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Wissenschaft

Die Toten hatten einen Taler im Mund

Die archäologischen Ausgrabungen an der Pfarrkirche Heinrichskirchen legen 1000 Jahre Geschichte der Region frei.
Von Katharina Schmidt

Die aufgefundenen Gräber wurden exakt vermessen und dokumentiert. Foto: Dr. Mathias Hensch

Rötz.Im Vorfeld der Baumaßnahmen zur Erweiterung der Sakristei der Pfarrkirche St. Nikolaus Heinrichskirchen fanden in der Woche vor Ostern archäologische Ausgrabungen im Bereich neben der vorhandenen Sakristei statt. Diese waren ein Bestandteil der Baugenehmigung, da die Errichtung des unterkellerten Sakristeianbaues innerhalb einer Bodendenkmalfläche des bis 1951 bestehenden Pfarrfriedhofes liegt.

Wie zu erwarten, wurde von den Archäologen hierbei ein Teil dieses ehemaligen Friedhofes erfasst und untersucht. Mit erstaunlichen und geschichtsträchtigen Ergebnissen, so Grabungsleiter Dr. Mathias Hensch von der Schauhütte-Archäologie in Lappersdorf.

Die Ausgräber legten die Gräber Schicht um Schicht frei. Foto: Dr. Mathias Hensch

Die untersuchten Gräber nördlich der Kirche gehörten größtenteils in das 19. Jahrhundert. Dies ließ vermuten, dass im Mittelalter und in der frühen Neuzeit der Pfarrfriedhof größtenteils südlich der Kirche lag. Dennoch gaben Reste von Kleidungsstücken, Elemente der Totentracht, Rosenkränze, hölzerne und metallene Kruzifixe, Applikationen, Fingerringe und Münzen den Experten viele interessante Einblicke in die neuzeitliche Begräbniskultur der nordöstlichen Oberpfalz.

Eine Münze in den Mund gelegt

So wurde etwa noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einem Verstorbenen eine Münze in den Mund gelegt. Diese Sitte sei bereits aus der Antike belegt und zeuge von einem lebendigen Aberglauben in der dörflichen Bevölkerung, erklärte Dr. Hensch. Solche Gegenstände sind zur damaligen Zeit in der Regel als Bezahlung für den Fährmann „Charon“ mitgegeben worden. Dieser sollte die Verstorbenen über den Fluss Styx in das Totenreich bringen.

Ein Gefäß aus dem 9. Jahrhundert

Scherben eines Keramikgefäßes aus dem 9. Jahrhundert Foto: Dr. Mathias Hensch

Von siedlungsgeschichtlicher Bedeutung des Ortes Heinrichskirchen sind zudem Funde frühmittelalterlicher Bodenfragmente eines Gefäßes aus dem 9. Jahrhundert. Diese Keramikfunde belegen wie auch die Reste einer mit Holzkohle durchsetzten Bodenschicht eine ältere frühmittelalterliche Siedlung des 8. und 10. Jahrhunderts. Die gefundene Holzkohle wird zurzeit auf ihr genaues Alter hin untersucht.

Erst im Hochmittelalter (11. und 12. Jahrhundert) erhielt diese ältere Siedlung wahrscheinlich eine Kirche, so Dr. Hensch. Der Name dieser Siedlung sei wohl zugunsten der Ortsbenennung nach dem Kirchenstifter aufgegeben worden. Nach bisherigen Erkenntnissen wird Heinrichskirchen im Jahre 1285 erstmals urkundlich erwähnt. Da Urkundliches über die Gründung des Ortes und dessen Namensgebung nicht vorhanden ist, erweist sich auch die Deutung des Ortsnamens als sehr schwierig.

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Nach Meinung von Dr. Hensch kämen dafür im wesentlichen drei „Heinrichs“ als mögliche Kirchengründer und Namensgeber des Ortes in Betracht. Einmal Kaiser Heinrich II. (regierte von 1102 bis 1024), der dem neu gegründeten Bistum Bamberg nach 1007 eine große Anzahl an Königsgütern in der heutigen Oberpfalz schenkte. Darunter befand sich beispielsweise die 17 Kilometer westlich von Heinrichskirchen gelegene Ortschaft Wenigrötz.

Einer von drei Heinrichs

Da Heinrichskirchen in einer stark mit slawischen Ortsnamen durchsetzten Siedlungslandschaft liegt, sei es denkbar, dass die Kirche als ein Ausgangspunkt zur kirchlichen Organisation der zu großen Teilen slawischen Bevölkerung im Raum um Rötz gegründet wurde. Zum anderen käme auch Heinrich, Graf auf dem Nordgau von 980 bis 1017 in Betracht. Die Nordgaugrafen betrieben im Raum östlich von Nabburg vom 10. bis 12. Jahrhundert einen massiven Landesausbau mit Rodung und Ortsgründungen.

Als dritter im Bunde wäre noch Graf Heinrich I. von Ortenberg-Murach (gestorben 1241) zu nennen. Zu ihren großen, von den ausgestorbenen Grafen von Sulzbach, ererbten Ländereien gehörte auch ihre Hauptburg Murach. Daneben übernahmen sie aus dem Besitz dieser Familie auch die wichtige Burg Warberg bei Neunburg v.W..

Der Wahrheit am nächsten kommt wohl die Vermutung, dass der Ort Heinrichskirchen seinem Namen Kaiser Heinrich II. verdankt. Dass Heinrichskirchen jedoch auf Heinrich den Löwen zurückgeht, wie es die bei der heutigen Bevölkerung liebgewonnene Lokalsage erzählt, kann nach Aussage von Dr. Hensch historisch sicher ausgeschlossen werden.

Dr. Hensch ist Grabungsleiter

Grabungsleiter Dr. Mathias Hensch bedankte sich bei der Katholischen Kirchenstiftung Heinrichskirchen als Bauherrn der im Zuge der angelaufenen Kirchenrenovierung erweiterten Sakristei für die gute und reibungslose Zusammenarbeit während der Ausgrabungsarbeiten.

Hensch und seine Schauhütte-Archäologie ist durch verschiedene Grabungen in der Oberpfalz überregional bekannt. Heimatgeschichtlich interessierten You-Tubern beispielsweise dürften die vielfältigen Beiträge von Ausgrabungen in Nabburg schon gesehen haben. Wer mehr über die Schauhütte und deren Grabungsprojekte wissen will, ist auf der gleichnamigen Homepage gut informiert.

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