und Theresa (20).

  • Enkel Ferdinand

    Stefanie brachte mit Enkel Ferdinand – dreieinhalb Jahre alt und „waffenscheinpflichtig“, wie Stangl sagt – viel Freude ins Leben des 53-Jährigen.

  • Beruf

    Stangl ist gelernter Werkzeugmacher und baute ab 1987 seine eigene Firma auf. Als Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer der Stangl & Co GmbH Präzisionstechnik gibt er rund 320 Beschäftigten Arbeit.

  • Firmengruppe

    Zur Firmengruppe gehören heute die SK Präzisionstechnik Stangl & Kulzer GmbH Waldmünchen, die Roding Automobile GmbH und die SK Carbon Roding GmbH.

  • Freizeit

    Hans Stangl ist Schützenmeister der Rosenholzschützen Unterlintach . In seiner Freizeit begeistert er sich darüber hinaus für Autos und Motorräder.

  • Gastwirt

    Außerdem ist er Hobby-Gastwirt – seine Tochter Susanne betreibt die Weiberwirtschaft in Kalsing – und ein Mann mit einem Herz für alte Häuser. Seit einigen Jahren saniert er Gut Hötzing . (bf)

Seine Mitarbeiter hat der Unternehmer von Anfang an über sein Schicksal informiert. Am Sonntag vor der OP holte er seine geschockten Kinder zusammen, um über alle Eventualitäten zu reden. Direkt vor der Abreise in die Klinik nach Regensburg weihte er am Montag seine Gruppenleiter im Betrieb ein. „Das war für meine Mitarbeiter wichtig“, sagt er. „Dieses Vertrauen – und dass sie es nicht hintenrum gehört haben.“ Bis heute haben seine Beschäftigten keine Berührungsängste. Sie fragen, wie es ihm geht und reden mit ihrem Chef über die Krankheit. Etwas, das längst nicht alle können – in einer Gesellschaft, in der der Krebs immer noch als Tabuthema gilt. „Sehr viele haben Hemmungen, zu fragen: Wie geht’s dir?“, berichtet Stangl.

Sein Rat: Nichts im Internet suchen

Er selbst war sein Leben lang Realist. Als er die Diagnose bekam, war er „gar nicht so von den Socken“. Er nahm die Herausforderung mit wachem Sinn an. „Jeder wünscht sich, dass nix kommt. Aber wenn eine Krankheit kommt“, auch diese Aussage ist ganz Hans Stangl, „muss man sich damit auseinandersetzen“.

Es bringt nichts, im Internet über die eigene Erkrankung zu recherchieren: Diesen Ratschlag hat er für andere Betroffene. „Das macht jeden kaputt.“ Das Schlimmste wäre es für den 53-Jährigen gewesen, sich zu Hause zu verkriechen. Er wollte weitermachen wie immer: in seiner Firma sein, soweit es seine Kräfte und die Bestrahlungstermine zuließen, sonntags auf Gut Hötzing grillen und seiner Frau bei der Küchenarbeit helfen. „Das habe ich einfach gebraucht.“

Bunte Mützen wie diese sind so etwas wie sein neues Markenzeichen geworden. Hans Stangl trägt sie aus Schutz vor der Sonne – und gerne auch zum schwarzen Anzug. Foto: Betthausen

Nur die Politik musste ein wenig zurückstehen. Jetzt greift er auch dort wieder an. „Im Werkausschuss habe ich sehr engagiert mit dem Landrat diskutiert“, sagt er. „Das hat mir wieder Spaß gemacht.“ So, wie er sich unglaublich über die Post, die Mails und die Nachrichten seiner politischen Freunde freute. „Jede Zeile, die man bekommt, motiviert einen“, sagt er.

Die Frage „Warum ich?“ hat er sich nie gestellt. Und mit dem Tod hat er sich gleich dreimal nicht beschäftigt. Er sehe die Geschichte als zweite Chance. Bei einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall wäre er vielleicht gleich tot gewesen – so sieht er es. „Meine Aufgabe ist es, diesem Tumor möglichst viele Lebensjahre abzuluchsen.“ Wie viele das seien, das liege nicht in seiner Hand.

Auch Markus Sackmann half ihm

Einer, der ihm immer wieder gute Ratschläge gibt, ist Markus Sackmann. Der CSU-Politiker, der gleich gegen mehrere Gehirntumore kämpft, ist für Stangl ein wichtiger Gesprächspartner. Die beiden halten engen Kontakt und tauschen sich aus.

Dazu kommen seine Frau und seine Kinder, die ihm helfen, wo sie können – und seine Mutter. Die 78-Jährige hatte in den vergangenen drei Monaten, in denen sich der Autonarr Stangl wegen seiner Medikamente nicht hinters Steuer setzen durfte, eine besondere Aufgabe: Als seine Privat-Chauffeurin nahm sie ihn in ihrem Ford Fusion auf den kürzeren Fahrten überall hin mit. „Ich genieße diese Zeit mit meiner Mutter“, sagt Stangl. Und noch etwas hat er zu schätzen gelernt: die Besuche in der Kirche. Die Ruhe dort erlebt er als entschleunigend. „Der Glaube gibt mir Kraft. Auch das Gespräch mit Gott.“

Ende Juli hat er wieder Untersuchungen vor sich – unter anderem beim Neurologen. „Da wird man sehen, ob ein bissl Ruhe eingekehrt ist“, sagt Stangl über den Tumor. Und: Ob er wieder Auto fahren darf. Fest steht, dass der Kampf gegen die Krankheit für ihn ab August noch einmal sechs Wochen lang mit einer Chemotherapie weitergeht – ohne Bestrahlung.

Und auch wenn der Unterlintacher nicht viel grübelt: Die Frage, woher der Tumor kam, treibt ihn trotzdem um. Da kommt der kritische Politiker in ihm durch. Ist es die Gesellschaft? Sind es die Gifte, die der Mensch in der Umwelt versprüht? Ist es die Handy-Strahlung? Die eigene Bequemlichkeit, sich zu oft mit industriellem Essen zu ernähren? Das sind Fragen, die sich Stangl stellt. „Vielleicht ist es die Summe mehrerer solcher Dinge“, sagt er. Und wird nachdenklich: „Ich glaube, dass wir unsere Lebensweise grundlegend ändern müssen.“

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